30. November 2007
Deutsche Oper Berlin

Licht und Schatten auf leerer Bühne

Neuinszenierung von d'Alberts Tiefland an der DOB

Programm

Eugen d'Albert
Tiefland

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Yves Abel
Inszenierung: Roland Schwab
Bühne: Hans-Dieter Schaal
Kostüme: Renée Listerdal
Dramaturgie: Katharina John
Chöre: William Spaulding
Künstlerischer Produktionsleiter: Dr. Christian Baier

Sebastiano: Egils Silins
Tommaso: Magnus Baldvinsson
Moruccio: Simon Pauly
Martha: Nadja Michael
Nuri: Jacquelyn Wagner
Pepa: Ditte Andersen
Antonia: Andion Fernandez
Rosalia: Nicole Piccolomini
Pedro: Torsten Kerl
Nando: Paul Kaufmann

Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Licht und Schatten auf leerer Bühne

Neuinszenierung von d'Alberts Tiefland an der DOB

Von Axel Göritz

Der Beginn fasziniert. Auf völlig leergeräumter Bühne imaginiert eine zunächst sanft, dann immer steiler aufragende Rückwand allein mit dem dazu bläulich schimmernden Licht eindrucksvoll die Öde und Weite einer Hochgebirgslandschaft. Ohne irgendwelche naturalistischen Bergeshöhen, Felsen oder Gletscher wird die Einsamkeit und Freiheit des Menschen in diesem Bild (Bühne von Hans Dieter Schaal) eindrucksvoll sinnfällig. Und im Vorspiel der Neuinszenierung von Eugen d'Alberts Tiefland an der Deutschen Oper Berlin korrespondiert so die Traumerzählung des Hirten Pedro unmittelbar mit dem Raum und der zarten, von der Soloklarinette bestimmten Musik. Ein verheißungsvoller Anfang. Die Regie von Roland Schwab bleibt auch im ersten Akt konsequent bei dieser symbolhaften, minimalistischen Spielweise. Auch im Tiefland ist die Bühne leer, es gibt keine Mühle, kein Dorf, keine Stadt, nur schwere Schlagschatten, das Licht und den hinter den Protagonisten bedrohlich agierenden und choreographisch geführten Bewegungschor. Die schwarzgekleidete, mit Halbmasken versehene, entpersönlichte Dorfgemeinschaft wird so weit über die kleine Chorpartie hinaus zu einem stummen Hauptträger der Handlung um den bankrotten und alle beherrschenden Gutsbesitzer Sebastiano, seine Geliebte Marta und den Hirten Pedro, an den er Marta des schnöden Mammons wegen verschachert, aufgewertet. Wäre die Inszenierung doch bei dieser Sichtweise geblieben. Der erste Bruch war der überflüssige Schäferhund mit seiner Beißattacke auf einen Dörfler. Plötzlich rutschte das abstrahierende, in sich stimmige Konzept in kruden Naturalismus ab. Im zweiten Akt kamen dann als der Ort, an dem Pedro und Marta ihre Hochzeitsnacht feiern sollten, ein disparat und aus asymetrischen Dreiecken zusammengefügtes Plattengebirge hinzu, ebenso wie ein von oben herabgelassener Drahtzaun, die die karge Schönheit der ersten Hälfte mit überflüssigen Versatzstücken demontierten. Dies gilt auch für die scheinbar beziehungsreich auf dem Boden liegenden toten Wölfe (Wolfserzählung des Hirten), über die das dann doch vereinte Paar Pedro und Marta in der Schlussapotheose in das Hochland entschwindet. Und warum die eigentliche Bühne der Regie nicht ausreichte, sondern Pedro und Marta über einen Steg rund um den Orchestergraben dem Publikum fast auf die Pelle rücken müssen, mag denn auch dahingestellt bleiben.

Diesem zwiespältigen Gesamtkonzept, das mehr das ineinander Verstricktsein von Hochland und Tiefland betonte, als den die Oper eigentlich strukturierenden Gegensatz, stand allerdings eine in weiten Teilen überzeugende Personenregie gegenüber. Die üblichen Operngesten brachen sich nur selten Bahn, das Solistenensemble agierte präzise, mit großer Spielfreude - allen voran Nadja Michael als die schwergeprüfte, betrogene und betrügende Marta, die sich erst zum Schluss vorbehaltlos auf den zunächst verachteten Pedro einlässt. So lebhaft und ausdrucksstark ihr Spiel, so problematisch ist ihre Stimmführung. Vom Mezzo kommend, überzeugt ihr dramatischer Sopran zwar in den mittleren und tiefen Lagen; wenn es um die kraftvollen Höhen geht, klingt ihre Stimme mit einem flackernden Vibrato doch recht forciert. Als einzige aus der Solistenriege musste sie neben großem Beifall auch einige vernehmbare Buhrufe einstecken. Torsten Kerl als Pedro nahm mit seinem strahlkräftigen Heldentenor für sich ein, der seine Wandlung vom naiven Naturburschen bis zum Mörder am verhassten Großgrundbesitzer Sebastiano glaubhaft machen konnte. Diesen verkörperte Egils Silins mit seinem zugleich warmen wie durchschlagenden Bariton. Von dem insgesamt angemessen besetzten Ensemble sei noch Jacquelyn Wagner mit ihrer anrührenden Nuri erwähnt und hervorgehoben.

Yves Abel am Dirigentenpult waren die leichten Passagen der zwischen Wagnerschem Musikdrama und italienischem Verismo changierenden Musik offenbar wichtiger als die dramatischen Ausbrüche der Partitur. Diese klangen doch eher gedämpft, vielleicht auch um allzu viel äußerlichem, plakativen Pathos und bloßer Illustration zu entgehen, während die lyrischen Strecken mit ihren solistischen Instrumentalanteilen sehr reizvoll erklangen. Ob d'Alberts Partitur mit ihrem Schauerdrama auch heute noch bestehen kann, muss jeder und jede Zeit für sich entscheiden. Dank einer neuen Programmheft-Beilage mit früheren Premierenkritiken des jeweiligen Stücks an der Charlottenburger Oper, können wir immerhin erfahren, dass Tiefland 1913 "die folgreichste und am häufigsten aufgeführte Oper der letzten Jahre" war. Allein an der Komischen Oper habe das Stück "mehr als 500 Aufführungen erlebt". Solche Serien erreichen heutzutage allenfalls noch Boulevard-Stücke und Musicals, aber wohl nirgends mehr traditionelle oder auch moderne Opernstoffe.

(Leider stellt uns die Deutsche Oper Berlin für diese Inszenierung keine Fotos zur Verfügung)



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