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21. Februar 2007 Deutsche Oper Berlin Wotans Dilemma22 Jahre Ring der Nibelungen in der Inszenierung von Götz Friedrich an der Deutschen Oper |
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ProgrammRichard WagnerDer Ring der Nibelungen: Die Walküre Lesen Sie auch unsere andern Kritiken zum Ring der Nibelungen an der Deutschen Oper Berlin: Das Rheingold von Hans Beckers Siegfried von Hans Beckers Götterdämmerung von Hans Beckers Die Walküre, Götterdämmerung von Heiko Schon |
MitwirkendeDeutsche Oper BerlinMusikalische Leitung: Donald Runnicles Inszenierung: Götz Friedrich Bühne: Peter Sykora Spielleitung: Gerlinde Pelkowski Siegmund: Robert Dean Smith Hunding: Reinhard Hagen Wotan: Terje Stensvold Sieglinde: Eva Johansson Fricka: Marina Prudenskaja Brünnhilde: Evelyn Herlitzius Helmwige: Michaela Kaune Gerhilde: Manuela Uhl Ortlinde: Ruth Staffa Waltraute: Daniela Sindram Siegrune: Yvonne Wiedstruck Rossweisse: Sarah van der Kemp Grimgerde: Andion Fernandez Schwertleite: Ceri Williams Die Statisterie der Deutschen Oper Berlin Das Orchester der Deutschen Oper Berlin |
Wotans Dilemma22 Jahre Ring der Nibelungen in der Inszenierung von Götz Friedrich an der Deutschen OperVon Hans Beckers / Fotos: Bernd Uhlig
Während im Orchestergraben ein Sturm tobt, steht eine blonde junge Frau an einer geöffneten Tür, wie getrieben von der Vorahnung auf die Ankunft eines lange ersehnten Besuchers. Als der dann, von Feinden gehetzt, erscheint, dauert es noch eine Weile, bis beide sich als Geschwister, Siegmund und Sieglinde identifizieren. Was sie nicht wissen: Sie sind Kinder Wotans, gezeugt einzig zu der Bestimmung, die eigene Schuld des Gottes, die Zerstörung der Weltordnung im Rheingold zu tilgen. Götz Friedrich hat seinen Zeittunnel für den ersten Aufzug der Walküre mit einer hohen grauen Wand abgeschottet und einen Raum geschaffen, der vom verdorrten Stamm der Weltesche zentriert wird. Der Baumstamm durchwächst einen langen Eichentisch, an dem der Hausherr Hunding den gejagten Eindringling wider Willen auf Abstand misstrauisch belauert und ausfragt. Die Begleiter Hundings, allesamt in schwarze Ledermäntel gehüllt, ergänzen Reinhard Hagens schwarzen (leider nicht ganz textsicheren) Bass zur einschüchternden Drohkulisse. Nur das heilige Gastrecht schützt Siegmund für eine Nacht vor den Verfolgern.
Robert Dean Smith und Eva Johansson sind das Wälsungenpaar, das sich nach stürmischer Wiedererkennung in den Armen liegt, für das jedoch der Weg nicht in hellen ungetrübten Frühlingsglanz, sondern in gelblich-fahles Zwielicht hinausführt. Smith verfügt über einen biegsamen, in den Höhen uneingeschränkt ansprechenden Heldentenor mit sympathisch frischem Timbre. Der erlaubt ihm, nicht nur die Wälse-Rufe genussvoll auszukosten, sondern auch die große Todverkündigungsszene im zweiten Aufzug mit beinahe verletzlichem Klang zu gestalten. Manchmal wünscht man sich noch ein Quäntchen mehr an Leidenschaft, eine Prise "gebärdenhaft-bewegten Singens", um es mit den Worten von Jürgen Kesting zu sagen. Zu Eva Johanssons beeindruckender Bühnenpräsenz gesellte sich leider keine Stimme mit vergleichbaren Qualitäten. Sie ging die Sieglinde mit großem Einsatz an, geriet aber in den hohen Lagen an die Grenzen, was sich überdeutlich in Vokalverfärbungen manifestierte und zu einer bis zur Unkenntlichkeit verwaschenen Diktion führte. Dies brachte ihr am Ende vereinzeltes Buh ein. Die Hoffnung, die Wotan auf dieses Geschwisterpaar gesetzt hat, wird gleich