29. April 2007
Staatsoper Unter den Linden

Vom Mädchen, das groß rauskommt

Starbesetzung in Patersons Manon an der Staatsoper

Programm

Jules Massenet
Manon

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung und Choreographie: Vincent Paterson
Bühnenbild: Johannes Leiacker
Kostüme: Susan Hilferty
Licht: Duane Schuler
Chöre: Eberhard Friedrich

Manon Lescaut: Anna Netrebko
Le Chevalier des Grieux: Rolando Villazón
Lescaut: Alfredo Daza
Le Comte des Grieux: Christof Fischesser
Guillot de Morfontaine: Rémy Corazza
De Brétigny: Arttu Kataja
Pousette: Hanan Alattar
Javotte: Gal James
Rosette: Silva de La Muela
Wirt: Matthias Vieweg
Zwei Soldaten: Friedemann Hecht, Andreas Bornemann
Hausmädchen: Ilona Ehlert
Priester in St.-Sulpice, Sergeant: Wolfgang Biebuyck
Wachmann: Ilia Iossifov

Staatskapelle Berlin
Orchesterakademie
Staatsopernchor

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Vom Mädchen, das groß rauskommt

Starbesetzung in Patersons Manon an der Staatsoper

Von Heiko Schon / Fotos: Robert Millard

Manon: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Wie sich doch die Bilder gleichen. Vor ein paar Tagen nimmt eine russische Sopranistin vor einer wartenden Journalistenmeute im Apollosaal der Staatsoper Platz. Sie sonnt sich im Blitzlichtgewitter, schürzt die Lippen, verschenkt ein betörendes Lächeln, erledigt ihren Job. Die Show vor der Show - das war schon immer fester Bestandteil des Alltags einer Diva. Ob Verehrer oder Nörgler, sie alle drehen das Karussell mit, welches für ihren Erfolg unabdingbar ist. Und nun, ein paar Tage später, der Auftritt Manons als szenisches Spiegelbild. Es erscheint eine reizend kindliche Frau, die um ihre Wirkung auf das Umfeld sehr wohl weiß. Die Gesten, Posen, Blicke sagen: Ich bin dafür geboren, im Spot der Scheinwerfer zu stehen. Folglich spaltet der Regisseur das Tableau der Titelfigur auf und lässt mehrmals Beleuchter aufmarschieren, um selbst deren intimsten Momente ins rechte Licht zu rücken.

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Ein Hoch auf die Selbstdarstellung! Vincent Paterson mag hier vielleicht sein Debüt als Opernregisseur gegeben haben, aber er kennt sich mit Inszenierungen für Stars aus. Damit, wie man eine hübsche Frau hübsch darstellt und deren Geschichte über Geld oder Liebe erzählen sollte. Anna Netrebko entschied sich aber für Paterson als Wunschkandidaten aus einem ganz anderen Grund: Er weiß um die Bedürfnisse ihres Publikums. Paterson serviert also schon wie auf der gemeinsamen DVD (Anna Netrebko - The Woman, The Voice) Startheater satt, bei dem die Personenführung sitzt wie Manons schicke Glitzerrobe und die Bühnenkulisse erstrahlt wie die vielen Hochglanzfotos im Programmbuch. Verschwindet da nicht das Werk im Hintergrund? Mitnichten, denn Paterson bleibt trotz seinem Kniefall vor der Hauptdarstellerin immer dicht am Geschehen der Vorlage und karikiert den Glamourfaktor, wenn auch nur in harmloser Dosierung. Mit dem Paris der 50er-Jahre verlegt er die Geschichte in eine Epoche, in der es noch glaubwürdig war, wenn man seine Cousine nicht zum Casting sondern eher ins Kloster schickte. Es war aber auch die Zeit von Diven der amerikanischen Traumfabrik, von Elizabeth Taylor oder Audrey Hepburn. Die Aura dieser Hollywood-Aktricen macht sich Patersons Manon zu Eigen, was wiederum Netrebko ermöglicht, ein halbes Dutzend elegantester Haute Couture-Roben vorzuführen. Der Gipfel des Aufstiegs ist erreicht, wenn Manon als Abbild Marilyn Monroes im Spielsalon erscheint, um beim Tabledance alle um den Verstand zu bringen.

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Anna Netrebko, der Fixstern am Opernhimmel, ist die perfekte Besetzung für diesen Abend. Sie genießt es, als große Verführerin schamlos abzuräumen und nutzt diesen Charakter, um alle Netrebko-Klischees von Oberflächenreiz bis Vermarktung vorzuführen, so dass die Grenze zwischen Sängerin und Rolle aufgehoben scheint. Auch stimmlich schlägt sich Netrebko sensationell, offeriert ihren flammenden Klang, die Leuchtkraft ihres Soprans und trumpft gerade in den lyrischen Passagen bewegend auf. In gleichem Maße erobert ihr Partner das Publikum im Sturm. Denn wie Rolando Villazón mustergültig Französisch diktiert, wie er Bögen gestaltet, die Partie schmachtvoll beseelt, das beglückt. In seiner Darbietung als Chevalier des Grieux verleiht Villazón der Liebe auf den ersten Blick ebenso darstellerische Tiefe wie der schmerzvollen Trennung oder dem drohenden Verlust im Angesicht des Todes. Durch die Absage Bertrand de Billys, die zwar schlecht nachvollziehbar aber letztendlich auch nicht zu bedauern ist, kamen die Berliner in den Genuss einer weiteren Neuproduktion unter der Stabführung von Daniel Barenboim. Ähnlich wie bei seiner Carmen-Einstudierung fördert der Maestro eine ungeahnte Glut zu Tage und lässt Massenets Schmachtfetzen eher frisch bis ruppig denn schwärmerisch erklingen. Gefühlvoll geht Barenboim eher mit den Solisten um und stachelt die beseelt spielende Staatskapelle zu farb- und nuancenreichem Spiel an. Paterson hat nicht Unrecht, wenn ihn diese Partitur an Filmmusik erinnert, aber unter Barenboim klingt diese zumindest nicht schnulzig. Noch zum letzten Vorhang spurtet Netrebko an die Rampe, winkt, bedankt sich brav für den Applaus, indes die Körpersprache nur auf diese eine Frage schließen lässt: War das nicht toll? Ja Anna, das war es wirklich.



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