10. November 2007
Bar jeder Vernunft

Von Zuckerpuppen und Goldjungen

Cabaret in der Bar jeder Vernunft

Programm

John Kander
Cabaret

Mitwirkende

Musikalische Leitung: Adam Benzwi
Inszenierung und Choreographie: Vincent Paterson
Bühnenbild: Momme C. Röhrbein
Kostüme: Fiona Bennett, Nicole von Graevenitz
Dramaturgie: Julian Kamphausen

Sally Bowles: Stefanie Dreyer
Clifford Bradshaw: Guido Kleineidam
Conférencier: Eric Rentmeister
Frl. Schneider: Angela Winkler
Herr Schultz: Peter Kock
Frl. Kost: Maja Pihler
Ernst Ludwig: Romanus Fuhrmann
Bobby / Gorilla / Matrose: Sebastian Smulders
Rosi: Juliane Dreyer
Lulu: Maria Brodmann
Helga: Lucca Zuechner
Frenchie / Viktor: Andreas Röder
Max / Matrose: Hans Brückner

Die Kit-Kat-Band

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Von Zuckerpuppen und Goldjungen

Cabaret in der Bar jeder Vernunft

Von Heiko Schon / Fotos: Jan Sobottka

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Metropolen und ihre unanständigen Établissements: Die Flügel des Moulin Rouge drehen sich in Paris, Big Apple hatte sein Studio 54 und Berlin verbindet man mit dem Kit Kat Club. Obwohl es eine gleichnamige Partyreihe - ein Mix aus Elektromucke und freizügigem Sex - tatsächlich gibt, assoziiert man mit dem Letztgenannten dann doch eher den Musicalknaller Cabaret. Die Idee aus John van Drutens Schauspiel I am a Camera ein Musical zu machen, hatte der Regisseur und Produzent Harold Prince (West Side Story). Dieser schnappte sich einen Autoren (Joe Masteroff), einen Liedtexter (Fred Ebb) und einen Komponisten (John Kander) - und wurde für das Ergebnis am Broadway mit Preisen überschüttet. Sechs Jahre später erhielt Cabaret durch die Verfilmung von Bob Fosse einen weiteren Popularitätsschub. Und heute? Das Stück steht noch immer weltweit für Berlin, und in Berlin steht kein anderes Musical - gemessen an verschiedenen Produktionen - so oft auf den Spielplänen wie Cabaret. Helmut Baumann inszenierte 1987 und 1993 am Theater des Westens (u. a. mit Hildegard Knef und Helen Schneider), 1999 konnte das Theater am Kurfürstendamm Georg "Mary" Preusse als Conférencier gewinnen (Regie Michael Wedekind) und 2004 wurde der amerikanische Regisseur und Choreograph Vincent Paterson (Manon, Staatsoper Unter den Linden) für eine Produktion der Bar jeder Vernunft verpflichtet.

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Nun lassen die Gegebenheiten eines kleinen Spiegelzeltes nicht unbedingt auf eine kommerzielle Musicalproduktion schließen. Der Kunde orientiert sich im Zeitalter von 16:9-Plasma-Bildschirm und gigantischer Kinoleinwand auch im Theater an einer Größenordnung, bei der es möglich ist, Geschichten als Events verkauft zu bekommen, als perfekt rund gelutschtes, klinisch reines Entertainment, welches im technischen Bereich mit den neuesten Spezialeffekten aufwartet. Holger Klotzbach und Lutz Deisinger gingen als Produzenten trotzdem das finanzielle Risiko ein, sich bewusst gegen diesen Trend zu stellen. Es galt also allabendlich die unsubventionierte Bühne mit zahlenden Gästen zu füllen, da bei etwa 150 Plätzen die Kosten eines solchen Projektes nicht von heut auf morgen wieder eingespielt werden können. Doch es wurde ein Erfolg: Mit Vincent Paterson setze man auf das richtige Pferd und vergangene Woche wurde in der Schaperstraße erneut Wiederaufnahme gefeiert. Paterson machte aus der Not des Platzmangels eine Tugend und verwandelte die Bar kurzerhand zum Kit Kat Club. Unter dem angeheizten Trommelwirbel der Band (die links in der hinteren Champagnerloge untergebracht wurde), tritt der Conferencier durch ein Bad in der Zuschauermenge auf. Auf den Einsatz dieses Stilmittels, der Einbindung des Rondells, der Kommunikation mit dem Publikum, greift Paterson immer wieder zurück und lässt ganze Szenen zwischen den Tischen spielen.

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Auf den Bühnenbrettern das große Tohuwabohu: rasanter Kulissenwechsel, halsbrecherische Tanzschritte und mitunter darf auch mal ordentlich gepoltert werden. Das schafft Intimität und - noch wichtiger - Authentizität. So könnte man sich ein Variete zu Zeiten der Goldenen Zwanziger tatsächlich vorstellen: aufreizende Damen, Schlüpfrigkeiten, derber Humor. Demgegenüber sind die Passagen mit Herrn Schulz und Fräulein Schneider der tragikomische Ruhepol. Alle Ananässe für Angelika Winkler! Ihre Zimmervermieterin verzaubert mit minimalistischer Gestik, zarter Stimme und einer Herzlichkeit, die, mal rührend, mal schmerzhaft, unter die Haut geht. Paterson vermeidet das Schwingen der Moralkeule; zwei Songs gibt es dennoch, die er verschenkt: Unklar bleibt, warum gerade der homosexuelle Bobby die spätere Nazi-Hymne Der morgige Tag ist mein als zärtliches Lied singt und If you could see her als allzu flache Slapsticknummer serviert wird. Einige Gags mit Bart werden von Eric Rentmeister augenzwinkernd kommentiert, dass er diese Witze nicht geschrieben hätte, was er wirklich nicht nötig hätte, da sich sein Conférencier blendend auf Spiel, Tanz und Gesang versteht. Guido Kleineidam ist ein souveräner Clifford Bradshaw; Stefanie Dreyer muss sich wie alle Sally Bowles am Vorbild Liza Minnelli messen. Doch trotz ihrer süßen Erscheinung hält sie diesem Vergleich nicht stand: Schauspielerisch ist sie viel zu lieb; sängerisch mangelt es leider an Tiefe und Volumen. Adam Benzwi und seine Jungs haben Spaß bei der Sache und lassen die Melodien ordentlich funkeln.



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