2. März 2008
Deutsche Oper Berlin

Im Gleichschritt, Marsch!

Neuinszenierung der Aida an der DOB

Programm

Giuseppe Verdi
Aida

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Renato Palumbo
Inszenierung: Christopher Alden
Bühne: Andrew Lieberman
Kostüme: Doey Luethi
Lichtgestaltung: Adam Silverman
Co-Regisseur: Roy Rallo
Dramaturgie: Carsten Jenß
Künstlerischer Produktionsleiter: Christian Baier
Chöre: William Spaulding

Der König: Ante Jerkunica
Amneris: Irina Mishura
Aida: Annalisa Raspagliosi
Radamès: Carlo Ventre
Ramphis: Raymond Aceto
Amonasro: Zeljko Lucic
Ein Bote: Joel Prieto
Eine Priesterin: Jacquelyn Wagner

Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Im Gleichschritt, Marsch!

Neuinszenierung der Aida an der DOB

Von Heiko Schon

"Das war ja furchtbar!" "Entsetzlich!" "Wie kann man denn so etwas zeigen?" "Was sollte denn dieser Unsinn mit der Pistole?" "… und dann Kinderballett im Triumphmarsch…" "Diesem Regisseur hab ich's mit meiner Trillerpfeife aber gegeben." "Konnt' ich mir schon denken, dass das nichts wird." "Meine schöne Götz-Friedrich-Aida…" Ja, manchmal finden die wirklich großen Emotionen erst zwischen Schlussvorhang und Premierenfeier statt. Protest gab es aber auch schon vor dem Atto Primo als die Hut- & Putzmacherin - stellvertretend für das nichtkünstlerische Personal der DOB - den eigenen Tarifvertrag vom Berliner Senat einforderte. Verwechslungen sind jedoch zu vermeiden: Die Verdi-Wochen der DOB haben an sich nichts mit der derzeit über Deutschland hinwegrollenden Streikwelle der gleichnamigen Gewerkschaft zu tun. Es blieb also bei der Warnung an das anwesende Stadtoberhaupt und dann konnte Ex-GMD Renato Palumbo den Graben mit minimaler Verspätung betreten.

Aida

Im Nachhinein kann man Palumbos Entscheidung, die Weber- und Wagner-Dirigate abzugeben, um sich aufs italienische Repertoire zu konzentrieren, nur begrüßen. Zwar bleibt er - mit Verlaub - der getreue, etwas mausgraue Werkvertreter, der lieber darauf achtet, Fehler zu vermeiden statt Wagnisse einzugehen, aber Palumbo gelang eine präsente und mitunter auch bedrohliche Wiedergabe, welche anfangs den ein oder anderen Sänger gnadenlos in den Klangwogen untergehen ließ. Wobei wir auch schon bei Annalisa Raspagliosi wären. Ohne Zweifel besitzt die hübsche, schlanke Italienerin eine hübsche, schlanke Stimme - aber sie ist keine Aida. Die Piano-Töne bröckeln weg wie weiter nichts und auch im Forte gerät Raspagliosi so ziemlich schnell ans Limit. Genaues Gegenteil bei Radamès: Carlo Ventre hat Stimmbänder wie ein Stier und eine ebensolche Kondition. Allein was hilft dies, wenn's an Schmelz und leuchtenden Farben mangelt. Einmal mehr liegt es also bei der Zicke, der Altistin, dass wir hör- und gefühlstechnisch doch noch auf unsere Kosten kommen: Irina Mishura geht als glutäugig-kraftvolle, breit gefächerte Amneris deutlich in Führung. Doch weder Mishura noch das fabelhafte Quartett Ante Jerkunica, Raymond Aceto, Zeljko Lucic und Jacquelyn Wagner sowie die hervorragend einstudierten Chorszenen können darüber hinweg täuschen, dass Aida-Premieren schon mal glanzvoller am Hause besetzt wurden. Da war es auch eher kontraproduktiv in der Programmbeilage Namen wie Jessye Norman, Christa Ludwig, Luciano Pavarotti, Dietrich Fischer-Dieskau, Julia Varady und, und, und zu erwähnen.

Es könnte auch schwierig werden, die amtierende Königsklasse des Verdi-Gesangs für diese Umsetzung zu begeistern. Dafür nämlich ist die Inszenierung von Christopher Alden als Mischmasch aus geklauten Ideen (Sklaven-Putze, Religionskritik und musiksprachliche Ironie leiht man sich bei Hans Neuenfels), unausgegorener Sekten-Doku und einigen, wenigen gelungenen Szenen wohl auch viel zu "starschädlich" geraten. Aida tritt mit Lappen und Eimer im Einheitsbühnenbild von Andrew Lieberman auf und beseitigt erst mal die Spuren der Wasserleiche, die während des Vorspiels aus dem mittig stehenden Taufbeckenbrunnendingsbums gezogen wurde. Die Glaubensgemeinschaft liest ewiglich im Regelwerk (oder sind's die Anweisungen des Regisseurs?) und man fragt sich: Wie ist das süße Ding da nur hinein geraten? Diese und viele andere Fragen sind Alden egal. Dazu lässt sein Konzept auch überhaupt keine Antworten zu, steht es doch auf dramaturgisch viel zu wackligen Beinen oder eben gleich auf Kriegsfuß mit dem Libretto. Wenn zuletzt alberne Plastikflora - den Garten Eden symbolisierend - in das holzvertäfelte Foyer geschoben wird, Radamès vom eigenen Grab singt, um Aida zu ersäufen, allerspätestens dann wird das Publikum ordentlich für dumm verkauft. Erschreckend das dafür - neben einem Dramaturgen - auch noch ein Co-Regisseur benötigt wurde. Wie war das gleich mit dem Plus von 20 Millionen für die Opernhäuser einer- und dem Tarifvertrag für die "Nicht-Künstler" andererseits? Es ist jedoch nicht alles verloren. Auf der Habenseite kann die Regie den brüllend komischen Triumphmarsch (Cheerleader, Elitesöhne und jede Menge American Pie), die Szenen mit Amneris (gerade zu Beginn des 4. Aktes) und den Rollenausbau der Priesterin (Jacquelyn Wagner besitzt das eisige Lächeln einer Frau von Stepford) verbuchen. Eins jedoch ist klar: Götz Friedrichs 25 Jahre alte Produktion war ordentlich abgenudelt und reif für die Versenkung. Und eine Aida zwischen Plüsch-Elefanten, wie sie auf Plakaten in der ganzen Stadt hängen, wäre auch keine Lösung gewesen. Oder doch?

(Leider stellt uns die Deutsche Oper Berlin für diese Produktion keine Inszenierungsfotos zur Verfügung)



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