20. Oktober 2007
Deutsche Oper Berlin

Und der Kapitän als Letzter?

Freischütz symptomatisch für die Situation an der DOB?

Programm

Carl Maria von Weber
Der Freischütz

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Inszenierung: Alexander von Pfeil
Bühne: Bernd Damovsky
Kostüme: Caritas de Wit
Chöre: William Spaulding

Ottokar: Simon Pauly
Kuno: Lenus Carlson
Agathe: Manuela Uhl
Ännchen: Anke Krabbe
Kaspar: Jaco Huijpen
Max: Christopher Ventris
Eremit: Ante Jerkunica
Kilian: Jörg Schörner
Brautjungfern: Natali Buck, Rosemarie Arzt
Samiel: Prodromos Antoniadis

Orchester und Chor der Deutschen Oper Berlin

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Und der Kapitän als Letzter?

Freischütz symptomatisch für die Situation an der DOB?

Von Heiko Schon / Fotos: Bernd Uhlig (Kirsten Harms), Matthias Horn (Freischütz)

Spielzeitauftakt, Samstagabend, Wiederaufnahme Freischütz (Alter: 7 Monate), ein internationaler Gaststar als Max. Soweit die Fakten. Was aber andernorts für lange Gesichter an der Abendkasse sorgen würde, scheint der Deutschen Oper Berlin nicht mehr zu gelingen. Die Seiten im Parkett bleiben leer; der zweite Rang wurde vorsorglich gesperrt. Schauen wir gemeinsam etwas genauer hin, denn diese Produktion, die schon nach der Generalprobe zum Stadtgespräch geriet, hat höchste Aufmerksamkeit verdient. Nein, dies ist nicht im künstlerischen Sinne positiv gemeint, denn der Premierenabend war ein einziges Trauerspiel und die Aufführung ist es in gewisser Weise immer noch. Natürlich läuft überall mal was schief, aber so etwas verkraftet jedes Haus - wenn es gesund ist. Doch hier geht es nicht nur um ein paar leere Zuschauerreihen oder einen Verriss im Feuilleton: Dieser Freischütz erlegte nebenbei einen Generalmusikdirektor, trieb einen Chefregisseur zum Harakiri, kostete Vertrauen (welches ohnehin auf ein Minimum geschmolzen ist) und hat - als i-Tüpfelchen - auch Anteil daran, dass die DOB als Ärgerlichste Opernerfahrung 2007 (Umfrage Opernwelt) gilt. Alle Achtung, eine fürwahr hohe Ausbeute! Im Detail heißt das: Renato Palumbo lässt seinen Vertrag auslaufen und gibt alle musikalischen Leitungen des deutschen Repertoires ab. Alexander von Pfeil, der schon für seine Arabella geteert und gefedert wurde, reichte seine Kündigung ein. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass vor ein paar Jahren bei Christopf Nels Fidelio ähnliches passierte: Heinrich Schiff wurde für sein Dirigat abgewatscht und ergriff die Flucht; die Lobby um Christian Thielemann zwang den damaligen Intendanten in die Knie. Udo Zimmermann hatte weder das Glück noch die Zeit, die jetzt Kirsten Harms hat bzw. eingeräumt wird.

Kirsten Harms

Es mag leicht erscheinen, derzeit auf Harms rumzuhacken, da der Chor ihrer Kritiker stärker wird, während diejenigen, die ihren Kurs befürworten, immer weniger werden. Dumm ist nur, dass bei all den Vorwürfen der letzten Monate, Harms sich selbst immer nur als Opfer sieht oder aber die Fehler außerhalb ihres Amtes sucht. Ob Idomeneo-Krise, schlechte Auslastung der Neuproduktionen oder miese Publicity: Nein, dies sei alles nicht ihr zuzuschreiben. Immerzu werde nur gemeckert, intrigiert, gemeutert. Im Umgang mit Konfrontation erinnert Harms zuweilen an die Sorte Politiker, die durch andauernde Schönmalerei irgendwann unglaubwürdig wirken. An Ambitionen, diese Position auszufüllen, hat es Harms nie gemangelt. Aber worin liegen sonst ihre Qualitäten, ein Haus dieser Größenordnung zu leiten? Mutig rückte sie mit einem Teil ihrer jetzigen Mannschaft an (ihr Ehemann und Bühnenbildner Bernd Damovsky entwarf auch dieses Interieur), dass manch einer schon von Vetternwirtschaft sprach, obwohl solch ein Vorgang auch im Theaterbusiness gängiges Geschäftsgebaren ist. Nun also hat sich als erster ihr mitgebrachter Chefregisseur geopfert, ein Verlust, den kaum ein Berliner wirklich betrauern wird.

Der Freischütz: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Wie schon bei seinem Einstand mit Richard Strauss verwechselt von Pfeil Modernität mit Mode. Manuela Uhl als rätselhafte Braut und mit einem totem Reh unterm Arm bewaffnet, funkelt dem Betrachter mit ihren farbigen Kontaktlinsen vom Plakat entgegen. Boah, wie cool. Nebelschwaden, Lichtmaschine, Flaschen im Kreis und eine kriechende, schreiende, humpelnd rotierende Samiel-Parodie in der Wolfsschlucht. Uaah, wie gruselt's mir. Erst baumeln einige Diskokugeln zwischen den zwölf Lüstern aus dem Schnürboden, später totes Wild, und auch der restliche, von farbenfrohen Leuchtstoffröhren umrahmte Raum ist mit Säcken, Sofas, Bildern und einem Aquarium vollgestopft. Mag von Pfeil Affen und schwimmende Haustiere einsetzen, seine Inszenierung ist nicht Fisch, nicht Fleisch, sondern pseudozeitgemäßer Mummenschanz, der bei all dem Ausstattungsramsch die Charaktere verhungern lässt. Agathe, Ännchen, Max und Kaspar haben viel (ins Leere) zu laufen, agieren nicht mit-, nicht zueinander, singen ins Nichts: Kein Schicksal nirgends. Während Jaco Huijpen seinen Kaspar unartikuliert nach innen röhrt, singt Manuela Uhl die Agathe deutlich, bezaubernd schön, letztlich aber mit zu kleiner Stimme. Anke Krabbe als lyrisch versiertes Ännchen enttäuscht nicht, dafür Christopher Ventris umso mehr. Sein Max ist eine Spur zu routiniert, ja bald lustlos, was auch daran liegen mag, dass er szenisch mit seiner Rolle nichts anzufangen weiß. Sehr sorgfältig und mit frischem Elan agiert der eingesprungene Dirk Kaftan am Pult des DOB-Orchesters. Für ihn stellt der Jägerchor keine Hürde dar, auch wenn er von den Herren des Chores scheußlich vorgetragen wurde. Was bleibt ist eine Frage: Wann beginnt sie, die Zukunft Grosse Oper?



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