18. März 2007
Staatsoper Unter den Linden

In unendlichen Weiten

Bernd Eichinger inszeniert Parsifal an der Staatsoper

Programm

Richard Wagner
Parsifal

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Bernd Eichinger
Bühnenbild: Jens Kilian
Video: fettFilm (Torge Möller, Momme Hinrichs)
Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
Licht: Franz Peter David
Chöre: Eberhard Friedrich

Amfortas: Roman Trekel
Titurel: Andreas Bauer
Gurnemanz: René Pape
Parsifal: Burkhard Fritz
Klingsor: Jochen Schmeckenbecher
Kundry: Michaela Schuster
Blumenmädchen: Anna Prohaska, Julia Baumeister, Simone Schröder, Anna Samuil, Carola Höhn, Louise Callinan
1. Gralsritter: Peter-Jürgen Schmidt
2. Gralsritter: Yi Yang
Knappen: Anna Prohaska, Louise Callinan, Florian Hoffmann, Peter Menzel
Altsolo: Simone Schröder

Staatskapelle Berlin
Orchesterakademie
Staatsopernchor
Konzertchor und Komparserie der Staatsoper Unter den Linden

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In unendlichen Weiten

Bernd Eichinger inszeniert Parsifal an der Staatsoper

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus

Parsifal: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Wir schreiben das Jahr 2005. Den 19. März um genau zu sein. An der Staatsoper beginnt mit der Premiere von Parsifal ein neues Zeitalter. Ein frischer Wagner-Zyklus wird aufgebaut, während man die Kupfer-Inszenierungen nach dem Marathon (Festtage 2002) nach und nach einmottet. Die Neuproduktion bringt - nichts Neues für die Staatsoper - ein Quereinsteiger aus der Filmbranche auf die Bühne. Nachdem Doris Dörrie mit Cosi fan tutte in der Musiktheatersparte debütierte und dem Haus einen riesigen Publikumshit bescherte, stellte sie den Kontakt zwischen Staatsoper und dem erfolgreichsten Produzenten von "Movies Made in Germany", Bernd Eichinger, her. Der rote Teppich wurde ausgerollt, Eichinger bekam ein großzügiges Budget und ein Kompetenzteam mit Peter Mussbach als Dramaturgen zur Seite gestellt. So verlockend schien es, erst Publicity und dann hohe Absatzzahlen zu ernten, dass man eine winzige Kleinigkeit übersah: Mochte Eichinger auch als Produzent von Kinostreifen triumphieren, seine eigenen Regiearbeiten (u.a. Der große Bagarozy) waren eher ein Fall für den Giftschrank. Gemessen an dieser Ausgangssituation ist das Ergebnis durchaus annehmbar ausgefallen, doch zur Sternstunde stieg dieser Abend erst durch König Barenboim und seine Untergebenen auf…

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Zum Vorspiel starrt man ins All, das Parkett im Orbit unsrer Erde, Wagner als Sound im Planetarium - das hat schon was. So ähnlich hätte das sicher auch Georges Lucas gemacht, wenn die San Francisco Opera sein Ring-Projekt aus Kostengründen nicht gestrichen hätte. Doch mit dem Auftritt Gurnemanz' stecken wir im Wald. Dicke Stämme ragen in den Bühnenhimmel, man trägt braune Wickelkleider und bewegt sich, wenn überhaupt, recht sparsam. Rasch entfaltete sich eine szenisch bleierne Wirkung, die, verstärkt durch Barenboims gedehnte Tempi und allerschönstes Wagner-Deutsch, einige im Saal an den Rand ihrer Konzentration brachte und sie friedlich entschlummern ließ. Der Übergang zur Gralsenthüllung wird auf drehenden Wänden illustriert. Untergegangene Kulturen sind auf den Bildern zu sehen, zu denen auch die anschließend auftretende Ritterschaft gehört. Aufregend für Regisseure ist der Moment, wenn Parsifal fragt, wer der Gral ist und er von Gurnemanz die Antwort bekommt, dass sich dies nicht sagt. Für Eichinger ist der Gral ein Klumpen Fleisch aus Amfortas' Leib, den dieser aus seiner Wunde holt, auf einen Pflock manscht, damit sich jeder Ritter eine Scheibe zum Verzehr abschneiden kann. Gedanken im Großformat reichen eben nicht - auf die Leinwand muss es. Und so wird projiziert, was das Zeug hält. Klingsors Räucherwerk, der Auftritt Kundrys, der Speerwurf auf Parsifal: Nirgendwo passt dieser Video-Stil so gut wie im 2. Aufzug. Wenn das in Flammen aufgehende Dämon-Bild von Alien-Designer H. R. Giger den Untergang des Zauberreichs symbolisiert, sagt das mehr aus, als manch aufwendige Bühnenhydraulik oder einfallendes Pappmaché. Spätestens im 3. Aufzug, wenn ein abgehalfterter Gurnemanz auf einer Bank im Central Park New Yorks und damit im inszenatorischen Tiefpunkt erwacht, wissen es auch die Zuschauer ohne Programmheft: Dieser Parsifal ist als Zeitreise konzipiert. Zu den ersten Klängen der Totenfeier Titurels sieht man Szenen der Apokalypse; Hollywood mag es, wenn zum Finale noch was in die Luft fliegt. Das patriotisch-kitschige Happy End darf nicht fehlen: Die zur Schlägergang verkommene Rittergesellschaft, Parsifal und auch Kundry nehmen Platz, um in die Zukunft der blauen Weltkugel zu blicken. Das Einzige, auf das man vergebens wartet, ist ein Abspann.

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Es zeugt vom hohen Niveau der Staatsoper, wenn man den Großteil der Hauptpartien aus dem Ensemble besetzen kann. René Pape als nobler, vokal gebieterischer Gurnemanz, Burkhard Fritz als herrlich tenorstrahlender, standhafter Parsifal und Roman Trekel als kontrastreicher, mitfühlend spielender Amfortas sind allesamt Sänger von Weltklasseformat. Doch auch Jochen Schmeckenbecher und Michaela Schuster entpuppten sind als große Gast-Glücksfälle. Während Schmeckenbecher einen kernig markanten, effektvollen, klar artikulierenden Klingsor vorführte, betörte Schuster mit Ausdrucksstärke und einer dramatisch reifen Darstellung, die von wütender Tobsucht bis sinnlicher Zärtlichkeit die volle Bandbreite einer exzellenten Kundry aufwies. Die Staatskapelle begeisterte mit einem Klangbild, das alles vereinte: Fantasie, Balance, Technik. Wie jede einzelne Instrumentengruppe Töne hielt, sie natürlich formte, die Farben gemächlich verlaufen ließ, um der Architektur des Stückes entgegen zu kommen, war überwältigend. Das anfangs gezügelte Tempo wich mehr und mehr einer zügigen, idiomatischen Wahl der Tempi, ohne je gehetzt, routiniert oder sentimental zu klingen. Der wahre Magier des Abends heißt Daniel Barenboim.



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