25. Februar 2007
Deutsche Oper Berlin

So fügt sich der Ring

22 Jahre Ring der Nibelungen in der Inszenierung von Götz Friedrich an der Deutschen Oper

Programm

Richard Wagner
Der Ring der Nibelungen: Götterdämmerung



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Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Götz Friedrich
Bühne und Kostüme: Peter Sykora
Spielleitung: Gerlinde Pelkowski
Chöre: Ulrich Paetzholdt

Siegfried: Alfons Eberz
Gunther: Lenus Carlson
Alberich: Richard Paul Fink
Hagen: Eric Halfvarson
Brünnhilde: Evelyn Herlitzius
Gutrune: Michaela Kaune
Waltraute: Marina Prudenskaja
1. Norn: Ceri Williams
2. Norn: Marina Prudenskaja
3. Norn: Manuela Uhl
Woglinde: Fionnuala McCarthy
Wellgunde: Daniela Sindram
Flosshilde: Nicole Piccolomini

Die Statisterie der Deutschen Oper Berlin
Das Orchester der Deutschen Oper Berlin
Der Chor der Deutschen Oper Berlin

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So fügt sich der Ring

22 Jahre Ring der Nibelungen in der Inszenierung von Götz Friedrich an der Deutschen Oper

Von Hans Beckers / Fotos: Bernd Uhlig

Götterdämmerung: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Von den Göttern, die mit ihrem Vabanque-Spiel Chaos und Unheil in die Welt gebracht haben, gibt es in der Götterdämmerung nur noch spärliche Kunde. Von Wotan vor allem wird berichtet, der stumm und ernst seinen Hochsitz eingenommen hat und die Trümmer seines Speeres in der Faust hält, während Staunen und Bangen die anderen Götter binden. Götz Friedrichs "Zeittunnel"-Konzept, das zuvor nur punktuell plausible Lösungen der Ring-Fragen anbieten konnte, tritt umso mehr in den Hintergrund, als nun menschliche Schicksale in den Vordergrund rücken. Zwar rekapitulieren zu Beginn die drei Nornen (etwas verhalten Ceri Williams als erste Norne, dramatisch-schlank aber etwas unstet Manuela Uhl als dritte Norne) noch einmal das Geschehen, aber auch sie wirken vor der dunklen Röhre seltsam erstarrt, gehen kaum aufeinander ein, weil sie keinen Blickkontakt herstellen. Aber dann konzentriert sich das Geschehen auf Siegfried. Alfons Eberz nimmt seine Partie auf dem Walkürefelsen mit kerniger Höhe und unbedingter Verve bruchlos wieder auf. Im Duett mit der hymnisch-herzlich gestimmten Brünnhilde von Evelyn Herlitzius bewegt er sich auf gleichem Niveau. Das Durchhaltevermögen ist beachtlich, nur die Zwielichtigkeit seiner todüberschatteten Erzählung im dritten Aufzug hat er sich noch nicht vollends zu Eigen gemacht.

Von Hagens Falle ahnt er aber vorerst noch nichts. Gunther und Gutrune (Michaela Kaune, solide und bemüht, die etwas fade Rolle aufzuwerten) treten wie ein adeliges Geschwisterpaar auf, dem offensichtlich beim Wunsch nach einer standesgemäßen Verehelichung eine zu große Portion Standesdünkel im Weg gestanden hat. Beide lassen sich ohne langes Zögern und ohne große Gewissensbisse in eine üble Intrige des Alberich-Sohnes einspannen. Die Gibichungenhalle, in der sie Hof halten, charakterisieren Stellwände mit lupenartig vergrößernden Glaselementen, hinter denen Drahtzieher Hagen gleich noch gefährlicher wirkt. Eric Halfvarson trotzt erfolgreich einer Indisposition, für die er vor der Vorstellung um Nachsicht hatte bitten lassen. Ja mehr noch: Angesichts der gefährdeten Stimme vertraute er nachdrücklich einer klangoptimierenden Ökonomie des Singens, bei der keinerlei Abstriche im Aufriss des finsteren Charakters erkennbar wurden. Weder die statische Ruhe von Hagens Wacht oder der Szene mit Alberich (heftig deklamierend, daher wenig klangsuggestiv: Richard Paul Fink), noch die dämonischen Attacken in der nächtlichen Gibichungenhalle (3. Aufzug) unterlagen nennenswerter Beeinträchtigung.

