8. Juni 2007
Deutsche Oper Berlin

„Toréador, en garde“

Der Klassiker Carmen an der Deutschen Oper

Programm

Georges Bizet
Carmen

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Patrick Fournillier
Nach der Inszenierung von: Peter Beauvais
Bühne, Kostüme: Pier Luigi Samaritani
Chöre: Ulrich Paetzholdt
Choreografische Mitarbeit: Klaus Beelitz

Carmen: Elena Zaremba
Frasquita: Ditte Andersen
Mercédès: Sarah van der Kemp
Micaela: Jacquelyn Wagner
Don José: Zvetan Michailov
Moralès: Simon Pauly
Zuniga: Harold Wilson
Escamillo: Aris Argiris
Remendado: Peter Maus
Dancairo: Jörg Schörner
Lillas Pastia: Markus Brück
Andres: Ulrich George

Schöneberger Sängerknaben
Chor der Deutschen Oper Berlin

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„Toréador, en garde“

Der Klassiker Carmen an der Deutschen Oper

Von Melanie Fritsch

Carmen

Freitagabend in Berlin: Draußen geht ein heißer Sommertag zu Ende und ein lauer Abend beginnt. Die Vermutung liegt nahe, dass an so einem Abend wohl kaum jemand in die Oper geht, sondern eher in den Biergarten, um ein kühles Helles zu genießen. Falsch gedacht. Die Deutsche Oper gab an diesem Abend einen beliebten Klassiker des Opernrepertoires, aus dem jeder mindestens eine Melodie mitsingen kann, und dementsprechend war Carmen — nach der Inszenierung von Peter Beauvais aus dem Jahr 1979 — ausverkauft bis auf den letzten Platz.

Die Opéra comique von Georges Bizet, deren Uraufführung am 3. März 1875 in Paris stattfand und die aufgrund ihres Inhalts von den Kritikern zerrissen wurde, ist inzwischen eine der am häufigsten aufgeführten Opern des internationalen Repertoires und wurde bereits fünfmal verfilmt. Ihr Siegeszug begann tragischerweise erst kurz nach dem Tod ihres Komponisten im Oktober 1875 in Wien, doch heute ist diese „spanischste aller Opern“ jedem ein Begriff. Entsprechend hatte wohl auch jeder Zuschauer an diesem Abend eine recht genaue Vorstellung davon, was er auf der Bühne sehen und hören wollte.

Carmen

Das Publikum wurde nicht enttäuscht. Elena Zaremba gibt eine Carmen, wie sie im Buche steht: ein temperamentvolles, glutäugiges Vollweib, das mit einem Wimpernschlag die Männer betört und sie tanzend und hüfteschwingend zum Wahnsinn treibt. Ihr Mienenspiel ist lebhaft und ausgefeilt, und ihre volltönende Stimme zu hören, machte genauso viel Freude wie sie spielen zu sehen, auch wenn ihr Französisch nicht immer zu verstehen war. Mit ihrer starken Präsenz spielte sie ihre männlichen Partner an die Wand und dominierte — ganz der Rolle entsprechend — den Abend. Zvetan Michailov sang den Don José zwar mit Gefühl, blieb aber ebenso wie Aris Argiris als Escamillo schauspielerisch hinter seiner Partnerin zurück. Erst am Ende ließ er seine Möglichkeiten ein wenig erahnen, als er über Carmens Tod verzweifelte. Jacquelyn Wagner als Micaela hatte nicht viel Gelegenheit sich zu präsentieren, ihre Arie im 3. Akt absolviert sie souverän und vermag zu berühren, auch wenn sie in der Höhe manchmal etwas Callas-metallisch klang.

Neben der Hauptdarstellerin sorgte das Orchester unter der Leitung von Patrick Fournillier für Furore. Voll Schwung und Elan, aber auch mit wohlgesetzter schwebender Spannung in den ruhigeren Partien arbeiteten sich Musiker und Dirigent durch den Abend. Es schien, als hätten sie mindestens genauso viel Spaß beim Spielen der Allzeit-Klassiker wie das Publikum beim Zuhören, das bei der Ouvertüre, Escamillos Toréador, en garde oder dem Einzug der Toreros schon mal so kräftig mit den Füßen mitwippte, dass eine gesamte Sitzreihe in Schwingung versetzt wurde.

Carmen

Die Inszenierung stört den akustischen Genuss nicht, kratzt nicht, beißt nicht, tut nicht weh, sie ist harmloses classic as classic can, wirkt allerdings nie angestaubt, sondern eher zeitlos. Die Figuren und ihre Motive sind ohne Herumpsychologiererei klar herausgearbeitet und die Geschichte wird sauber und geradlinig erzählt. Da eckt und kantet nichts, aber es werden auch keine Fragen aufgeworfen; für Interpretation bleibt kein Platz. Kostüme und Bühne sind opulent realistisch, beinahe schon filmisch ausgestattet und nehmen dem Zuschauer jegliche Fantasiearbeit diesbezüglich ab. Dies hat jedoch insgesamt drei Umbaupausen zur Folge, zwei halb- und eine viertelstündige, was den Abend dehnt und den ein oder anderen Zuschauer dann doch zur frühzeitigen Kapitulation veranlasst. In dieser Kulisse wuseln ein spielfreudiger Chor und ein Haufen Statisten, so dass die Bühne in einigen Szenen schier überfüllt wirkt. Und manchmal zieht sich das Innere doch über die ein oder andere Süßigkeit zusammen. Olé und hispanisierendes Flamenco-Flair gibt es obendrauf, glücklicherweise wohldosiert und nicht übersättigend, so dass man gar nicht anders kann, als sich ins Sevilla der 1820er versetzt zu fühlen.

Diese Carmen ist eine runde, geschliffene Geschichte, macht akustisch Spaß und auch optisch etwas her, bietet solide Unterhaltung, bei der man gefahrlos abschalten und einfach genießen kann und entlässt ein zufriedenes Publikum Toréador, en garde pfeifend in die Sommernacht.



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