23. Februar 2007
Deutsche Oper Berlin

Wissenswette, Waldweben und Weibeswonne

22 Jahre Ring der Nibelungen in der Inszenierung von Götz Friedrich an der Deutschen Oper

Programm

Richard Wagner
Der Ring der Nibelungen: Siegfried



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Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Götz Friedrich
Bühne: Peter Sykora
Spielleitung: Søren Schuhmacher

Siegfried: Alfons Eberz
Mime: Burkhard Ulrich
Der Wanderer: Terje Stensvold
Alberich: Richard Paul Fink
Fafner: Phillip Ens
Erda: Marina Prudenskaja
Brünnhilde: Evelyn Herlitzius
Waldvogel: Ditte Andersen

Die Statisterie der Deutschen Oper Berlin
Das Orchester der Deutschen Oper Berlin
Horn -Solo: Daniel Adam

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Wissenswette, Waldweben und Weibeswonne

22 Jahre Ring der Nibelungen in der Inszenierung von Götz Friedrich an der Deutschen Oper

Von Hans Beckers / Fotos: Bernd Uhlig

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In die Waldeinsamkeit hat sich Mime zurückgezogen, nachdem Alberich den Ring durch die List Loges verlor und damit auch seine Macht über die Nibelungen. In einer hochgefahrenen Unterbühnenhälfte hat er sich eine Bastlerwerkstatt eingerichtet, sorgsam mit Vorhängen abgeschirmt, verborgen vor den Blicken Neugieriger. Fürs Schwerterschmieden ist er schon ganz gut eingerichtet. Zwei riemengetriebene Blasebälge heizen einen ständig glühenden Schmelzofen. Aber Mime ist Goldschmied - ein feines Tarnhelmgewirk gehörte einst zu seinen Meisterstücken. Angesichts der Aufgabe, seinem Ziehsohn Siegfried ein Schwert zu fertigen jedoch, ist er ratlos. Burkhard Ulrich, der als Mime erneut mit klarer Diktion und bei den Angstvisionen zudem kluger gesanglicher Disposition eine Glanzleistung abliefert, verrät bis in die zappelnde, fahrige Körpersprache hinein, in welcher Zwickmühle dieser Fachidiot nun steckt.

Neben der Werkstatt hat er noch eine zweite Welt eingerichtet, einen Wohnbereich mit Tisch und Gartenmöbeln, eingerahmt von bunten Lampions, dazu Spielzeug und ein Zelt als Zufluchtsort für Siegfried. Ein Vorhang mit Motiven einer Kinderzimmertapete schirmt diese Idylle scheinbar ab gegenüber der Außenwelt. Der Schein trügt, denn Wotan, der als Wanderer längst nicht mehr die Fäden der Handlung in der Hand hält, taucht ironischerweise gerade in dem Augenblick auf dem Dach der Werkstatt auf, als sein Enkel Siegfried seine Herkunft - den Namen seines Vaters - erfahren will.

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Für die Wissenswette und die vielen anderen Dialoge, die den Ablauf des Siegfried gliedern, ist eine gesangliche Autorität wie diejenige Terje Stensvolds als Wanderer unentbehrlich. Gegen Mime kombiniert er die stetig fließende Stimme mit Energie und Autorität, gegen Alberich mit provozierender Gelassenheit. Ein solch glückhaftes Aufeinandertreffen ereignet sich später auch in der Erda-Szene, weil Marina Prudenskaja ihren Part aus anfänglicher, schlaftrunkener Verhaltenheit bis in das molto crescendo ihrer anklagenden Fragen zu Wotans Verfehlungen grandios zu steigern weiß. Was die Regie nicht hinreichend deutlich, allenfalls durch räumliche Distanz, zeigt: Beide rechnen mit ihrer zerstörten Liebesbeziehung ab, in deren Verlauf immerhin die neun Walküren gezeugt wurden.

