15. und 30. Mai 2008
Philharmonie / Flughafen Tempelhof

Der Zauberer von Berli-Oz

Zweimal Berlioz mit den Berliner Philharmonikern

Programm

Hector Berlioz
Grande Messe des Morts [Requiem]





Hector Berlioz
Cléopâtre, Lyrische Szene für Sopran und Orchester, Text: Pierre-Ange Vieillard de Boismartin
Symphonie fantastique op.14. Episode aus dem Leben eines Künstlers

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Donald Runnicles - Dirigent
Joseph Kaiser - Tenor
Atlanta Symphony Orchestra Chorus



Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle - Dirigent
Susan Graham - Mezzosopran

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Der Zauberer von Berli-Oz

Zweimal Berlioz mit den Berliner Philharmonikern

Von Heiko Schon

Die Berliner Philharmoniker haben den Mai zum Berlioz-Monat erklärt - was für eine Wonne! Denn im Gegensatz zu den hauptstädtischen Opernhäusern, die in den zurückliegenden Spielzeiten einen sträflich großen Bogen um Trojaner, Faust & Co. gemacht haben, führt dieses Orchester gleich mehrere Werke des französischen Komponisten auf. Claudio Abbado eröffnete mit Te Deum die Waldbühnen-Saison und Sir Simon Rattle lud in den Hangar 2 des Flughafen Tempelhofs zu Cléopâtre und Symphonie fantastique ein. Neben solcherlei Köstlichkeiten, die immer wieder mal auf dem Speiseplan stehen, gab es aber auch eine echte Rarität. Ein genauer Blick ins Programmheft verrät: Das Requiem von Hector Berlioz erklang zuletzt vor 19 Jahren in der Philharmonie. Das hat einen triftigen Grund, sieht doch die vorgesehene Orchestrierung ursprünglich 180 Instrumente vor, was für einen Konzertabend dann doch eher unüblich ist. Diese sind nicht nur auf dem Podium untergebracht (wie auch?), sondern im ganzen Saal auf vier weitere Fernorchester verteilt. In so einer Mammut-Messe darf natürlich auch mit dem Chor nicht gekleckert werden: 98 Sopran- und Altstimmen, 44 Bässe, 42 Tenöre beinhaltet die Namensliste des Atlanta Symphony Orchestra Chorus. Und dem darf sich noch ein Solo-Tenor (überfordert: Joseph Kaiser) anschließen. Hört sich laut an? Nun, es ist laut. Unter anderem donnern 16 Pauken, etliche Posaunen und Hörner sowie ein Schlagzeug gleichzeitig auf feinfühliges Trommelfell ein. Da werden all diejenigen eines Besseren belehrt, die immer dachten, nur ein Rockkonzert sei ohrenbetäubend. Dennoch lässt man diese Blöcke mit zunehmender Teilnahmslosigkeit über sich ergehen. Irgendwann fällt dann der Groschen, weshalb dieses Monstrum nur selten aus dem Keller des Musikverlages rausgelassen wird: Dieser Berlioz punktet mit Masse, nicht mit Klasse. Donald Runnicles hat alle Hände voll zu tun, die Gewalten zu verwalten, sprich, ein Auseinanderlaufen zu verhindern. Doch bei aller handwerklichen Geschicklichkeit vermag auch der zukünftige Musikchef der DOB nicht, diese in Erfurcht erstarrte Partitur zum Schweben zu bringen. Berlioz schwebte damals das größte je geschriebene Werk vor. Tja, es bewahrheitet sich halt immer wieder: Größe ist nicht alles!

In einer Extremsituation ist auf den Berliner immer Verlass. Denn der lässt sich auch vom Feuerteufel nicht die Konzertlaune vermiesen und pilgert notfalls zum Flughafen Tempelhof. Dort angekommen ist ein lustiges Schauspiel zu beobachten. Es werden Hälse gereckt, die immer gleichen Fragen ans Personal gestellt, die Beine in den Bauch gestanden - doch alle bleiben gelassen und nehmen die Hürden eines Hindernisparcours auf sich, um an einen freien Sitzplatz im Hangar zu gelangen. Dem gegenüber stellt sich der Auftritt Susan Grahams wie ein Anachronismus dar. Eine der weltbesten Mezzosoprane steht mit edelster Abendgarderobe, teuer aussehendem Schmuck und einer Helmfrisur, die jeder amerikanischen Nachrichtensprecherin zu Ehre gereichen würde, in einer Halle für Flugzeuge (!). Dass sie die lyrischen Szenen der Cléopâtre edel, kultiviert und berauschend sinnlich interpretiert, macht den ersten Teil dieses Abends noch illusorischer. Doch spätestens wenn die ägyptische Königin ihr Leben ausgehaucht hat und die letzten Streicherklänge der Bassgeige in das Knattern des Rosinenbombers übergehen, weiß man wieder, wo man ist. Nein, mehr als das. Wenn Sir Simon die ersten Takte der Symphonie fantastique schlägt, leuchtet die Wahl dieses Ortes ein. Strahlende Allegri, fulminante Walzerklänge und erst recht die harten Glocken im Sabbat feuern, einem Echo gleich, durch die Reihen, machen todestrunken. Kräftig expressive und dennoch feine Farben öffnen sachte den Schlund zur Hölle. Ein Alptraum, eine Nachtmahr, ein Glücksfall. In Wien oder München würde man solch ein Ausweichquartier als "akustisch bedenklich" bezeichnen, aber in Berlin ist kein Platz für Etepetete.



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