zu Beginn des zweiten Aufzuges zerstört. Fricka, schon hart geprüft durch die Eskapaden des Gatten, geht diesmal aufs Ganze, um einen Rest der einstigen Wertordnung zu bewahren. Takt für Takt legt Marina Prudenskaja den Tonfall des Mitgefühls ab und lässt den Streit auf beklemmende Weise eskalieren, bis Wotan resigniert. Spätestens in diesem Augenblick realisiert man, dass der Gott gegenüber dem Rheingold deutlich gealtert ist, dass er um sich herum ein Chaos angerichtet hat. Die Zeittunnel-Idee erlaubt es der Regie, die Folgen aufzuzeigen, die die Beseitigung von Werten und Vertragsbruch für die Welt nach sich ziehen: Die Großskulptur eines gestrauchelten Pferdes als ein Symbol für alle je gescheiterten Kavallerien, davor die Gipsmodelle zerstörter Stadtansichten - die geborstene Kuppel des Reichstages, die Ruine der Dresdner Frauenkirche und die Silhouette Coventrys - gemahnen Wotan auf Schritt und Tritt an seine verhängnisvollen Entschlüsse.
Diese Not offenbart er seiner Tochter Brünnhilde. Terje Stensvolds überlegene Gestaltung, seine Phrasierungskunst und seine glasklare Diktion zusammen mit dem in allen Registern konstanten Klang machen den langen Monolog zu einer überaus spannenden Rekapitulation der Vergangenheit. Ähnliches gilt für die beklemmende Dichte der Todverkündung der Walküre an Siegmund wenig später. Die magische Ruhe, die der Dirigent Donald Runnicles mit spannungsvollen Zäsuren herstellt, nimmt dem Dialog zunächst jede Impulsivität. Da stehen zwei Personen auf der Bühne, die sich ihre Fragen und Antworten genau überlegen, das Für und Wider abwägen, bevor sie irreversible Entscheidungen treffen. Danach wird Siegmund also nicht zu den Helden gehören, die für Walhall auserkoren sind und die die ausgelassen tobenden Walküren zu Beginn des dritten Aufzuges als Mumien verpackt auf Bahren in die Szene schieben werden. Wie Siegmunds bedingungslose Liebe und seine Todes-Entschlossenheit bei Brünnhilde den dramatischen Sinneswandel auslösen, das führte Evelyn Herlitzius zwingend vor. Ausgehend von einer blühenden, leicht geführten Mittellage meisterte sie die gefürchteten Höhen der Partie mit Aplomb, und nur gelegentlich mischten sich leichte Schärfen in den Klang, dominierte der expressive Gestus über die vokale Reinheit. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf die bedenkliche Neigung, helle Vokale zu stark abzudunkeln (e und i zu a). In der Schluss-Szene des dritten Aufzuges bot sie Töne einer so vertrauten, herzbewegenden Innigkeit auf, dass Wotans Strafmilderung nicht ausbleiben konnte. Terje Stensvold ließ beim Abschied hier und da ganz leichte Ermüdungen spüren, die indes auch als gestaltete Resignation verstanden werden konnten. Die im Rheingold angedeuteten Orchesterdefizite waren auch in der Walküre noch nicht behoben. Allerdings ist es nun weniger ein individuelles Problem (Blech), sondern vielmehr ein Problem der Homogenität generell. Einzelstimmen verselbständigten sich, Orchestergruppen integrierten sich nicht ausreichend einfühlsam in den Gesamtklang. Der stürmische Beginn geriet zu mechanisch, dem Walküren-Ritt fehlte wild-exzentrischer Furor, der Feuerzauber erstrahlte am Ende in den Streichern nur in seltsam matten Farben. Gut ausgeprägt dagegen war Donald Runnicles' Gefühl für die zeitlichen Proportionen der einzelnen Aufzüge. Da gliederten sinnvolle Pausen, rissen klug disponierte Steigerungen mit. Die Ovationen des Publikums konzentrierten sich mehrheitlich auf die Sänger, bezogen aber auch den Graben in den Jubel mit ein. |