28. April 2008
Philharmonie

Sind 12 zuviel für junge Ohren?

Abschluss des Beethoven-Webern-Zyklus der Berliner Philharmoniker

Programm

Anton Webern
Passacaglia op. 1
"Entflieht auf leichten Kähnen" op. 2
Kantate Nr. 2 op. 31

Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 9 d-Moll op. 125

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Simon Rattle - Dirigent
Camilla Nylund - Sopran
Magdalena Kožená - Alt
Štefan Margita - Tenor
Gerald Finley - Bass-Bariton
Rundfunkchor Berlin
Einstudierung: Simon Halsey

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Sind 12 zuviel für junge Ohren?

Abschluss des Beethoven-Webern-Zyklus der Berliner Philharmoniker

Von Fabienne Krause / Foto: Matthias Heyde

So wie Simon Rattle stets bemüht ist, die Jugend für die Klassik zu begeistern, versuchte er an diesem Abend in der Philharmonie diesmal dem Klassikpublikum einen eher ungeliebten Komponisten der Moderne näherzubringen. Anton Webern stand in der ersten Hälfte des Konzertes auf dem Programm. Das Publikum war allerdings wegen Beethovens Neunter gekommen - tosender Applaus, obwohl es Rattles Webern-Darbietung auch verdient hätte. Das Projekt der Hinführung des Pubklikums zur Zwölftonmusik musste also leider an diesem Abend scheitern. Webern hatte neben Beethoven einfach erwartungsgemäß keine Chance, wurde sogar regelrecht weggeblasen.

Mit diesem Konzert schloss ein ganzer Zyklus, bei dem Webern und Beethoven gegenüber gestellt wurden. Vielleicht ging es Simon Rattle aber hier auch nicht so sehr darum, die Hörgewohnheiten der Masse aufzusprengen, sondern mehr um eine gegenseitige Einflussnahme und Wirkung der dargebotenen Werke aufeinander. Oberflächlich betrachtet haben diese erstmal nicht viel miteinander zu tun. Weberns Stücke zeigen Ausschnitte seiner Entwicklung: Zunächst, als Schüler Arnold Schönbergs, komponierte er noch tonal (Passacaglia op. 1 und Entflieht auf leichten Kähnen op. 2), ab 1909 gelangte er zur Atonalität und ging später (1924/1925) zur Zwölftonmusik über (Kantate Nr. 2 op. 31).

Rundfunkchor Berlin

Die Passacaglia, verwurzelt im musikalischen Expressionismus, zeigt aber auch schon Weberns charakteristische musikalische Sprache mit stark verdichtetem Ausdruck. Gerade hier vollbrachten Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker eine erstaunliche Leistung, da das Stück durch die Vielfalt an dynamischen Kontrasten, Wechsel von Tempi und zwischen Dissoznanz und Konsonanz sehr anspruchsvoll ist. Bei Opus 2 handelt es sich um einen A-cappella-Chor zu einem Gedicht von Stefan George. Hier konnte der Rundfunkchor Berlin (Einstudierung: Simon Halsey) überzeugen, denn ihm gelang es, einen faszinierenden lyrischen Duktus zu wahren. Die Kantate Nr. 2 für Sopran- und Bass-Solo, gemischten Chor und Orchester besteht aus sechs Sätzen mit einer Folge von Rezitativ, Arie, Responsorium und Chorsatz und lehnt sich somit an die barocke Kantate an. Der Text dazu stammt von Hildegard Jone, welcher sich Webern in der späteren Schaffenszeit zuwandte. Durch ein konstant dissonantes Klangbild ist der Zugang beim Hören zwar schwierig, wurde aber mehr als ermöglicht durch den feinen, exakten Gesang und tiefen Ausdruck der Solisten.

Wenn man nun Parallelen zwischen den aufgeführten Werken finden möchte, könnte man zunächst bei dem Punkt ansetzen, der diese eigentlich augenscheinlich am meisten unterscheidet, nämlich Tonalität - Atonalität/Zwölftonmusik. Eine strikte Trennlinie in dieser Hinsicht kann man zwischen beiden Komponisten aber nicht ziehen. Zum einen sind Weberns Opus 1 und 2 noch in der Tonalität verhaftet. Zum anderen gibt es in Beethovens 9. einige dissonante, ja fast clusterhafte Akkorde, die den Rahmen der Tonalität sprengen und den Weg der Spätromantik zur "Neuen Musik" aufzeigen. Beethoven war zu Recht für die Zweite Wiener Schule ein Revolutionär, denn er ging zudem erstmals das Wagnis ein, die menschliche Stimme in einer Symphonie einzusetzen. Wie eingangs erwähnt, zeichnet sich Weberns musikalische Sprache durch hohe Komplexität und verdichteten Ausdruck auf engstem Raum aus. Gerade dieses findet man vor allem auch im Finale der 9. Symphonie. Der bisherige Verlauf wird im letzten Satz konzentriert in kürzester Abfolge dargeboten, wie es für die Zeit einmalig war.

Unter diesen Gesichtspunkten wirkt Rattles Beethoven-Webern-Zyklus also nicht mehr ganz so tollkühn und unpassend. Und auch die größten Kritiker seiner bisherigen Beethoven-Interpretationen konnte Rattle zumindest an diesem Abend beschwichtigen. Er bewahrte nämlich den satten "deutschen" Klang seiner Vorgänger. Der zweite Satz war dafür ganz Rattle-like, indem er die sowieso überaus rhythmischen Element dermaßen exakt sezierte und nebeneinandersetzte, dass die Generalpausen eine noch größere Abruptheit und Spannung bekommen. Auch dem letzten Satz kam sein Dirigierstil sehr entgegen: Mit der Mischung aus dem warmen, vollen Klangkörper der Berliner Philharmoniker und dem perfektionistischen Herausarbeiten von einzelnen Formteilen schaffte Rattle es zu begeistern. Reinster Ausdruck von Freude!



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