27. Mai 2007
Deutsche Oper Berlin

"Zemlinsky ist ganz große Klasse!"

Der Traumgörge hat Premiere an der Deutschen Oper

Programm

Alexander von Zemlinsky
Der Traumgörge

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Jacques Lacombe
Inszenierung: Joachim Schloemer
Bühne, Kostüme: Jens Kilian
Lichtgestaltung: Olaf Freese
Dramaturgie: Bettina Auer, Katharina John
Chöre: Ulrich Paetzholdt

Görge: Steve Davislim
Grete: Fionnuala McCarthy
Der Müller: Tiziano Bracci
Der Pastor: Hyung-Wook Lee
Hans Markus: Brück
Prinzessin: Manuela Uhl (Gesang), Lou Ulla Brunk (Darstellung) Traumstimme: Senta Aue
Züngl: Paul Kaufmann
Kaspar: Lenus Carlson
Mathes: Harold Wilson
Marei: Jacquelyn Wagner
Wirtin: Stephanie Weiss
Wirt: Jörg Schörner
Gertraud: Manuela Uhl
Bauer: Heiner Boßmeyer

Orchester und Chor der Deutschen Oper Berlin

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

"Zemlinsky ist ganz große Klasse!"

Der Traumgörge hat Premiere an der Deutschen Oper

Von Katrin Kirsch

Mit der Oper Der Traumgörge aus Zemlinskys Wiener Zeit hat die Deutsche Oper nach Germania einmal mehr eine selbst Kennern weitgehend unbekannte Ausgrabung auf die Bühne gebracht. Die für 1907 geplante und schon fertig geprobte Produktion platzte, als Gustav Mahler an der Wiener Staatsoper seinen Hut nahm. Der Traumgörge fiel der Umgestaltung des Spielplans durch den Nachfolger Felix Weingartner zum Opfer, die Gründe waren sicherlich nicht musikalischer Natur. Erst knapp vierzig Jahre nach Zemlinskys Tod wurde die Oper in Nürnberg uraufgeführt und leitete eine Wiederentdeckung dieses Komponisten aus dem Umfeld der Zweiten Wiener Schule ein. Dass Zemlinsky "ganz große Klasse" ist, wie Kurt Weill 1931 an seinen Verleger schrieb - in der Probenphase für Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny im Theater am Kurfürstendamm, bei der Zemlinsky, damals Kapellmeister an der Kroll-Oper, die musikalische Leitung übernommen hatte -, wurde dann nicht bestritten.

Das Libretto des Traumgörgen wurde von Zemlinsky zusammen mit Leo Feld erarbeitet, der bereits das Buch zu Zemlinskys zweiter Oper Es war einmal verfasst hatte, die 1900 an der Wiener Volksoper aufgeführt wurde. Der Text wurde aus ganz unterschiedlichen Versatzstücken zusammengesetzt (Heines Gedichtzyklus Der arme Peter, dem Märchen vom unsichtbaren Königreiche von Richard Volkmann-Leander und Sudermanns Roman Der Katzensteg), die leider nicht ganz schlüssig funktionieren, so dass die Geschichte zwar vielfältige Ansätze in sich vereint, aber etwas verworren daher kommt. Die wahrhaft opulente Musik allerdings ist großartig, mit sehr viel Spätromantik voll harmonischer und klanglicher Raffinesse, bei der manchmal die Vorläufer der Zwölftonmusik durchschimmern.

Erzählt wird die Geschichte des Außenseiters Görge, der sich in der traditionell geregelten Umwelt seines Heimatdorfes, wo er mit der Tochter seines Vormundes verheiratet werden soll, nicht zurechtfindet. Zwischen all den Menschen fühlt er sich einsam, weil er auf der Suche ist nach etwas anderem und sich schließlich diesen Traum auch erfüllt. Der australische Tenor Steve Davislim gab mit dieser Produktion sein Debüt an der Deutschen Oper. Er war als versponnen-verschrobener Traumgörge mit eindringlich-geschmackvoller Stimmführung auch darstellerisch überzeugend, aber teilweise fehlte es ihm an Kraft und Stimme, den gewaltigen Orchesterapparat zu übertönen, der mit Zemlinskys üppigen Orchesterklangfarben unter dem engagierten Dirigat des Kanadiers Jacques Lacombe facettenreich, aber sehr kräftig zu malen verstand.