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Für den Rest des ersten Aufzuges bleibt Hagen reglos ins Leere starrend auf der Bühne präsent, als könne er mittels telepathischer Fähigkeiten verfolgen, wie das betrügerische Geschehen in Brünnhildes Felsenquartier seinem teuflischen Plan folgt. Dort müht sich die verzweifelte Waltraute vergeblich, ihre Walküren-Schwester zum Verzicht auf den Ring zu bewegen, obwohl Marina Prudenskajas Erzählung von den Qualen der Götter in ihrem mild-pathetischen Ernst nun wahrlich zu Herzen gehen müsste. Sodann bezwingt Siegfried, jedem Blickkontakt ausweichend, Brünnhilde in Gestalt Gunthers. Der kann nun seinen Landsleuten endlich eine (allerdings tief gedemütigte) Ehefrau für den Fortbestand der Dynastie präsentieren. Lenus Carlson, vermutlich einzig verbliebener Akteur aus der 1985er Premiere, ist leider inzwischen weit davon entfernt, der Partie Statur verleihen zu können. Die Stimme hat ihre klanglichen Qualitäten verloren, erscheint unbeweglich, farblos und resonanzarm. Besonders im unheimlichen, Verdi-haften Racheschwur-Terzett am Ende des zweiten Aufzuges, wo verschwörerhaft-entfesselt die Ermordung Siegfrieds vereinbart wird, ist das nicht zu verschmerzen.

Zu Beginn des dritten Aufzuges könnte das Schicksal noch einmal eine Wendung zum Guten nehmen. Ein schmaler Steg führt Siegfried zu den Rheintöchtern, die seit dem Raub des Rheingolds in schmutzigem Halbdunkel dahinvegetieren. Doch obgleich Fionnuala McCarthy, Daniela Sindram und Nicole Piccolomini sich mit schmeichelnden, später unheilschwanger-drohenden Tönen um die Herausgabe des Ringes bemühen - sie scheitern an Siegfrieds Dickköpfigkeit, der seinen eigenen Untergang nicht zu denken vermag und alle Warnungen in den Wind schlägt.

Schnell folgt die Strafe auf dem Fuße. Während Siegfried mit seinen Erinnerungen beginnt, sitzt die Phalanx der Mannen (Einstudierung des mächtig auftrumpfenden Chores: Ulrich Paetzholdt), nun vermummt mit Kapuzen, wie zu einem geheimen Femegericht versammelt am Bühnenrand. Sobald der vermeintliche Betrug offenbar wird, vollzieht Hagen das Todesurteil und wäscht sich die Hände in Unschuld. Gunther stürzt angesichts der Leiche davon. Das Tribunal geht nahtlos über in eine makabre Totenwache. Brünnhilde erscheint als schwarz gekleidete Witwe, sich ihren Weg durch eine Menschenmenge bahnend, die angesichts drohenden Unheils zur Flucht mit dem Rest ihrer Habe entschlossen ist und nun in panischer Angst umher rennt. Gerade weil Evelyn Herlitzius für ihren Schlußgesang noch einmal alle Kräfte mobilisiert und ihre besten Stimmeigenschaften bündelt, ist das offenkundige Desinteresse der Regie für ihren dramatischen persönlichen Opfergang ein übler Sabotageakt. Noch im Nachhinein möchte man Peter Konwitschny für die im Stuttgarter Ring gefundene Lösung danken, der Brünnhilde im erleuchteten Haus nach Oratorien-Art vor dem Vorhang singen ließ und dazu Wagners Regieanweisungen für den Weltuntergang einblendete. Bei Götz Friedrich wird aus dem Weltuntergang ein blitzartiger Zeitsprung - zurück in die Gegenwart, zurück zu den reglos unter Leinentüchern verharrenden Göttern, die sich die Geschichte ihres Versagens nun ein weiteres Mal heraufbeschwören können. So verfehlt die Inszenierung das eigentliche Ziel der Götterdämmerung: das Ende der Götter im Feuertod.

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Am vierten Abend der Tetralogie erreicht dafür endlich das Orchester der Deutschen Oper jenes Maß an Geschlossenheit und Genauigkeit, das bis dahin oft nur ansatzweise zu hören war. Siegfrieds gischtumtoste Rheinfahrt und der mit brachialer Wucht herausgemeißelte Trauermarsch bilden die Eckpfeiler, zwischen denen Donald Runnicles am Pult das reichhaltige Innenleben der Partitur, teils behutsam, teils leidenschaftlich, aufspannt. Dabei kommt ihm sein Gespür für den Spannungsbogen einer Szene, eines ganzen Aufzugs sehr entgegen. Über die gewählten Tempi legt man sich als Hörer während der Aufführung kaum Rechenschaft ab, weil die Musik als stets in ihrem natürlichen Fluss befindlich empfunden wird.

Am Ende empfingen das auf die Bühne heraufgeholte Orchester, den Dirigenten und die Sänger lang anhaltende Ovationen, die sich bei Frau Herlitzius zu einem Sturm mittlerer Orkanstärke steigerten. So könnte Der Ring wirklich wieder von vorn beginnen.



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