6. April 2008
Komische Oper Berlin

Mimi - ein Wintermärchen

Homokis Neuinszenierung von La Bohème an der Komischen Oper

Programm

Giacomo Puccini
La Bohème

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Carl St. Clair
Inszenierung: Andreas Homoki
Bühnenbild: Hartmut Meyer
Kostüme: Mechthild Seipel
Dramaturgie: Bettina Auer
Chöre: Robert Heimann
Kinderchor: Christoph Rosiny, Jane Richter
Licht: Franck Evin

Mimi: Brigitte Geller
Musette: Christiane Karg
Rodolphe: Timothy Richards
Marcel: Mirko Janiska
Schaunard: Günter Papendell
Colline: Renatus Mészár
Benoît: Hans-Martin Nau
Alcindor: Hans-Otto Rogge
Parpignol: Matthias Spenke
Sergeant: Mathias Bock

Chorsolisten und Kinderchor der Komischen Oper Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin

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Mimi - ein Wintermärchen

Homokis Neuinszenierung von La Bohème an der Komischen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus

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Vielleicht noch Violetta. Aber sonst stirbt keine so ergreifend, so herzzerreißend und, ja, so süßlich wie Mimi. Und wir alle sterben mit. Taschentücher trocknen dicke Krokodilstränen, die Psyche sitzt überall und nirgends, Melancholie - aber wie. Puccini, der Kardiologe, und Mimi, die Putzfrau der Seele: Wem da nichts abgeht, der kann wirklich zu Hause bleiben. La Bohème ist der klassische Inbegriff dessen, was wir in der Kunstgattung Oper suchen: die einen überwältigende, geradezu auffressende Leidenschaft. Der Ort ist egal, wenige Minuten reichen aus, und ein Mensch schenkt sein Herz, sein Leben einem anderen. Gibt es etwas Schöneres? Die böse Zunge spricht dann von Gefühlsduselei, der Verfallene von Liebe. Die Schlussszenen dieser neuen Bohème sind alles andere als sentimental. Rodolphe, der flennende Waschlappen, bleibt in seiner Unfähigkeit, seiner Hilflosigkeit, seiner Feigheit nur noch die Flucht: fort, nur fort von diesem Orte. Die Gesellschaft dreht sich weg, ist doch die große Show vorüber. Da habt ihr meine Spende - und nun lasst mich in Ruh'! Einzig Musette, die den Begriff zwischen (Geld-)Schein und Sein begriffen hat, verbleibt an der Seite Mimis. Deren Leichnam liegt inmitten von Geschenkpapier und Festtagsschmuck, Banknoten und Essensresten - breit getretene Überbleibsel einer materiell reichen, aber gefühlsarmen Welt. Die Kälte, die sie zuletzt empfand, es war keine körperliche. Und Vorhang!

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Andreas Homoki ist kein Revoluzzer, auch kein subtiler Minimalist oder bizarrer Bilderstürmer, aber was mag man ihm zum Vorwurf machen? Dass er mit Metaphern arbeitet, die ein jeder im Saal sofort begreift? Dass er das Leben der Bohemiens nicht radikal gegen den Strich bürstet? Homoki stellt sich in den Dienst eines Werkes, selbst oder gerade dann, wenn dessen Geschichte schon an die tausend Mal erzählt wurde. Behutsam senkt der Regisseur den Kitschpegel, verzichtet auf Mansarde, Café Momus und Künstlerviertel. Vom Quartier Latin ist nichts mehr zu sehen. Eher denkt man beim Anblick der nackten Brandmauer der Komischen Oper da an eine Ecke im Prenzelberger Kiez. Dort könnte sie hocken, die langhaarige, finanzklamme Studenten-WG und leben wie eh und je: von der Hand in den Mund. Mimi bekommt von Mechthild Seipel eine rosarote Baskenmütze aufgesetzt - ein Hauch Pariser Flair muss halt doch sein - und dann schärft Homoki die Messer, indem er zeigt, was aus dem Weihnachtsfest geworden ist: eine Materialschlacht wie bei Loriots Familie Hoppenstedt. Zu den Paradeklängen der Militärkapelle reißen die Chorsolisten die Präsente auseinander - das Lachen bleibt im Halse stecken - und Tusch! Für dieses Bild erträgt man sogar Slow-Motion in der Dauerschleife und einen Parpignol als hose-verlierenden Weihnachtsmann.

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Es bleibt ein Abend der großen Gesten, auch nach dem letzten Akt. Homoki empfängt seinen neuen Generalmusikdirektor mit offenen Armen, und Carl St. Clair heimst die ersten Beifallsstürme bescheiden ein. Später wird er sagen, er fühle sich nun wirklich angekommen. Es ist sicher zu früh über neue stilistische Ufer zu sinnieren, aber sein musikalischer Zugriff ist im Vergleich zu Kirill Petrenko ein gänzlich anderer. Sturm und Drang, strenge Streicher und kühle Hörner sind St. Clairs Sache nicht. Er liebt es engmaschig und feingliedrig, fast so, als webe er im Graben kleine Spinnennetze. Gibt die rechte Hand den Takt an, mit der linken formt er - tätschelnd, streichelnd, zupfend - Puccinis Klänge. Dabei zieht St. Clair gelegentlich mal ein Zitronengesicht, fiebert, feiert, leidet mit. Das Orchester glänzt - auch mit kleinen Ecken, Kanten und Koordinationsmängeln. Egal, dieser Einstand ist eindeutig gelungen. Brigitte Geller, dagegen schon ganze zehn Spielzeiten im Ensemble der KO, liefert mit dieser Mimi wahrscheinlich die Vorstellungen ihres Lebens. Verträumt tänzelnde Bewegungen, flammendes Timbre, leuchtkräftiger, aufblühender und stets textverständlicher Sopran: Opernherz, was begehrst du mehr? Aber auch die brillante Christiane Karg sowie die Herren Mirko Janiska, Günter Papendell und Renatus Mészár passen maßgeschneidert in ihre Partien. Ausgerechnet Timothy Richards kann da nicht ganz mithalten. Er versteht sich auf den spielerischen Softie, bleibt aber der Artikulation einiges schuldig, verschluckt mal hier, forciert mal da. Ein letzter Tip gefällig? Taschentücher gleich einstecken! Es gibt keine Pause.



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