4. Februar 2007
Komische Oper Berlin

Geschichten von der roten Couch

Thilo Reinhardt inszeniert Hoffmanns Erzählungen an der Komischen Oper

Programm

Jacques Offenbach
Hoffmanns Erzählungen

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Kimbo Ishii-Eto
Inszenierung: Thilo Reinhardt
Bühnenbild: Paul Zoller
Kostüme: Katharina Gault
Chöre: Robert Robert Heimann
Dramaturgie: Ingo Gerlach
Lichtgestaltung: Franck Evin

Hoffmann: Timothy Richards
Seine Muse: Stella Doufexis
Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel, Dapertutto: Peteris Eglitis
Nathanael, Spalanzani: Stephan Spiewok
Hermann, Schlemihl: Tobias Hagge
Andreas, Cochenille, Franz, Pitichinaccio: Peter Renz
Lutter, Crespel: Hans-Peter Scheidegger
Olympia: Cornelia Götz
Antonia: Sinéad Mulhern
Die Erscheinung der Mutter: Caren van Oijen
Giulietta: Karolina Gumos
Ein Pianist: Wolfgang Singula
Stella: Ana Filipović

Orchester und Chorsolisten der Komischen Oper Berlin

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Geschichten von der roten Couch

Thilo Reinhardt inszeniert Hoffmanns Erzählungen an der Komischen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Thomas Aurin

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Wir alle sind Singles, zumindest einmal im Leben. Keiner braucht Statistiken, um die Tatsache zu erkennen, dass sich dieser Zustand bei den meisten von uns wiederholt. Für manche bleibt die glückliche Zweisamkeit gänzlich Illusion. Die Großbaustelle im Leben: meine Suche nach dem Partner. Wer von Kuppelshow und Fisch-sucht-Fahrrad-Party genug hat, sollte ab sofort in die Komische Oper gehen. Dort kann man seine beziehungsverkorksten Nerven schonen und zusehen, wie ein Mann gleich mehrmals scheitert, den Frauen verfällt und vom blind Liebenden über den Zyniker zum Säufer mutiert. Thilo Reinhardt, früher Meisterschüler und Assistent von Ruth Berghaus, jetzt als Operregisseur schon in Leipzig, Weimar und Freiberg tätig gewesen, übernahm Hoffmanns Erzählungen für den erkrankten Willy Decker. Ihn interessiert nicht der Dichter E.T.A. Hoffmann, nicht das Künstlerdrama; Reinhardt will das persönliche Schicksal vom Kumpel nebenan erzählen, vom kleinen Stadtneurotiker, der halt einfach nur Pech mit der Liebe hat.

Hoffmann betritt mit Fräulein Niklas (phantastisch: Stella Doufexis), hier als fünfte und zentrale Frauenrolle umgeformt, einen Salon, eine holzvertäfelte Lampenlounge, die als Einheitsbühne von nun an für alle Akte herhalten muss. Niklas wird im Programmheft immer noch als Muse benannt, obwohl dies folgerichtig falsch ist. Es geht ihr darum, einen Mann fürs Leben und nicht für die Kunst zu gewinnen. Selbstquälerisch erträgt Niklas die Nebenbuhlerinnen und hofft, dass sich am Ende alles zu ihren Gunsten drehen wird. Auch als der Männerchor seinen ersten Auftritt hat, herrscht vorerst verkehrte Welt: Denn während sie als Tagungsgesellschaft (Parteimitglieder? Aufsichtsrat?) erscheinen, ist vielmehr Hoffmann - langhaarig, schwarzer Rolli, Hornbrille - der Typ "ewiger Student". Da sitzt er also im Lokal, auf roter Couch und blickt auf die Romanzen seines Lebens zurücků

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Jeder, der noch nie Offenbachs Repertoireknaller gesehen hat, sei der Abend ans Herz gelegt. Auch als Wiederholungstäter hat man immer wieder das Gefühl, dass man diesen Hoffmann so sehr mögen möchte. Letztlich muss man sich aber eingestehen: Er kommt mindestens 10 Jahre zu spät. Denn auch der Opernbesucher hat Erfahrungen mit seiner Liebe gemacht. Gerade am Haus in der Behrenstrasse hat er in den zurückliegenden Spielzeiten aggressive, kopflastige Visionen vorgesetzt bekommen, teils mit Bildern und Darstellungen, die er bis heute verdauen muss. Die Erziehung eines Publikums rächt sich nun an dieser Stelle, denn allzu leicht servierte Kost reicht nicht mehr aus, um den Hunger nach Regietheater auch zu stillen. Blendet man die einfach gestrickte Personenführung und die leider vollkommen überflüssigen Dialogpassagen einmal aus, so erfreuen kleine Details und originelle Einfälle.

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Wenn etwa der Abend bei Olympia an Fahrt gewinnt und Cornelia Götz an der Lapdance-Stange spielsängerisch in die Vollen greift oder sich der Vorhang zur Barcarole hebt, um den Blick auf eine stimmig schwankende Noir-Kulisse eines Nachtclubs freizugeben, so ist das überzeugendes Entertainment. Sinéad Mulhern (Antonia) quälte sich mit der Partie und den gestelzten Texten herum, Karolina Gumos bezauberte mit stimmlicher Sinnlichkeit und dominierte im Giulietta-Akt ohnehin mit einem Kostüm, welches weder waffenscheintauglich noch TÜV-geprüft sein dürfte. Hoffentlich stellt sich ihre meterlange Schleppe in keiner Vorstellung als Unfallrisiko heraus. Timothy Richards zeigte als Titelfigur Qualität in Durchhaltevermögen und Volumen, doch leider auch Mangel an farbintensivem Timbre und bestechendem Profil. Da erging es ihm aber nicht anders als seinem Gegenspieler: Peteris Eglitis blieb in der Rolle der Widersacher zu nah an der Oberflächliche und versprühte ohne dunkles Bassfundament eher Sachlich- als Bösartigkeit. Die ersten Eindrücke (verpatzter Einsatz der Glou! Glou!-Szene) zur musikalischen Leitung von Kimbo Ishii-Eto sollten sich nicht vertiefen. Zwar zeichnete ihn nicht gerade die Abstimmung mit den Solisten aus, aber Ishii-Eto hielt das Spiel des Orchesters straff, steuerte auf Höhepunkte zu und lotete diese ordentlich aus. Das hatte Schwung und ordentlich Pfeffer.



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