3. November 2007
Deutsche Oper Berlin

Geschnitten oder am Stück?

Kirsten Harms inszeniert Cassandra und Elektra im Doppelpack an der DOB

Programm

Vittorio Gnecchi
Cassandra

Richard Strauss
Elektra

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Leopold Hager
Inszenierung: Kirsten Harms
Bühne und Kostüme: Bernd Damovsky
Chöre: William Spaulding

Cassandra
Agamennone: Gustavo Porta
Clitennestra: Susan Anthony
Cassandra: Małgorzata Walewska
Egisto: Piero Terranova
Il Prologo: Alfred Walker
Una voce sola: Julia Benzinger
Una vecchia: Sarah Ferede
Elettra: Hannah Häger
Oreste: Yuto Adachi

Elektra
Klytämnestra: Jane Henschel
Elektra: Jeanne-Michèle Charbonnet
Chrysothemis: Manuela Uhl
Aegisth: Reiner Goldberg
Orest: Alfred Walker
Der Pfleger des Orest: Ante Jerkunica
Die Vertraute: Sarah Ferede
Die Schleppträgerin: Anna Fleischer
Ein junger Diener: Paul Kaufmann
Ein alter Diener: Jörn Schümann
Die Aufseherin: Stephanie Weiss
1. Magd: Nicole Piccolomini
2. Magd: Julia Benzinger
3. Magd: Ulrike Helzel
4. Magd: Andion Fernandez
5. Magd: Jacquelyn Wagner

Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Geschnitten oder am Stück?

Kirsten Harms inszeniert Cassandra und Elektra im Doppelpack an der DOB

Von Heiko Schon

Ist das Tal jetzt durchschritten? Der Knoten geplatzt? In Anbetracht der jüngsten Ereignisse kann man erst einmal festhalten: Es war eine gute Woche für die Deutsche Oper Berlin. Erst fädelte André Schmitz, Staatssekretär des Meisters kultureller Angelegenheiten und selbst früher (kommissarischer) Chef der DOB, einen neuen Vertrag mit einem noch neueren Generalmusikdirektor (Donald Runnicles) ein. Und nun gibt es auch noch die szenische Neuproduktion, auf die man in der Bismarckstraße so lange Zeit gewartet hat. Gewiss, das Ergebnis wird weder die Opernwelt verändern noch eine Renaissance der Werke Vittorio Gnecchis einleiten. Und man kann auch nicht behaupten, eine bahnbrechende Neuinterpretation der Elektra erlebt zu haben. Aber - und diesen einen Erfolg möchte man Kirsten Harms nicht absprechen - sie hat einen Abend geschaffen, der im Repertoire überleben kann. Das ist nicht nur entscheidendes Qualitätsmerkmal, sondern letztlich die Seele eines solchen Theaterbetriebs. Peter Mussbach und Andreas Homoki, auch Vertreter der Spezies "inszenierende Intendanten", haben zwar ihre Läden im Griff, bekleckerten sich aber zuletzt eher mit wenig eigenem Regie-Ruhm. Kurios, dass es nach diesem Schlussvorhang, einem Finale furioso, im Falle Harms genau umgekehrt ist: Während sich die unerledigten Hausaufgaben auf dem Schreibtisch des Intendanzbüros stapeln (oder diese mittlerweile vom Roten Rathaus aus erledigt werden), überzeugt die Regisseurin ihr Publikum mit zwei solide erarbeiteten, spannenden Einaktern.

Musikalisch müssten beide Werke weit auseinander liegen. Da Verismo, große Chöre, L'amore, Schmelz und Schluchzer; dort polytonale Schroffheiten, Gewalt, Granit. Doch Leopold Hager, derzeitiger Musikchef der Wiener Volksoper, schlägt überdeutlich klangliche Brücken, indem er Parallelen in der Dynamik findet. Fündig wurde damals auch Richard Strauss, der zwar kein gutes Haar an Gnecchis Werk ließ, aber seinen Agamemnon-Ruf dennoch der Cassandra-Partitur entlehnte. Dafür bekam er später eine hübsche Klage an den Hals. Harms betonte jedoch immer, dass es ihr eher um eine inhaltliche Verknüpfung ging. Darum, weshalb der Vater Elektras sterben musste. Das eigentliche Mordmotiv Klytämnestras (mit Durchschlagskraft: Susan Anthony) spielt bei Gnecchi nur in den ersten Minuten eine Rolle: Die Opferung der gemeinsamen Tochter Iphigenie durch Agamemnon, bevor dieser in den Krieg gegen Troja zog. Doch der Komponist verweilt lieber in langen Liebesgesängen zwischen Strohwitwe und neuem Hausfreund, obwohl dies doch auch eine geschäftliche Liaison war: Klytämnestra wollte den helfenden Totschläger, Aegisth die Macht. Selbst das eigene Schicksal Cassandras (sie wird in der griechischen Mythologie gemeinsam mit Agamemnon ermordet) sparten die Librettisten lieber aus.

Inhaltlich ist Elektra also wesentlich geschlossener als Cassandra, was auch daran liegen mag, dass Harms Gnecchis Oper um ein Drittel kürzte. Und selbst diese 50 Minuten werden der Hälfte der Aufführungen fehlen, wenn die Verbindung gelöst und Elektra dann wieder Single sein wird. Noch eine Unachtsamkeit leistet sich Harms, als sie Klytämnestra, die sich von Anbeginn ständig mit ihrem Beil abschleppen muss, allein gegen den verhassten Gatten (bärbeißig: Gustavo Porta) ausholen lässt. Lässig lehnt Aegisth vor der Bühne am rechten Zipfel des Chores, obwohl die Vorgeschichte Elektras besagt, dass er Agamemnon im Bade erschlug. Doch deswegen die Stirn in Falten legen? Keineswegs. Nun liegt es an ihr, zum großen Schlage auszuholen: Kirsten Harms inszeniert Elektra als psychologisch packendes Kammerspiel, entwirft mehrschichtige Rollenporträts und weiß vor allem, die große Bühne der DOB geschickt zu füllen. Gerade dabei bleibt Harms der Vorlage dicht auf den Fersen. Wir blicken in einen hermetisch abgeriegelten Hof, eine Deponie, wo Elektra zwischen Unrat, Knochen und jeder Menge Dreck ihr Dasein fristet. Es ist nicht wirklich ein Platz für Damen der Gesellschaft. Nur Chrysothemis (eine Offenbarung: Manuela Uhl) ist aus Liebe zur Schwester bereit, knietief durch den Schmutz zu waten, während Klytämnestra (großartig grotesk: Jane Henschel) nur widerwillig den Weg nach unten findet. In einem Moment gespielter Unachtsamkeit gelangt Elektra an das Beil, versagt dennoch und beschwört lieber Bruder Orest (stimmkräftiger als in Cassandra: Alfred Walker) unter Papas Mantel. Worte, Taten, Tänze: Jeanne-Michèle Charbonnet als stählerne, klug disponierende, darstellerisch an physische Grenzen gehende Titelheldin komplettiert ein erstklassiges Sängerensemble. Reingehen!

(Leider stellt uns die Deutsche Oper Berlin für diese Inszenierung keine Fotos zur Verfügung)



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