02. November 2007
Konzerthaus

Gluck - Gluck - Gluck

Das Konzerthaus bringt drei Gluck-Opern in den Konzertsaal

Programm

Christoph Willibald Gluck
Alceste (Konzertante Aufführung mit Szene)

Mitwirkende

Konzerthausorchester Berlin
RIAS Kammerchor Chor
Lothar Zagrosek - Dirigent
Christiane Oelze - Sopran (Alceste)
Dominik Wortig - Tenor (Admeto)
Marie-Claude Chappuis - Mezzosopran (Ismene)
Johannes Chum - Tenor (Evandro)
Kai-Uwe Fahnert - Bariton (Oberpriester/Apollo)
Simon Pauly - Bariton (Herold)
Lina Kriebel - Kind (Aspasia)
Luca Kriebel - Kind (Eumelo)
Joachim Schlömer und Susanne Øglænd - Szenische Einrichtung
Nina Lepilina - Kostüme
Mascha Mazur - Bühnenbild
Andreas Fuchs - Licht
Lisa Böffgen - Video
Cornelia Wentzel - Maske

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Gluck - Gluck - Gluck

Das Konzerthaus bringt drei Gluck-Opern in den Konzertsaal

Von Katrin Kirsch / Fotos: Bernd Uhlig

Alceste: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Schon seit Wochen wurde in der Stadt geworben mit Plakaten und Flyer, die einen zweimal hinsehen ließen: "Gluck. Gluck. Gluck." Was ist das? Eine neue Badeerlebniswelt? Nein, die neue Veranstaltungsreihe im Konzerthaus, genannt "konzertante Aufführung mit Szene" dreier Gluckscher Opern, die zwar jedem Musikwissenschaftsstudenten als "Reformopern" mitsamt ihrem starkem Einfluss auf Wagner und Berlioz bekannt sind. Allzu selten jedoch lassen sich Orfeo ed Euridice, Alceste (von denen noch eher die französischen als die hier dargebotenen italienischen Fassungen bekannt sind) oder gar Paride ed Elena, entstanden in den Wiener Jahren 1762-70, heute in den Spielplänen finden.

Das Konzerthausorchester brachte jetzt in einem Kraftakt innerhalb von vier Wochen mit jeweils nur vier Probentagen diese drei Werke in der szenischen Einrichtung von Joachim Schlömer und Susanne Øglænd auf die Bühne, oder sollte man besser sagen: ins Haus. Im Gegensatz zu landläufigen konzertanten Aufführungen, bei denen die Sänger brav am Bühnenrand ihre Arien schmettern, wurde hier der ganze Raum mit einbezogen: Ein Steg verlängerte die Bühne in den Mittelgang, Sänger und Instrumentalisten überraschten mit Auftritten auf Chorbalkon, inmitten der Ränge, ja sogar im Parkett baute sich der die Aktionen kommentierende Chor auf, mit dem schönen Effekt, dass man vom Rang aus das Gefühl hatte, Zagrosek würde das Publikum dirigieren, wenn er sich zum Chor umdrehte! Das größte Bühnenelement war ein Kubus in der Mitte, der gleichzeitig als Leinwand für Videoprojektionen diente, die jedoch das schwächste Element der Inszenierung waren.

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Das lebendige Raumkonzept, das auch noch lichttechnisch gekonnt in Szene gesetzt war, tat der Oper, die sehr stark auf die innere Handlung der Protagonistin konzentriert ist, gut und ließ die konventionelle Inszenierung mitnichten vermissen. Das Publikum wurde unmittelbar in das Drama hinein gesogen, nicht zuletzt natürlich durch das faszinierende Zusammenwirken von Konzerthausorchester (auf der linken Hälfte der Bühne), RIAS Kammerchor und einem durchweg überzeugenden Ensemble, das wirklich zu erschüttern wusste.

Der Star des Abends, Christiane Oelze, ging ganz in der Rolle der Alceste auf, die als einzige bereit ist, sich für ihren Gatten, den sterbenden König, zu opfern. Ihr dramatischer Ausdruck zeigte keine Spur von "zirzensischer Selbstgefälligkeit der Sänger", die Gluck ehemals an den Kastraten kritisierte, und steigerte sich kontinuierlich bis zum grandiosen Abschiedsduett mit Dominik Wortig als König Admeto. Auch die Nebenrollen waren mit Marie-Claude Chappuis als Vertraute der Alceste und Johannes Chum (Evandro) sehr überzeugend besetzt.

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Beeindruckend ebenso die unglaublich frische und direkte musikalische Umsetzung von Seiten des Konzerthausorchesters, das unter Leitung seines sehr jugendlich wirkenden Chefdirigenten Lothar Zagrosek enorm gewonnen hat und hier sein Potential voll ausschöpfen konnte. Gleich die Ouvertüre war ganz prägnant und zupackend gespielt; die teilweise extrem schwierigen Figuren, die höchste Präzision erfordern, waren größtenteils wirklich gelungen. Zagroseks Energie riss das ganze Ensemble mit, es war ein sehr kraftvolles Musizieren - manchmal von Seiten des Orchesters fast zu sehr, worunter leider die Verständlichkeit der Sänger litt.

Obwohl äußerlich bis zum Auftritt des rettenden Deus ex machina sehr wenig passiert, wirkte besonders der zweite Teil der Oper durch die zupackende Interpretation als dramatische Einheit aus einem Guss, ein gelungener Gegensatz zu den von Gluck kritisierten starren Strukturen der Barockoper mit ihrer Abfolge Rezitativ-Arie.

Ein rundes Gesamterlebnis, zu dem man nur sagen kann: Toll. Toll. Toll.



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