15. September 2007
Philharmonie

Mystiker, Musiker und eine Göttin

Die Philharmoniker mit Gästen im Rahmen des musikfest berlin

Programm

Claude Debussy
Le Martyre de Saint Sébastien
Igor Strawinsky
Le Roi des Étoiles
Jean Sibelius
Symphonie Nr. 5

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Simon Rattle - Dirigent
Susan Gritton - Sopran
Monica Bacelli - Mezzosopran
Nathalie Stutzmann - Alt
Sophie Marceau - Sprecherin
Rundfunkchor Berlin
Einstudierung: Simon Halsey

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Mystiker, Musiker und eine Göttin

Die Philharmoniker mit Gästen im Rahmen des musikfest berlin

Von Heiko Schon

Sophie Marceau

Liegt's an der Muttermilch? Der Besuch einer bestimmten Schule? Oder sind alle Französinnen so? Wie schaffen es die schauspielernden Aktricen des Nachbarlandes, dass sie stets dieser Hauch des Unnahbaren umgibt? Kühl, aber nicht gefroren, distanziert, jedoch nie abweisend, unbestimmt und doch zielbewusst. Einen Typus, den es nicht erst seit Jeanne Moreau gibt, den Catherine Deneuve wie keine Zweite perfektioniert hat. Isabelle Huppert, Julie Delpy, Emmanuelle Béart: Autoren kreisen sie ein wie die Kameramänner am Filmset. Sie sinnieren, studieren, analysieren, doch wirklich habhaft - wie die letzte, große Biographie über die Deneuve zeigte - werden sie der Frau hinter der Künstlerin nicht. Natürlich alles Bestandteil vom Business und dennoch hat es der Anziehungskraft, die von diesen Geschöpfen ausgeht, niemals geschadet. Nun trat Sophie Marceau, Teenagerschwarm (La Boum) und Hollywoodexport (Braveheart), in einem Werk ihres Landsmannes Claude Debussy auf - das Musikfest 2007 macht's möglich.

Debussy hat in seinem Mysterienspiel Le Martyre de Saint Sébastien nebst Gesang (Sopran, Mezzo, Alt und Chor) auch eine Sprecherin eingefügt, für die Marceau verpflichtet wurde - eine glückliche Wahl. Denn die Partitur verbirgt unter ihrer pompösen Oberfläche jene verschwommenen, verklärenden, ja fast bald spirituellen Züge, die auch den Vortrag Marceaus ausmachen. Das fängt schon bei der Körpersprache an. Anfängliche Nervosität, gelangweiltes Spiel mit den Fingern, ein direkter Blick, der schon fast als Flirt durchgehen könnte, das Schütteln der schokobraunen Mähne: Amour - ja selbst der Liebe weist Marceau ihren Platz. Und doch ist es kein Schauspiel. Keine Miene wird verzogen, kein Lächeln verschenkt. Es ist ihr ernst. Stundenlang könnte man ihrem weich timbrierten Französisch lauschen. Über die Seelen der Toten, über Götter, über das Leben. Sie bringt einen um den Verstand. Eine French Sphinx.

Euphorische Gefühle erzeugt auch Sir Simon Rattle, der hier eines seiner bisher besten Dirigate seit Amtsantritt aus dem Ärmel schlenkert. Fein silbrig schimmert's im Lilienhof; schwärmerisch tanzt Rattle über glühende Kohlen. Der Klang geht sofort ins Ohr, aber er ist fremd und fern. Er liegt in den Händen, doch bekommt man ihn nie zu fassen. So oft schon langweilte Rattle mit makelloser Reinheit, bei Debussy bezwingt sie. Die Philharmoniker, sensationell im Spiel, vollbringen das Kunststück, hier so etwas wie einen Regenbogen zu musizieren: schillernd, kühl, elegant, sichtbar - und doch wieder nicht. Dass die Aufführung nicht vollends ins Unerreichbare gerät, kann man den Solistinnen mit kleinen Schönheitsfehlern und dem Rundfunkchor, der sich einige inhomogene Schludrigkeiten gestattet, anrechnen. Mit Strawinskys Sternenkönig folgte der Stachel in der Mitte des Konzertes (der sich jedoch als eher ungefährlich herausstellen sollte), um mit Sibelius 5. Sinfonie endgültig eine Sternstunde zu besiegeln. Der differenzierte, rhythmisch ungestüme Apparat der Streicher, der sich nach oben schraubt, um zu verharren, leicht abschwillt oder auch mal tief fällt, aber nie zum Erliegen kommt, legt ein prächtig geschlossenes Klangbild vor. Friedlich leise wie die Grillen auf der Wiese, dass man das Uhrenticken vom Nachbarn hört, und doch intensiv, detailliert. Glühendes Horn, saftige Pauke, unbändiges Glück.



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