20. Februar 2007
Deutsche Oper Berlin

Zurück aus der Vergangenheit

22 Jahre Ring der Nibelungen in der Inszenierung von Götz Friedrich an der Deutschen Oper

Programm

Richard Wagner
Der Ring der Nibelungen: Das Rheingold



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Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Götz Friedrich
Bühne: Peter Sykora
Spielleitung: Søren Schuhmacher

Wotan: Terje Stensvold
Donner: Markus Beam
Froh: Felipe Rojas Velozo
Loge: Clemens Bieber
Alberich: Richard Paul Fink
Mime: Burkhard Ulrich
Fasolt: Reinhard Hagen
Fafner: Phillip Ens
Fricka: Marina Prudenskaja
Freia: Manuela Uhl
Erda: Ceri Williams
Woglinde: Fionnuala McCarthy
Wellgunde: Daniela Sindram
Flosshilde: Nicole Piccolomini

Nibelungen: Schöneberger Sängerknaben, Kinder der Ballettschule Vladimir Gelvan und der Berliner Tanzakademie

Die Statisterie der Deutschen Oper Berlin
Das Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Zurück aus der Vergangenheit

22 Jahre Ring der Nibelungen in der Inszenierung von Götz Friedrich an der Deutschen Oper

Von Hans Beckers / Fotos: Bernd Uhlig

Gut 22 Jahre hat Götz Friedrichs Inszenierung von Richard Wagners Ring des Nibelungen inzwischen auf dem Buckel. Regelmäßig kehrt sie auf die Bühne der Deutschen Oper zurück, als käme sie aus einem Zeittunnel, wie ihn der Bühnenbildner Peter Sykora als unverwechselbares Erkennungszeichen für die örtliche Verankerung des vierteiligen Spiels um Liebe und Macht entworfen hat. Und sie besitzt unverändert eine immense Anziehungskraft: Die Kartennachfrage übertrifft das Angebot offenbar beträchtlich.

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Der Zeittunnel ist eine nach wie vor bestechende Idee, die vom Zwang befreit, die Handlung in einer konkreten Epoche anzusiedeln. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft können sich durchdringen, und so ein szenisches Pendant bilden zu Wagners Methode, im Orchester Vergangenes und Zukünftiges rekapitulierend oder vorahnungsvoll aufscheinen zu lassen. Für Friedrich könnte sich die Geschichte um den Ring stets von neuem wiederholen. Das erste Bild des Rheingolds ist zugleich das letzte der Götterdämmerung: Nach der Katastrophe sitzen die Götter reglos da, unter Tüchern eingemottet wie zurückgelassene Möbelstücke.

Angesichts dieser Vorgaben entwickelt sich Das Rheingold allerdings in recht konventionellen Bahnen: Wie die Rheintöchter (gut aufeinander abgestimmt: Fionnuala McCarthy, Daniela Sindram und Nicole Piccolomini) zwischen auf und ab wallenden Stoffbahnen ihren Schabernack mit Alberich treiben und schließlich das Rheingold in Gestalt einer Art goldenen Weltkugel mit Sphärenringen leichtsinnig an ihn verlieren, offenbart kaum Revolutionäres. Die selbstherrlich auftretende, ganz in Weiß gekleidete Göttergesellschaft wird durch die Entführung Freias entzaubert. Symbolisch für ihre gefährdete Existenzgrundlage legen sie die Masken ab, die sie anfangs getragen haben. Loges Ränke und Intrigen erfahren keine Zuspitzung, weil Clemens Bieber zwar tonschön und souverän singt, aber jämmerlich unbeteiligt und ungewitzt spielt. Die übliche Prise Sozialkritik zeigt Alberich als rote Fliege tragenden, sich an den Schalthebeln und vor den Bildschirmen seiner Kommandozentrale herumfläzenden, aalglatten Boss, während die Nibelungen als gehetzte Bergarbeiter herumwuseln. Für das Ende immerhin gibt es ein eindrucksvolles Bild: Während der Tunnel in den Farben des Regenbogens erstrahlt, beginnen die Götter ihren Aufstieg ins ferne Walhall in Form einer Springprozession - zwei Schritte vorwärts, einer zurück. Ein ahnungsloser Totentanz auf den Trümmern der Weltordnung.

