16. Februar 2008
Staatsoper Unter den Linden

Die Gala der Lockenköpfe

"Star"-Besetzung für La Bohème an der Staatsoper

Programm

Giacomo Puccini
La Bohème



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Puccini authentisch im 19. Jahrhundert gespielt

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Gustavo Dudamel
Inszenierung: Lindy Hume
Bühnenbild: Dan Potra
Kostüme: Carl Friedrich Oberle
Chöre: Eberhard Friedrich

Mimi: Alexia Voulgaridou
Musetta: Anna Samuil
Roldolfo: Jonas Kaufmann
Marcello: Alfredo Daza
Schaunard: Arttu Kataja
Colline: Alexander Vinogradov
Parpignol: Peter-Jürgen Schmidt
Benoit / Sergeant: Gerd Wolf
Alcindoro: Bernd Zettisch
Ein Zöllner: Ireneus Grzona

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Die Gala der Lockenköpfe

"Star"-Besetzung für La Bohème an der Staatsoper

Von Heiko Schon / Fotos: DECCA/Uli Webber (Kaufmann), Dan Porges (Dudamel)

Jonas Kaufmann

Das wäre doch ein passendes Motto für die aktuelle Aufführungsserie von La Bohème gewesen. Denn es würde neben einem Superlativ - wahlweise ginge auch "Gipfeltreffen" oder "Sternstunde" - ebenso den derzeit unabdingbaren Verweis aufs Äußerliche beinhalten. Jonas Kaufmann, der "Latin Lover deutscher Zunge", und Gustavo Dudamel, dirigierendes Energiebündel und echter Lateinamerikaner, sollten erst den Puccini-Kessel und dann den Staatsopersaal ordentlich zum Kochen bringen. Die gute Nachricht ist diesmal zugleich auch die schlechte: Letzteres gelang mühelos. Okay, man sollte es naturgemäß unterlassen, pauschale Urteile zu fällen oder in die Glaskugel zu gucken. Dennoch zwingt sich der Eindruck auf, als ob an diesem Abend ein hoher Anteil dieser Publikumsschicht in den Reihen sitzt, die Anna Netrebko & Co. neu für den Klassiksektor erschlossen haben. Beide Herren sind unter das lukrative Dach von Universal Music gekrabbelt (Kaufmann bei Decca, Dudamel bei Deutsche Grammophon) und befinden sich jetzt in der typischen PR-Maschinerie. Die Werbestrategie ist meist dieselbe: Wer so schön sexy von Plakaten und CD-Covers lächelt, der muss einfach ein Ausnahmetalent sein. Mag Kaufmann ob solcher Begriffe auch sein hübsches Haupt schütteln, Bezeichnungen wie "Bangelina on Stage" oder "Der neue Fritz Wunderlich" kommen dem Management bzw. dem Labelchef wie gerufen. Hoffentlich muss Kaufmann nicht die gleiche Erfahrung wie Rolando Villazón machen, der leider viel zu oft nicht nein sagen konnte und ein halbes Jahr Auszeit nehmen musste, weil sein Körper den Vermarktungsmechanismen nicht mehr standhielt.

Kraftlosigkeit scheint aber augenblicklich das geringste Problem Kaufmanns zu sein: Sein Rudolfo ist wahrhaftig ein echter Brüller. Wo es einem Pavarotti nie an natürlichem Volumen mangelte, kämpft sich der gebürtige Münchner notfalls mit Gewalt vor. Oder rufe man sich nur die lyrische Geschmeidigkeit eben eines Wunderlich ins Gedächtnis und stelle bei Kaufmann prompt fest: Wie eiskalt lässt dieses Stimmchen. Von der darstellerischen Intensität eines Villazón ganz zu schweigen...

Gustavo Dudamel

Und während Kaufmanns den einen durch adrette Erscheinung, kernig-maskulines Timbre und eingeschwärzte Vokale ins Schwärmen bringt, empfindet man selbst nur stumpfe Plastikemotionen. An dieser Gefühlsleere kann auch Gustavo Dudamel, der stilistisch zu keiner geschlossenen Form findet, nichts ändern. Sein Puccini schwankt zwischen Stier und Schnecke, klingt erst spröde, dann wieder so richtig schnulzig. Da auch die Abstimmung zwischen Sängern und Graben eher suboptimal verlief, wäre es interessant zu erfahren, wie oft hier eigentlich geprobt worden ist. Alexia Voulgaridou berührt im Spiel, bleibt aber stimmlich unter ihren Möglichkeiten. Im restlichen Sängerensemble ragt einzig Alexander Vinogradov mit seinem eher kleinen Part des Colline hervor.



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