9. November 2007
Neuköllner Oper

Musik verboten

Ein Familienabenteuer an der Neuköllner Oper

Program

Major Dux
von Martin Baltscheit (Text) und Sandra Weckert (Musik)

Artists

Neuköllner Oper
Musikalische Leitung: Sandra Weckert
Bühnenfassung und Regie: Volker Schmidt
Ausstattung: Andrea Nolte

Billy Butterfly/Cocktailspinne/Ratte: Frederike Haas
Bartolomäus Bob/alter Mann/Major Dux: Andreas Schwankl
Alwin Schmidt/Pawlow/Esel: Uwe Dreves
Maulwurf/kleiner Mann/Piano, Gitarre: Peer Neumann
Echse/ Saxophone, Harmonika: Sandra Weckert
Tausendfüßler/Schlagzeug: Volker Schmidt

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Musik verboten

Ein Familienabenteuer an der Neuköllner Oper

von Werner Friedrich / Fotos: Matthias Heyde

Major Dux: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Schon von Brecht kennen wir die These, dass Gewaltherrscher nicht dämonisiert werden sollten, weil ihnen auch im Negativen keine Größe zukommt. Hinter dem Monströsen ihres Anspruchs (und leider auch oft ihrer Wirkung) verbirgt sich nur Verbrechertum billigster Sorte. Der Major Dux, der in seinem Land die Musik und alle Arten von Geräuschen verbieten lassen will, ist genau von der Sorte: Eigentlich ist er ein kläglicher, psychisch kranker Wicht, der sich nach einer Frau sehnt - einer begnadeten Sängerin, in die er sich einst verliebt hatte - und der sein Land nur terrorisiert, um sie, die auch unter den neuen Gesetzen nie würde vom Singen lassen können, auf Grund ihrer Stimme wieder zu finden.

Ein origineller Stoff für das "jazzige Familienabenteuer", das am 9. November in der Neuköllner Oper seine Uraufführung erlebte. Keine Oper im engeren Sinn, wohlgemerkt - auch keine Kinderoper - sondern ein Schauspiel, bei dem die Musik aber nicht Aufputz ist, sondern die eigentliche Hauptrolle spielt. Denn dass der Alltagslärm gedämpft werden sollte, die Straßen ruhiger werden, dagegen hätte eigentlich niemand etwas einzuwenden. Erst als das "Ministerium für Geräusch und Akustik" auch die Musik ins Visier nimmt - also ein für den Menschen schier unverzichtbares Element -, kommt es zu wütenden Reaktionen und zu einer Rebellion der Musiker und Musikfreunde. Um das Rätsel zu lüften (und schließlich auch, um den Major unschädlich zu machen), nehmen die Akteure ihr Publikum auf eine Reise in die tatsächliche "Unterwelt" mit: Man steigt die vielen Treppen hinab in den Hof an der Karl-Marx-Straße 131, um von dort in einen Keller zu gelangen, der mit der Nachbildung einer U-Bahn ausgestattet ist. Danach geht es weiter in einen als Jazzlokal adaptierten Raum mit kleiner Bühne, der in der Zeit des Musikverbots das Pendant zum speakeasy der Prohibitionszeit darstellt. Nachdem Musiker wie Besucher einer Razzia der Geräuschepolizei während eines Auftritts der Sängerin Billy Butterfly nur knapp entkommen sind, besinnt man sich des Orpheus-Mythos (oder sollten wir lieber sagen: der Jazz-Revolution?): Mit sanglicher Hilfe des Publikums bringen die Musiker durch ihren Gesang die Wand zum Einsturz, gelangen ins Freie und begeben sich auf dem Weg zum Major.

Major Dux: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Eine kurzweilige Aufführung für Erwachsene und Kinder (die Neuköllner Oper gibt das untere Alterslimit völlig richtig mit 8 Jahren an), in der Elemente des Zimmertheaters, des Abenteuers wie des Musiktheaters vereint sind. Der Text stammt von Martin Baltscheit, der sich in der Person des Protagonisten Bartolomäus Dux (wunderbar gespielt von Andreas Schwankl) selbst in die Rahmenhandlung des Stückes eingebracht hat. Sandra Weckert hat die Musik dazu geschrieben und bläst mitreißend auf ihrem schönen alten Sopransaxophon. Wie überhaupt die Musiker nicht nur musizieren, sondern als Akteure auch selbst mitspielen und ebenso die akustische Ausstattung der Handlung übernehmen. Dass der Regisseur Volker Schmidt einen Jugendtraum verwirklichen konnte und im Jazzkeller selbst am Schlagzeug sitzt, erscheint nur folgerichtig. Einziger Wermutstropfen: Von der das Jazzidiom hinreißend interpretierenden Sängerin Frederike Haas, die als Sängerin Billy Butterfly auftritt und völlig nachvollziehbar macht, warum der Major Dux ihr verfallen ist, hätte man unbedingt noch mehr hören wollen, Musikverbot hin, Musikverbot her.



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