29. Mai 2008
Flughafen Tempelhof

Spitzenensemble trotzt Dachschaden

Die Berliner Philharmoniker im Ausweichquartier

Programm

Hector Berlioz
Cléopâtre, Lyrische Szene für Sopran und Orchester, Text: Pierre-Ange Vieillard de Boismartin
Symphonie fantastique op.14. Episode aus dem Leben eines Künstlers

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle - Dirigent
Susan Graham - Mezzosopran

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Spitzenensemble trotzt Dachschaden

Die Berliner Philharmoniker im Ausweichquartier

Von Beatrice Siering

Es sollte eine beflügelnde Aufführung werden. Zum Abheben schön. Doch was die Zuhörer da im Berliner Flughafen Tempelhof erlebten, war weder Fisch noch Fleisch und erinnerte eher an eine Art Klangbrei. Wirklich schade! Denn die renommierte Philharmonie am Potsdamer Platz hatte zuvor keine Kosten und Mühen gescheut, nach dem Brand aus der Not des Ausweichquartiers im Hangar 2 des Flughafens Tempelhof eine echte Tugend zu machen: Reflektorplatten über der Bühne und an den Seiten, schwarz betuchte Abhängungen, elektronische Verstärkung sowie ein Heer an Personal. Es nützte alles nichts.

Doch der Reihe nach. Auf dem Programm stehen an diesem Abend Berlioz' Kantate Cléopâtre und die Symphonie fantastique. Zwei kontrastierende Werke, die in ihrer Entstehung etwa in dieselbe Zeit fallen (1829 bzw. 1830/31). In ehrfurchtsvollem Klagegesang wendet sich Kleopatra alias Susan Graham angsterfüllt an ihre Ahnen. Die Schande ist ihr gewiss. Nach der verlorenen Seeschlacht von Actium ist sie Oktavians Macht ausgeliefert. Der lässt sich von ihren Reizen nicht beirren. Kühne harmonische Verkettungen und ein langsamer, kontinuierlicher Anstieg der Lautstärke künden von einer düsteren Feierlichkeit. Es ist Zeit. Kleopatra, die letzte Königin des pharaonischen Ägyptens muss Abschied nehmen. Sie wählt den Freitod durch den Schlangenbiss.

Die Rolle der Kleopatra: eine echte Herausforderung für die Berlioz-Expertin Susan Graham und die Musiker der Berliner Philharmonie unter Sir Simon Rattle. Schließlich sollen die seelischen und körperlichen Höllenqualen der Ptolemäerin "nur" konzertant mit Hilfe der Stimme und des Orchesters ausgedrückt werden - ohne Bühnenbild, ohne Szenerie und vor allem ohne Antagonisten. Vom würdevollen Lamento bis zu den letzten Herzschlägen einer ganzen Ära. Das piano der Mezzo-Sopranistin ist beeindruckend, besonders in den höheren Lagen. Doch schon nach wenigen Minuten gewinnt der Hörer den Eindruck als ob es zwischen Sängerin und Orchester "klappert". Und warum sind die Philharmoniker teilweise lauter als die Sängerin selbst? Auch die Tempiwechsel sorgen bei den Musikern bisweilen für Verwirrung. Susan Graham blickt Hilfe suchend in die Noten und wendet sich an Sir Simon.

So genannte Monitor-Boxen und das "Knöpfchen im Ohr" sorgen bei Popkonzerten dafür, dass sich die Musiker selbst hören und der Klang nicht einfach verpufft. Anders bei Klassikkonzerten. Hier ist der Sänger bzw. Instrumentalist auf die Reflexion der Klangwellen angewiesen. Werden die Wellen unterschiedlich gebrochen, kann es passieren, dass das Zusammenspiel aller Beteiligten ins "Schwimmen" gerät. Und das war wohl hier leider der Fall. Nicht, dass der Hangar 2 allen Klang geschluckt hätte. Aber einen Nachhall von zwei bis drei Sekunden darf man nicht unterschätzen. Das mag wohl auch Susan Graham dazu ermuntert haben, an der einen oder anderen Stelle mehr zu stützen und forcierter zu singen als nötig. Nach 20 Minuten: Pause, allgemeine Erleichterung und zurückhaltender Applaus.

Danach eines der bedeutendsten Werke der romantischen Musikliteratur: die Symphonie fantastique. Ein Stück mit starken autobiografischen Zügen, das von Berlioz' unerfüllter Liebe zu der irischen Schauspielerin Harriet Smithson in fünf Episoden erzählt. Gleich zu Beginn ein junger Musiker, der der Frau seines Lebens begegnet - charakterisiert durch das Leitmotiv der Geliebten. Der Künstler durchlebt verschiedene Stufen der Verliebtheit, begegnet ihr auf einem Ball wieder, erlangt schließlich Gewissheit, dass seine Liebe verschmäht wird und versinkt, nachdem er Gift geschluckt hat, in einen todesähnlichen Schlaf. Im Traum ermordet er die Angebetete. Wenig später finden sich beide bei einem Hexensabbat wieder, der musikalisch in einer höllischen Orgie endet.

Ein phantastisches Meisterwerk und richtungweisend für folgende Generationen. Fortschrittlich im Hinblick auf Leitmotivik, programmatischen Inhalt und die Offenheit fürs Fragmentarische; avantgardistisch in Sachen Orchestrierung. Wo hat der Zuhörer zuletzt schon einmal vier Paukenspieler, sechs Harfenistinnen und sieben Bassisten gleichzeitig erlebt? Die sorgen für interessante Klangteppiche, wogende Rhythmen und markieren ausgefallene Ideen. Wie zum Beispiel die zwei schaurig schönen Totenglocken im finalen Danse Macabre.

Trotz eines souveränen Simon Rattle, der völlig frei und ganz ohne Partitur dirigiert, treten auch hier die akustischen Mängel wieder offen zu Tage. Etwa wenn sich zwei Hirten (verkörpert durch Englischhorn und Oboe) im dritten Satz unterhalten. Es ist eben ein Provisorium und eine echte Herausforderung für alle Beteiligten, nicht zuletzt auch wegen der minutenlangen Rotorgeräusche eines Hubschraubers vor den Toren der Halle. Dem Beifall der 2500 Gäste tut das allerdings keinen Abbruch.

Bereits Mitte September kann man die Philharmoniker wieder an diesem ungewöhnlichen Ort erleben. Dann beim Musikfest Berlin mit Werken aus der Neuen Musik. Vielleicht eine etwas glücklichere Kombination.



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