15. Dezember 2007
Staatsoper Unter den Linden

Diagnose: selbstverliebt!

Peter Mussbach inszeniert den Don Giovanni-Ersatz an der Staatsoper

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Don Giovanni

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung und Bühnenbild: Peter Mussbach
Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
Licht: Alexander Koppelmann
Chöre: Eberhard Friedrich

Don Giovanni: René Pape
Donna Anna: Anna Samuil
Don Ottavio: Pavol Breslik
Komtur: Christof Fischesser
Donna Elvira: Annette Dasch
Leporello: Hanno Müller-Brachmann
Masetto: Arttu Kataja
Zerlina: Sylvia Schwartz

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

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Diagnose: selbstverliebt!

Peter Mussbach inszeniert den Don Giovanni-Ersatz an der Staatsoper

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus

Don Giovanni: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Buh-huuh! Als zuletzt Peter Mussbach den Schlussapplaus für seinen Don Giovanni einsacken möchte, klatscht ihm ein Eissturm aus den Rängen entgegen. Das Publikum - enttäuscht, unterfordert, ermüdet - sieht sich um ein Stück betrogen, welches vor allem deshalb neu inszeniert wurde, um die belanglos-missliebige Produktion von Thomas Langhoff loszuwerden. Das zumindest ist der Staatsoper geglückt, denn seit letztem Samstag befindet sich nun eine belanglos-missliebige Mussbach-Produktion im Repertoire. Eine weitere, möchte man hinzufügen. Als Startschuss zu den Koproduktions-Opernspielen mit dem Teatro alla Scala di Milano war diese Inszenierung bereits im Oktober 2006 durchgefallen. Die Italiener, so war zu lesen, seien eben keine Amici des deutschen Regietheaters. Jetzt wissen wir: Allein daran lag es nicht. Vielmehr durchschaut man die mussbachsche Psychoanalyse schon in den ersten zehn Minuten - und langweilt sich entsprechend in den verbleibenden Stunden. Donna Anna stöhnt auf Don Giovanni, Leporello begrabscht Donna Elvira, Männer wollen nur das Eine, Frauen aber auch. Soweit ist es nun also mit der kranken Gesellschaft gekommen: Das zwischenmenschliche Interesse gilt gänzlich dem Geschlecht. Gefühle, gar Liebe füreinander? Pustekuchen. Jeder ist sich selbst der Nächste - emotional gesehen. Und so gibt es keine zärtliche Berührung, keine Küsse, keine knisternde Erotik mehr. Stattdessen singen sie ihre Arien nur noch für sich selbst. Aus gekränkter Eitelkeit, aus Selbstmitleid, aus Egoismus.

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Don Ottavio als kühlen, metrosexuellen Dandy vorzuführen, die Kammerzofe wegzulassen, um damit Don Giovannis Chauvinismus auf den Punkt zu bringen, bieten reizvolle Ansätze. Warum aber werden die wenigen Requisiten so absurd in die Handlung integriert? Was soll der Mumpitz mit dem Schirm? Weshalb fährt Donna Elvira auf einer Vespa vor? Schrecklich kurzsichtig wie sie sein muss, verpasst ihr Mussbach in Leporellos Register-Arie eine Brille, ohne die sie später am Balkon die Männer nicht mehr unterscheiden kann. Nun ja. Auf der leergefegten Bühne thalheimert Mussbach mit zwei, drei schwarzen Wänden herum und schiebt diese - rechts, links, vor, zurück - in allerlei geometrische Figuren, die nicht immer Bezug auf die Handlungsstränge nehmen, aber stets neuen Platz zum Dauerlauf bieten. Das Licht: Im Dunkeln ist gut Munkeln. Die Kostüme: schwarzer Mantel für den Herrn, schwarzer Rock für die Dame - wie revolutionär! Dieser Don Giovanni entpuppt sich so als Reißbrettartikel, bestellt im Versandhandel für modernes Musiktheater. Selbst die innere Logik bricht im Finale ein, wenn der Komtur erscheint, um nur Don Giovanni für sein schändliches Verhalten zu strafen. Wenn denn aber keiner frei von Sünde ist, warum nicht gleich die ganze seelisch verkrüppelte Bande zur Hölle fahren lassen?

Bei der Besetzung gibt es dagegen Positives zu berichten. Annette Dasch singt dramatisch und virtuos ausbalanciert, vermeidet die Zickenallüren ihres Charakters und vertraut lieber ihrer Bühnenpräsenz. Pavol Breslik taucht seinen Tenor genau in die Eleganz, den makellosen Glanz, die seine Partie als gefühlskalter Don Ottavio benötigt - und bezaubert damit. Und auch René Pape profitiert von einer Regie, in der er kein verführender, schwärmerischer Don Giovanni sein muss. Während Anna Samuils Donna Anna zu unbeweglich und eindimensional bleibt, überzeugt Hanno Müller-Brachmann mit stimmlicher Vielseitigkeit. Sylvia Schwartz, Christof Fischesser und Arttu Kataja komplettieren solide das junge Sängerensemble. Der sonst so präsente Klang der Staatskapelle ist anfangs kaum zu vernehmen - zumindest nicht in den Akustiklöchern des äußerlich rechten, hinteren Parkettbereichs. Als ob ein Deckel auf dem Orchestergraben liegt, finden einige Feinheiten der Ouvertüre nicht den Weg unters Dach des Ranges. Dafür hört man jedes noch so kleine Geräusch des Nachbarn. Daniel Barenboim setzt auf gedehnte Tempi und ein kultiviertes, verbindliches Klangbild. Erst später erwacht er aus seiner Zurückhaltung und ringt sich zu geringer Schwärze und etwas mehr Schroffheiten durch.



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