Der zweite Aufzug bringt die Zuspitzung der persönlichen Konflikte zwischen den Akteuren mit zum Teil tödlichem Ausgang. Zuerst trifft es den zum Drachen mutierten Riesen. Wenn Fafner (Phillip Ens, dessen profunde Stimme über einen Verstärker geschickt wird) als dampfendes Technikmonster eine Kreuzung aus Panzer, Radlader und Tunnelbohrmaschine mit roten Positionslichtern und gewaltigen aber sehr träge sich bewegenden Greifarmen angreift, genügt Siegfried ein gezielter Stich in den Führerstand, um das Ungetüm "außer Betrieb" zu nehmen. Den anschließenden Mordversuch Mimes kontert Siegfried wie beiläufig mit tödlichem Schwertstreich.

Damit hat sich gleichzeitig auch ein anderer Konflikt erledigt - die Rivalität zwischen Mime und Alberich, die vor der Neidhöhle aus ihrer gegenseitigen Abneigung keinen Hehl machen. Den gefallenen Herrn der Nibelungen gab wieder Richard Paul Fink und das Drängende des hinkenden dreitaktigen Rhythmus im zänkischen Duett liegt ihm deutlich besser, als der Liebesfluch im Rheingold. Dennoch blieben zu viele Wünsche hinsichtlich Intonation und Geschmeidigkeit der Stimme offen.

Im dritten Akt öffnet sich wieder der Zeittunnel, was insofern logisch erscheint, als Brünnhilde sich ja während der Lebenszeit Siegfrieds in Schlaf versenkt befand (und dabei nicht gealtert sein sollte!). Der Wanderer, hier schon einigermaßen bewegungstarr, bewacht die Pforte zum feuerumloderten Walkürefelsen wie ein Geharnischter in der Zauberflöte den Eingang zum Prüfungstempel. Als Siegfried ihm den Speer zerschlagen hat, muss er sich resignierend in die Kulissen verdrücken.

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Siegfried wurde von Alfons Eberz, einem Heldentenor mit enormem Stehvermögen, verkörpert. Seitdem er (so gehört vor drei Jahren) in Bayreuth die Partie des Erik mit gleichförmiger Trompetenkraft recht unsensibel durchpflügte, hat er offenbar in der gestalterischen Aneignung großer Partien gewaltige Fortschritte gemacht. Die Dialoge mit Mime ließen eher den jugendlichen, neugierigen Draufgänger als den brutalen Schlagetot erkennen. Aus der Schmiedeszene schlug er einen beeindruckenden Funkenregen, die Kontrastbeziehung zu Mime, der gleichzeitig einen tückischen Gifttrank braute, wurde überzeugend hergestellt. Ins Risiko führten dagegen die mehr lyrischen Teile und die Dialoge mit dem Waldvogel (Ditte Andersen) im zweiten Aufzug. Lockerte sich der Druck auf die Stimme, kam es zu versickernden Phrasenenden und Spannungsabfällen. Angesicht des Stimmpotentials darf man aber hier auf eine gesunde Weiterentwicklung hoffen. Im dritten Aufzug, wo er der ausgeruhten Brünnhilde leicht Paroli bieten konnte, und die Dialoge das "Aufeinanderhören" spüren ließen, lagen die Probleme im darstellerischen Bereich. Von der Regie schmählich im Stich gelassen, bewegte sich Siegfrieds erste Begegnung mit der Weibeswonne ständig auf der Kippe zur Parodie, die einige leicht angeschluchzte Töne bei der Erinnerung an die Mutter nur beförderten. Die für dieses Wechselbad der Gefühle aber unerlässliche Choreographie ist leider unterblieben.

Dabei bestand Evelyn Herlitzius' Brünnhilde sängerisch und spielerisch erneut glänzend den Spagat zwischen der hochdramatischen Attitüde und schlichter Mädchenhaftigkeit. Die Phrasen bei "Ewig war ich" waren von tief bewegendem, innigem Ausdruck, bei den Spitzentönen des finalen Duetts lachte der Tod und leuchtete die Liebe ungetrübt.

Im Orchester glaubte man Fortschritte auf dem Wege zu homogenem Klang und einer zugespitzteren Akzentuierung festzustellen. Zusammen mit Donald Runnicles wurde es zu Recht in den lang anhaltenden Publikumsjubel für die Hauptdarsteller einbezogen.



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