29. September 2006
Deutsche Oper Berlin

Wenn es Nacht wird in der Schweiz

La Sonnambula in einer rustikalen Inszenierung an der Deutschen Oper

Programm

Vincenzo Bellini
La sonnambula

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Daniel Oren
Inszenierung: John Dew
Bühne: Thomas Gruber
Kostüme: José Manuel Vázquez
Chöre: Ulrich Paetzholdt

Conte Rodolfo: Arutjun Kotchinian
Teresa: Susanne Kreusch
Amina: Annick Massis
Elvino: Juan Diego Flórez
Lisa: Ditte Andersen
Alessio: Hyung-Wook Lee
Un Notaio: Jörg Schörner

Chor, Orchester & Statisterie der Deutschen Oper Berlin

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Wenn es Nacht wird in der Schweiz

La Sonnambula in einer rustikalen Inszenierung an der Deutschen Oper

Von Andrej Hüsener / Fotos: Bernd Uhlig

Nur einige Tage nachdem Kirsten Harms, Intendantin der Deutschen Oper, die Öffentlichkeit in einer Pressekonferenz von der Absetzung der Idomeneo-Inszenierung informierte, war das Haus an der Bismarckstraße am 28. September 2006 für die erste von drei Aufführungen in dieser Spielzeit von Vincenzo Bellinis La Sonnambula bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Kartenvorverkauf lief eher schleppend und ob einige Besucher kurzfristig aufgrund der Idomeneo-Kontroverse kamen, sei dahingestellt – die Mehrzahl des Publikums wurde sicher angezogen von der hochkarätigen Besetzung. Annick Massis und Juan Diego Flórez gelten spätestens seit dem Rossini-Festival in Pesaro 2004, wo sie in Rossinis Matilde di Shabran gemeinsam auftraten und von Publikum und Kritik stürmisch gefeiert wurden, als neues Belcanto-Traumpaar, und beide erfüllten die hohen Erwartungen des Publikums.

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Die Geschichte von Bellinis La Sonnambula (dt. Die Nachtwandlerin) ist schnell erzählt: Elvino (Juan Diego Flórez) und Amina (Annick Massis) leben in einem kleinen schweizerischen Bergdorf und sind verliebt und glücklich. Doch am Vorabend ihrer Vermählung findet Elvino seine Amina schlafend im Zimmer des Grafen Rodolfo (Arutjun Kotchinian), bezichtigt sie der Untreue und kündigt die Hochzeit. Natürlich ist Amina nicht untreu – sie ist das Gespenst, vor dem sich das ganze Dorf fürchtet, die Nachtwandlerin, die sich im Schlaf in das Zimmer des Grafen verirrte. Der Graf steht für Amina ein und beteuert ihre Treue gegenüber Elvino, doch dieser ist erst überzeugt, als er Amina selbst schlafwandeln sieht und sie im Schlaf ihre Liebe zu ihm beteuern hört – die Hochzeit findet schliesslich doch statt.

Anders als viele andere Belcanto-Opern ist La Sonnambula keine Tragödie mit historischem Bezug, sondern eher eine melancholische Komödie. John Dews Inszenierung für die Oper Leipzig feierte Premiere an der Deutschen Oper Berlin im März 2006, und erspart dem Publikum dankenswerterweise die handelsüblichen Ironien. Das Bühnenbild (Thomas Gruber) mit schneebedeckten Bergen und rustikalem Dorfambiente bietet den passenden Rahmen für die Handlung und die aufwändig gearbeiteten Kostüme (Jose Manuel Vazquez) sind zeitgemäß. Dem Vergnügen des Publikums steht also so gut wie nichts im Wege.

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Der Erfolg dieses Abends steht und fällt mit der Besetzung, und mit den oben genannten Sängern konnte die Deutsche Oper ein absolutes Weltklasse-Ensemble aufweisen. Erster Höhepunkt des Abends war das Duett Amina und Elvino Son’ geloso del zefino errante in Akt 1 – allerdings ist es unverständlich und unverzeihlich, warum ausgerechnet bei dieser zarten und pianissimo vorgetragenen Musik hinter dem Vorhang das Bühnenbild lärmend umgebaut werden muss. Nicht nur das Publikum, sondern auch Flórez und Massis waren sichtlich irritiert. Juan Diego Flórez gilt heute als weltweit führender Belcanto-Tenor und hat auch in Berlin zahlreiche Fans. Seine Arie in Akt 2 Ah! Perchè non posso odiarti wurde vom Publikum mit nicht enden wollendem Beifall bedacht – erst als Flórez vor den Vorhang trat, um die Ovationen entgegenzunehmen, konnte die  Vorstellung fortgesetzt werden. Einen noch größeren Eindruck hinterließ Annick Massis in ihrem Debüt an der Deutschen Oper. In Akt 1 hat sie nur begrenzt Gelegenheit zu glänzen, aber ihre große Arie in Akt 2 Oh! Se una volta sola rivederlo io potessi war ein Ereignis. Massis sang diese Arie nicht nur mit atemberaubender, hörbar an Mozart geschulter Technik, sondern gestaltete den Konflikt ihrer Figur auch schauspielerisch überzeugend und mit der ihr eigenen Reife und Ausstrahlungskraft. Es gibt nur wenige Sänger, die heute in diesem Maße musikalisches Können und Persönlichkeit miteinander verbinden, und Massis ist definitiv auf der Höhe ihrer Kunst.

Auch die anderen Solisten des Abends überzeugten sowohl sängerisch als auch schauspielerisch: Publikumsliebling und Ensemblemitglied Arutjun Kotchinian als Graf Rodolfo; Susanne Kreusch in ihrem Debüt an der Deutschen Oper als Aminas Mutter Teresa und die junge Dänin Ditte Andersen als Aminas kecke Nebenbuhlerin Lisa.

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Das Orchester der Deutschen Oper wurde dirigiert von Daniel Oren, der sich auf französische und italienische Opern spezialisiert hat und an führenden Häusern in Europa und den USA tätig ist. Das Orchester war mit Spass bei der Sache und feierte das Ensemble mindestens genauso enthusiastisch wie das Publikum. Lediglich bei den Chorszenen in Akt 1 hätte man sich mehr Tempo gewünscht.

Das Publikum dankte dem Ensemble und insbesondere den Solisten am Ende für einen denkwürdigen und außergewöhnlichen Abend mit einer fünfzehnminütigen stehenden Ovation. Nach all der Aufregung und teilweise harschen Kritik an der Deutschen Oper im Zuge der Idomeneo-Absetzung hat die Deutsche Oper in Charlottenburg einen solch stürmisch gefeierten Abend wahrlich verdient. Bleibt zu hoffen, dass Presse, Politik und auch das Berliner Publikum sich daran erinnern, dass die Deutsche Oper von allen drei Berliner Häusern immer noch die international hochkarätigsten Musiker anzieht und dass dort seit Jahren auf konsistent hohem Niveau musiziert wird.



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