25. November 2006
Komische Oper Berlin

Papa singt, Mutti leitet

Hans Neuenfels schließt mit der Zauberflöte an der Komischen Oper eine Lücke

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Die Zauberflöte

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Markus Poschner
Inszenierung: Hans Neuenfels
Bühnenbild und Kostüme: Reinhard von der Thannen
Lichtgestaltung: Franck Evin
Chöre: Robert Robert Heimann

Spielleiterin: Elisabeth Trissenaar
Sarastro: James Creswell
Tamino: Peter Lodahl
Alter Priester: Peteris Eglitis
Königin der Nacht: Cornelia Götz
Pamina: Maria Bengtsson
Erste Dame: Bettina Jensen
Zweite Dame: Elisabeth Starzinger
Dritte Dame: Hilke Andersen
Papageno: Jens Larsen
Papagena: Claire Wild
Monostatos: Peter Renz
1.Priester: Richard Neugebauer
2.Priester: Matthias Spenke
Erster Geharnischter: Christoph Späth
Zweiter Geharnischter: Carsten Sabrowski
Drei Knaben: Aurelius Sängerknaben Calw
1. Gehilfe: Ludwig Blochberger
2. Gehilfe: Alexander Heidenreich

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Papa singt, Mutti leitet

Hans Neuenfels schließt mit der Zauberflöte an der Komischen Oper eine Lücke

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus

Ha! Berlins Opernhäuser sind Weltspitze. Sie beherrschen nicht nur Lokalseiten und Feuilleton, sondern dauerhaft den Politikteil renommierter Blätter. Sie sind Inhalt beim Stadtgespräch, in Senatsdebatten, ja sogar die Bundeskanzlerin bekommt das Thema nicht vom Tisch. Gerade noch drohte es nach der Idomeneo-Krise wieder langweilig zu werden, da geht der Vorhang wieder hoch und auf der Bühne liegen ein paar abgetrennte Köpfe mehr. Wieder werden Fragen nach Schuld und Schulden gestellt, wieder geht der Finger im Kreis herum, wieder entstehen aus wichtigen Entscheidungen peinliche Provinzpossen. Am Ende wird es so aussehen wie immer: Keine Gewinner, nur Geschädigte. "Wo gibt's das sonst?" - das Motto der Opernstiftung ist vollends zur Farce geraten. Wer weiß, ob Michael Schindhelm nicht erster und letzter Generalintendant dieser Institution ist. Traurig, traurig. Also schnell zurück an die Werkbank, wird sich auch Hans Neuenfels gedacht haben und machte sich an die Arbeit - mit Mozart.

Mit dieser Zauberflöte werden einige Lücken geschlossen. Zunächst bei Neuenfels, dem dieser Musiktheater-Bestseller nach Die Entführung aus dem Serail, Don Giovanni (beides Stuttgart), Cosi fan tutte (Salzburg) und Idomeneo noch unter den Nägeln brannte und diesen Wunsch von der Komischen Oper gern erfüllt bekam. Und zum Zweiten beschließt eben dieses Haus damit seinen Mozart-Zyklus, der in diesen kulturhistorisch düsteren Zeiten lustiger nicht hätte vervollkommnet werden können.

Zauberflöte: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Neuenfels bedient sich bei einem seiner früheren Konzepte und spaltet die Figuren auf. Diesmal allerdings nicht in jeweils einen singenden und einen spielenden Part (wie in seiner Entführung), sondern mit der Integration der Spielleiterin Marie-Louise, eine Art weiblicher Conférencier, die mit ihren Gehilfen Franz und Xaver (spielstark: Ludwig Blochberger und Alexander Heidenreich) zwischen den Ebenen jongliert, in Rollen schlüpft, die Handlung kommentiert, kurzum, der sprechende, spielende "rote Faden" des Ganzen ist. Das was heute immer noch als "schwerer Eingriff" bezeichnet wird, erwartet man bei Neuenfels sowieso: die Änderung von Textpassagen. Lustvoll schärft er das Skalpell und schnippelt in den Sprechdialogen soviel herum, dass von Schikaneder nicht viel übrig bleibt. Gut so. Wenn es schon - wieder - eine dritte Zauberflöte geben muss, dann ist Umgestaltung eine Pflicht. Für Neuenfels ist es mehr als das. Seine Dialogfassung fördert einen ungeahnten Vorrat an Komik zu Tage, der nicht auf das Werk beschränkt bleibt. Sanft zieht Neuenfels das Theaterbusiness durch den Kakao, zeigt mit dem Finger auf Fehler, statt sie zu verdecken. Wo ist für einen Akteur rechts oder links? Wieso kommt Papageno vor Tamino bei Pamina an? Zudem machen die Kostüme deutlich: hier bewegt sich jeder in seinem Kosmos und sehnt die Bedeutung der eigenen Existenz herbei. Die drei Damen - eitle Tussen - finden Erfüllung nur in ihrem Spiegelbild; Tamino, der Einfaltspinsel, wird ohnehin nur manipuliert; und endlich wird einmal deutlich, wie wenig Königin der Nacht in dem Stück eigentlich vorhanden ist. Neuenfels bleibt sich treu: Die Kirche bekommt ihren Seitenhieb mittels eines tuntigen Priesters, Mozarts Musik wird ironisiert, wenn etwa Pamina bei Der Hölle Rache Stromstöße erhält und auch die Prise Provokation (Dialoge über die Figur des Monostatos) fehlt nicht.

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Im gesanglichen Mittelfeld landeten der Tamino von Peter Lodahl, die Königin von Cornelia Götz und auch der Papageno von Jens Larsen, der wiederholt den polternden Kraftprotz gab und so dem Inszenierungsansatz einiges schuldig blieb. Überzeugend dagegen: James Creswell als gebrochener Sarastro, Maria Bengtsson als Sensibelchen Pamina und auch die drei Damen waren mit Bettina Jensen, Elisabeth Starzinger und Hilke Andersen ideal besetzt. Die arme Elisabeth Trissenaar musste sich vom Premierenpublikum einige Buhs gefallen lassen. Sie galten wohl aber eher der Ehefrau des Regisseurs als der Schauspielerin. Ihre grandiosen Kabinettstückchen waren das Theatersalz in der Suppe.

Unter Markus Poschners Dirigat musizierte das Orchester der Komischen Oper nicht annähernd so, wie man es bislang bei Mozart gewohnt war. Was aus dem Graben kam, klang oftmals fahrig, trüb und sehr wacklig. Herr Petrenko, übernehmen Sie.



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