Die Bühne von Jens Kilian wurde beherrscht von zwei Treppen und zwei Rolltreppen, es könnte eine U-Bahn Station sein oder eine große Eingangshalle, die dominierende Farbe: grau. Sehr wenig träumerisch also. Görge wirkte zu Beginn eher wie ein autistischer Wissenschaftler, statt mit Büchern beschäftigte er sich mit unzähligen Zetteln, die er nach einem undurchschaubaren System sortierte. Seine Verlobte Grete (stellenweise etwas schrill: Fionnuala McCarthy) will Görges Bücher verbrennen, weil er so eigenartig ist. Als ihr ehemals Geliebter Hans (der charismatische Markus Brück in einer "richtigen Testosteron-Partie", wie er selbst sagte) in goldener Ritterrüstung vom Militär zurückkommt und vom ganzen Dorf bejubelt wird, kommt Leben und Lachen ins Theater. Grete ist hin und her gerissen zwischen dem verträumten, eigentlich liebenswerten, aber seltsamen Görge und dem grobschlächtigen, kraftvollen Hans. Die Entscheidung wird ihr allerdings abgenommen, denn Görge träumt weiter von seiner Prinzessin, die dann auch von drei Kleinwüchsigen auf einem hölzernen Pferd in den Raum geschoben wurde. Weil die im Programm angekündigte Michaela Kaune bei der Premiere krankheitsbedingt ausfiel, übernahm die Regieassistentin Lou Ulla Brunk den szenischen Part und die großartige Manuela Uhl die Arie (was dramaturgisch ebenfalls schlüssig ist, weil sie als Gertraud später die Verkörperung von Görges Traumprinzessin spielte).

Der 2. Akt bewegte sich zwischen Großer Oper (mit zwei wundervollen, an Puccini gemahnenden Duetten von Görge und Gertraud) und Klamauk, die Spanne reichte vom wenig motivierten Auftritt dreier Skater zu Beginn, der schrill in gold und rosa kostümierten Gruppe der Aufständischen, die Görge für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen, über andere willkürlich erscheinende Regieideen (eine rot gekleidete, vermummte Frau mit "Rettet den Wald"-Schildern als stumme Sitzrolle!) bis zur grandiosen Schlussszene. Die versuchte Verbrennung der als Hexe angeklagten Gertraud geriet zum gruseligen dramatischen Höhepunkt der Oper. (Leider waren die Presseplätze ganz außen, so dass ein Teil der Bühne überhaupt nicht zu sehen war.)

Das folgende Nachspiel allerdings ließ den Zuschauer hauptsächlich verstört zurück. Bei Zemlinsky und Feld kehrt Görge mit seiner Gertraud in sein Dorf zurück, wo es plötzlich möglich ist, dass alle friedlich zusammen leben. Zu harmonisch, unglaubwürdig, aufgesetzt. Bei Joachim Schlömer jedoch schloss sich nach der großen Dynamik des 2. Aktes eine absolut statische Stille an, die von Anfang an falsch wirkte. Der Chor erschien zum kollektiven Picknick in uniformer Kostümierung und Ausstattung, um dem hohen Paar zu huldigen; dann schloss sich die Hauptbühne und Görge und Gertraud thronten starr geradeaus singend davor. Als sich der Vorhang wieder öffnete, hatte hier ein Gemetzel stattgefunden und der gesamte Chor lag bewegungslos am Boden. Warum? Der Hinweis des Programmbuchs auf Scientology und eine "geklonte Gesellschaft" schafft auch keine Klarheit und verstärkt nur den Eindruck, dass hier viele Ideen wild zusammengeworfen wurden und eigentlich keinen Sinn ergeben. Aber genau das war ja vielleicht beabsichtigt.

(Leider stellt uns die Deutsche Oper Berlin für diese Inszenierung keine Fotos zur Verfügung)



©www.klassik-in-berlin.de