21. und 25. Februar 2007
Deutsche Oper Berlin

Wenn Walküren wiederkehren

Der Ring der Nibelungen an der Deutschen Oper

Programm

Richard Wagner
Der Ring der Nibelungen: Die Walküre, Götterdämmerung



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Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Donald Runniclesa
Inszenierung: Götz Friedrich
Spielleitung: Gerlinde Pelkowski
Bühne und Kostüme: Peter Sykora

Siegmund: Robert Dean Smith
Hunding: Reinhard Hagen
Wotan: Terje Stensvold
Sieglinde: Eva Johansson
Fricka, Waltraute (Götterdämmerung), 2. Norn: Marina Prudenskaja
Brünnhilde: Evelyn Herlitzius
Siegfried: Alfons Eberz
Gunther: Lenus Carlson
Alberich: Richard Paul Fink
Hagen: Eric Halfvarson
Gutrune, Helmwige: Michaela Kaune
Gerhilde, 3. Norn: Manuela Uhl
Ortlinde: Ruth Staffa
Waltraute (Die Walküre), Wellgunde: Daniela Sindram
Siegrune: Yvonne Wiedstruck
Rossweisse: Sarah van der Kemp
Grimgerde: Andion Fernandez
Schwertleite, 1. Norn: Ceri Williams
Woglinde: Fionnuala McCarthy
Flosshilde: Nicole Piccolomini

Orchester und Chorsolisten der Deutschen Oper Berlin

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Wenn Walküren wiederkehren

Der Ring der Nibelungen an der Deutschen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Bernd Uhlig (Götterdämmerung), Deutsche Oper Berlin (Runnicles)

Hojotoho! Von heller Bühnenferne trippelt Brünnhilde heran. Der metallfarbene Flügelhelm sitzt; der Speer wandert gekonnt von links nach rechts. Und noch mal: Hojotoho! Evelyn Herlitzius schmettert den Schlachtruf mit prachtvoller Power, legt sich körperlich ins Zeug, durchlebt die Partie bis in die Haarspitzen, so dass ihr Auftritt einem Freudenfeuer gleicht. Wotan alias Terje Stensvold schließt sie in väterliche Arme, erteilt allmächtigen Auftrag und schon saust die Lieblingstochter wieder gen Horizont. Es lebe die gute, altgermanische Götterwelt, in der Loges Feuerbälle lodern, der Nebel endlos wabert! Wagner wie aus dem Bilderbuch und immer wieder auch Erinnerung an allerbeste Götz-Friedrich-Zeiten.

Tradition und Mythos sind ja nicht nur Inhalt des Rings, sondern sie umgeben ihn. Bislang hat sich aus jedem aufsehenerregenden Zyklus ein eigener Name gebildet, wie beispielweise Patrice Chéreaus Jahrhundert-Ring oder der Stuttgarter Millenium-Ring. Hier leitete sich der Titel vom legendären Bühnenbild ab: Tunnel-Ring. Doch dabei handelt es sich nicht einfach um eine geniale, hübsch anzusehende Idee von Bühnenbildner Peter Sykora. Zwar ermöglicht der Tunnel an sich Bilder von gewaltiger Ausdruckskraft, die stimmig Übergänge schaffen und die Szene begreifen lassen. Aber die wirkliche Faszination dieses Rings entsteht aus der Komplexität der Tunnel-Metapher und der Führung, der Formung jeder einzelnen Figur.

Götterdämmerung

Um das Konzept in wenige Worte zu fassen: Es geht um den vergangenen, aber sich emsig wiederholenden Verlauf eines Untergangsszenarios. Alles läuft in einen Strudel, der zeigt, dass die Handlung schon vorweg genommen ist. Man spielt die eigene Rolle, wohl wissend, dass es nur in der Katastrophe enden kann. Es beginnt, um aufzuhören, wie jedes Teilchen dieser Welt. Götz Friedrich bringt es auf den Punkt: „Anfang ist Ende, und Ende ist immer wieder nur Anfang“. Als Regisseur, damals im Zenit seines Könnens, erschuf er etwas, dass man wohl als zeitlos bezeichnen kann. Der Beweis: Landauf, landab hat fast jedes mittlere Dreisparten- und große Opernhaus seinen eigenen Ring herausgebracht. Doch die künstlerischen Ergebnisse manch skandalöser Inszenierung ließen eben nicht mehr zu als eine schnell alternde Episode. So verwundert es wenig, wenn ein Zyklus nach 4 Jahren Spieldauer schon wieder im Schredder landet (David Alden / München). Gönnen wir uns also den denkbar ältesten Ring im weltweiten Fundus – wenn er so gut wieder aufgenommen wird wie dieses Mal.

