7. Juli 2005
Waldbühne Berlin

Auf Wolke Sieben

Die Deutsche Oper geht mit der Zauberflöte in die Waldbühne

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Die Zauberflöte

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Sir Andrew Davis
Inszenierung: Gerlinde Pelkowski
Bühne: Thomas Gabriel
Chöre: Ulrich Paetzholdt

Sarastro: Matti Salminen
Tamino: Charles Castronovo
Sprecher: Lenus Carlson
Priester: Paul Kaufmann
Königin der Nacht: Anna-Kristiina Kaappola
Pamina: Genia Kühmeier
Erste Dame: Jacquelyn Wagner
Zweite Dame: Andion Fernandez
Dritte Dame: Liane Keegan
Drei Knaben: Dresdener Kreuzchor
Papageno: Markus Brück
Papagena: Ditte Andersen
Monostatos: Burkhard Ulrich
1. geharnischter Mann: Jörg Schörner
2. geharnischter Mann: Hyung-Wook Lee

Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Auf Wolke Sieben

Die Deutsche Oper geht mit der Zauberflöte in die Waldbühne

Von Heiko Schon

Natürlich kommt an so einem Abend keiner am generellen Alltagsthema der Menschheit vorbei: das Wetter! Das Klima dieses Sommers gab bislang eher Anlass zum Meckern und speziell beim Kulturgenuss ohne schützendes Dach könnte sich der Waldbühnenbesucher ärgern, Zeit und Geld in eine vernieselte Aufführung investiert zu haben. Aber unerschrocken wie die Berliner nun mal sind, witzeln sie eher über die Putzkolonne, die sich die Wischaktionen auf dem offnen Spielviereck doch sparen könnte oder freuen sich auf einen Tamino in Gummistiefeln und einer Königin der Nacht im Regenponcho. Gute Stimmung also - und eine stimmige Vorstellung dazu. Gerlinde Pelkowski hat aus der Ansammlung von Sängern der Deutschen Oper, einigen Gastsolisten, dem Chor, den Artisten, Statisten und sonstigen Bühnenkünstlern ein geschlossenes Ensemble geformt und ließ sich auch noch zu Mozarts Evergreen jede Menge einfallen.

Zu den Takten der Ouvertüre sucht die Operndiva (Königin der Nacht) aus dem Katalog des Vorstands (Sarastro) den ihr geeigneten Tenor heraus, allesamt schnappen sich ihr Kostüm vom Garderobenständer und gehen erst einmal wieder ab. Genauso wie die coolen Bodyguards, die sicher einen Stalker von Tamino abwehren können, aber im Angesicht eines Ungeheuers Reißaus nehmen. Auftritt der Damen (mit Spaß und Können bei der Sache: Jacquelyn Wagner, Andion Fernandez, Liane Keegan), die mit den unterschiedlichen Frauentypen Monroe, Domina und beleibte Bayernmaid nicht - wie allzu oft - als einheitliches Dreigestirn charakterisiert werden. So kristallisiert sich eine sanft modernisierte Lesart des Stoffes heraus, die weder betulich noch radikal ausfällt - und man darf diese kluge Wahl der Regisseurin nur begrüßen. Wenn Papageno (stimm- und spieltechnisch in Höchstform: Markus Brück) mit farbigem Punkerhaarschnitt auf seinem Drahtesel daherkommt, so ist eines klar: In einem hauptstädtischen Opernhaus würde so etwas nicht (mehr) funktionieren, aber Open-Air-Theater hat eben seine eigenen Gesetze. Zum ersten Einsatz der flötenden Wunderwaffe wuselt so ziemlich alles an Getier über den Waldbühnenboden, was im Fundus aufzutreiben war: Neuenfels-Frösche (Rigoletto) und -Bienen (Nabucco), Mussbach-Pinguine (Die lustige Witwe) und jede Menge Waldbewohner aus Katharina Thalbachs Schlauem Füchslein springen, schwirren, watscheln durch die Ränge. Ein weißer Wollknäuel mittenmang? Ja, Knut ist auch dabei. Und ob Zoo oder Oper: Er tritt auf, kommt gut an und erntet Jubel. Dagegen hätte Pelkowski auf die Breakdancer mit ihren quietschenden Schuhsohlen und den Eingriff in die Figur des Monostatos (vom "Schwarzen" zum "Sklaven") locker verzichten können. Es sollen aber die einzigen kleinen Wolken der Regie sein, die hier vorüber ziehen. Alle übrigen Rollen und die Szenerie sind zweckmäßig bis fantasievoll ausstaffiert: Eine Königin im funkelnden Schwarzen, Sarastro im staatsmännischen Weißen und die drei Knaben als kleine Wolferl's agieren auf mehreren Spielebenen. Ein Baum steht auf dem Podium; kleine und große Leuchtpyramiden sorgen zu späterer Stunde für stimmungsvolles Licht; blaue und rote Stoffbahnen symbolisieren die Wasser- und Feuerprobe. Apropos Feuer. Davon gibt's zum Finale reichlich, wenn Salven, Knaller und Feuerschlucker das Happyend besiegeln.

Die Wahl der Solisten lassen das Werk auch gesanglich erstrahlen. Charles Castronovo und vor allem die fabelhaft lyrische Genia Kühmeier sind ein ideal charmantes wie herzergreifendes Paar. Anna Kristiina Kaappola verleiht der sternflammenden Königin die Unnahbarkeit einer gestrengen Mutter und besticht vor allem mit ihrer lupenreinen Koloraturtechnik. Matti Salminens Bassfundament hat einen Ruf von Weltklasseformat - und das zu Recht. Sein Sarastro klingt noch immer so volltönend, kultiviert, intensiv und gewaltig wie in der damaligen Einspielung unter Nikolaus Harnoncourt. Sir Andrew Davis gelingt eine äußerst unaufdringliche Wiedergabe, die sich in den Dienst einer Sängeroper stellt. Aufmerksam und präzise folgt ihm das Orchester der Deutschen Oper Berlin. Einen Anlass zum Feiern gab es abschließend auch noch. Matti Salminen feierte seinen 62. Geburtstag. Das Orchester spielte auf und eine schicke Banderole wurde zum Ständchen ausgerollt: Happy Birthday, Matti!



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