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Sängerisch deutet sich in der Wiederaufnahme bereits ein gewichtiges Zentrum an. Der Wotan von Terje Stensvold orientiert sich deutlich an dem von Wagner geforderten Ideal des "italienischen Gesangswohllautes". Die Stimme sitzt perfekt auf dem Atem, die klare Diktion wird getragen von einer ausgefeilten Legatotechnik. Dadurch erfährt die Bühnenfigur ihre unmittelbare Prägung: Wotans anfängliche Überheblichkeit, sein Taktieren und Lavieren, seine zunehmende Sorge um den Zustand der Welt - davon vermittelt Stensvold dem Hörer eine genaue Vorstellung. In Marina Prudenskajas Fricka hat er eine gleich gesinnte Partnerin. Deren energiegeladener Mezzo setzt nicht auf Tremolo-Drohgebärde, sondern hebt in seinen dunklen Färbungen verstärkt die Facetten der mitfühlenden, aufrichtig besorgten Gemahlin hervor. Auch Burkhard Ulrich, als Mime ein ergrauter, kahl gewordener Heimwerker-Typ, gehört in den Kreis der Sänger, die ihrer Partie wohltuend aus rein gesanglichen Mitteln beikommen.

Leider lässt sich das von Richard Paul Fink nicht behaupten. Mit gleichsam grimassierender Tongebung möchte er Außenseitertum und Dämonie Alberichs und zugleich ein tönendes Äquivalent seiner körperlichen Missgestalt vorführen. Vermutlich infolge zu hohen muskulären Drucks aber wird die Intonation sehr unsauber und die Figur verkommt zunehmend zur Karikatur. Das hat eine bedeutsame Konsequenz: In dem Maß, in dem Alberich zum bloßen Popanz degeneriert, fehlt der Götterwelt der Gegenpol. Dabei bleibt er doch bis in die letzten Takte der Götterdämmerung hinein durch seinen Sohn Hagen präsent und gefährlich!

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Die beiden Riesen (Fasolt, der schwärmerische, begriffsstutzige Dummkopf, von Reinhard Hagen mit prächtigem Material ausgestattet, aber textunsicher, der Fafner von Phillip Ens, ein eiskalter Fiesling) leiden darunter, dass die Regie sie meist in den hinteren Bühnenteil verbannt und ihnen damit ein gutes Stück ihrer Wirkung nimmt. Verschenkt, weil ohne Magie, der Auftritt der Erda, für die Ceri Williams auch klanglich zu wenig Geheimnisvolles aufbietet. Nicht ganz ausgewogen finden sich die kleinen Götter-Partien besetzt: Daniela Uhl als ein wenig spröde Freia, Markus Beam als sonorer Donner und Felipe Rojas Velozo als angestrengter Froh.

Im Orchestergraben will der Einstieg in den Ring nicht so recht gelingen. Das Vorspiel, obschon mit Bedacht in der Dynamik gesteigert, gerät insgesamt zu erdenschwer, zu pauschal in der Verfolgung der einzelnen Linien, die eigentlich ein filigranes, schwebendes Gewebe ergeben können. Zum Problem des gesamten Abends entwickeln sich fortlaufende Unsauberkeiten in den Blechbläsern, die keinen guten Tag erwischt haben. Der Streicherapparat klingt (im seitlichen Parkett gehört) seltsam matt. An vielen Stellen fehlen die Akzente, die aufhorchen lassen. Donald Runnicles am Pult des Orchesters Der Deutschen Oper sorgt immerhin dafür, dass die meisten Ungenauigkeiten, auch im Zusammenspiel mit der Bühne, gut abgefedert werden und vermeidet sorgfältig ein Zudecken der Sänger. Das ausverkaufte Haus spendete wohlwollenden Beifall, das Drama um den Ring indes muss in der Walküre noch erheblich an Fahrt aufnehmen.



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