Großen Wert legte man auf das vokale Niveau und verzichtete auf eine Garde alter Bayreuth-Veteranen. Eva Johansson war als Sieglinde die Einzige, die sich zum Chargieren und Outrieren hinreißen ließ und hektisch gestikulierend um die Weltesche wetzte, um forcierte, unartikulierte Töne abzusondern. Das genaue, aber ebenso zwiespältige Pendant: Reinhard Hagen als unbeweglicher Hunding mit Kammertonattitüden. Dagegen war Terje Stensvold, der sein Debüt als Wotan gerade mal vor einem Jahr in Stockholm gab, ein Paradebeispiel für einen idealen Göttervater: Er balancierte die Stimme aus, artikulierte expressiv ohne zu überbetonen und führte seinen geschmackvoll timbrierten Bass bisweilen etwas knurrig vor, was aber dem Porträt eines Zweiflers umso mehr entsprach. Gleich mehrere gute Figuren machte Marina Prudenskaja als Norne, scharfzüngige Fricka und angriffslustige Waltraute. Ihre üppige Alt-Stimme hat erneut einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht und meistert selbst die heikelsten Passagen. Und obwohl Textdeutlichkeit ihre Sache nicht ist, gerät die Waltrauten-Szene, die als Schlüsselszene der Tetralogie gilt, als Highlight der Aufführung. Prudenskajas Inbrünstigkeit und Evelyn Herlitzius bringen diese Momente zum Leuchten.

Überhaupt: Evelyn Herlitzius! Selten erlebt man eine so moderne, selbstbewusste Brünnhilde. Mit ihren schlanken, gleichwohl kräftigen, bestechend phrasierten Soprantönen und ihrer hingebensvollen Darstellung ist sie der über alle und alles triumphierende Star dieser Wiederaufnahme. Die Tenorhelden konnten da schwerlich mithalten. Weder Robert Dean Smith noch Alfons Eberz verfügen über ein sonderlich schönes Timbre oder üppigen Schmelz. Jedoch verstand es Smith wesentlich besser, die Kräfte einzuteilen, stimmliche Hürden schadlos zu erklimmen, um seinen Siegmund intelligent ans Ende zu führen. Eberz dagegen kam mehr als einmal an seine Grenzen. Er presste und stemmte, zwang seinem Siegfried die Töne ab, was nicht lange gut gehen konnte. Die Stimme rächte sich, klang mal belegt, zum Schluss gar heiser. Das wiederum hätte man eher vom indisponiert angesagten Eric Halfvarson erwartet. Doch sein Hagen hatte ordentlich Unterleib und verfügte über beeindruckend satte Schwärze. Der Gunter Lenus Carlsons hat stimmlich seine besten Tage hinter sich gelassen, dafür schien er sich bestens in Friedrichs Tunnelrund auszukennen, so dass er szenisch als schwächlicher Gibichung punktete. Michaela Kaune war als Gutrune eine sichere Bank; eine große Profilierung wurde indes nicht bemerkt. Richard Paul Fink sang den Alberich schön textdeutlich, trug aber spielerisch etwas zu dick auf. Die Nornen gingen gegenüber den Rheintöchtern der Götterdämmerung in puncto Klangschön- und Geschlossenheit in Führung; das Walkürengeschwader erklang erfrischend wackelfrei und belebend.

Donald Runnicles

Und das Spiel des Orchesters der Deutschen Oper? Bei dem bis dato bemitleidenswertesten Klangkörper der Stadt, der nach dem Abgang Christian Thielemanns klangkünstlerisch ins Bodenlose fiel, wurden Konsequenzen aus den Wagner-Opern der letzten Spielzeiten gezogen. Immer wieder wütete ein empörtes Publikum völlig zu Recht über lustloses Geplänkel im Graben, schlecht geprobte Aufführungen und Dirigenten, die eher halbherzig ans Werk gingen. Nun ist tatsächlich so etwas eingetreten wie ein kleines Phönix-aus-der-Asche-Wunder. Stolz wie Oskar stehen die Orchestermitglieder nach der Götterdämmerung im Tunnelrund und geben zu verstehen: Schaut her, wir sind wieder wer. Zu Verdanken haben sie das dem derzeitigen Music Director der San Francisco Opera, Donald Runnicles.

Runnicles, Profi der wagnerischen Spätromantik (Tannhäuser / Bayreuther Festspiele, Parsifal & Ring / Wiener Staatsoper) legte die Gewichte seines Dirigats auf das unabwendbare Schicksal, die dramatische Schlagkraft des Bühnenweihfestspiels. Schon im Walküren-Vorspiel regierte die volle Kraft: Ein präsenter Klang, direkt aufs Ohr gezielt, der jedoch niemals damit drohte, einen Sänger zuzudecken. Runnicles liebäugelte mit dem Rausch, feuerte immer wieder das Orchester an und ließ Einzelheiten schillernd ausmusizieren. Wie oft schon zeigte man sich damit zufrieden, dass im Graben der DOB das Klangbild nicht auseinander bröselte. Nun hörte man tatsächlich Wagners Taktanweisungen und Effekte in der Melodielinie heraus. Und wenn die schroffen Bläsersalven Siegfrieds Tod besiegeln, ist man überrascht, über welch atemberaubende Akustik dieses Haus tatsächlich verfügt. Als der Vorhang zum Finale der Götterdämmerung fällt, welches das erste Bild des Rheingoldes zeigt, fallen alle Dämme. Restlose Begeisterung, Ovationen für alle Beteiligten.



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