29. Oktober 2006
Arena Treptow

Was die Schmelze übrig lässt

Hans Neuenfels inszeniert die "Oper für Klavier" für die RuhrTriennale

Programm

Schumann, Schubert und der Schnee
Oper für Klavier von Robert Schumann und Franz Schubert

Mitwirkende

Inszenierung: Hans Neuenfels
Raum und Malerei: Daniel Eberle
Kostüme: Elina Schnizler
Licht: Franck Evin
Dramaturgie: Thomas Wördehoff

Klavier: Marcelo Amaral
Robert Schumann: Olaf Bär
Clara Schumann: Elisabeth Trissenaar
Franz Schubert (Sänger): Xavier Moreno
Franz Schubert (Schauspieler): Ludwig Blochberger
Moritz von Schwind: Daniel Eberle
Johann Baptist Mayrhofer: Piero von Jaduczynski
Franz von Schober: Christian Kröhl
Eduard von Bauerfeld: Mirek Machnik

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Was die Schmelze übrig lässt

Hans Neuenfels inszeniert die "Oper für Klavier" für die RuhrTriennale

Von Heiko Schon

Ein Künstler ist ein Künstler ist ein Künstler. Aber nicht nur. Er ist auch ein Leidender, ein Gepeinigter, am Ende gar ein Wrack. Die Seele, ach, sie tut so weh. Das Herz, tief brennt es in der Brust. Ewiglich rollen Robert Schumanns Augen, ringen seine Hände, während Franz Schubert mit den Armen wirbelt und die Brauen in die Höhe zieht. Die große Kunst: der Künstler selbst. Aber wie viel Theatralik verträgt eine Oper? Wann wird aus Schauspielkunst peinliches Chargieren? Oder anders gefragt: Wie gut muss ein Sänger eigentlich spielen können? Die Distanz eines Orchestergrabens scheint doch Sicherheit zu geben. Vordergründig mag es zu begrüßen sein, wenn ein Auftragswerk der RuhrTriennale (Kooperation mit der Komischen Oper Berlin), welches dort in der Jahrhunderthalle in Bochum Uraufführung hatte, in der Berliner Arena gezeigt wird. Wenn aber das gerade mal einen Meter entfernt sitzende Publikum die Akteure auf einer mittig gelegenen Spielwiese verfolgt, laufen manche Solisten ins szenische Messer.

Auf dem Podium stehen lediglich ein Klavier (elegant in Erscheinung und Anschlag: Marcelo Amaral), ein Tisch und zwei Stühle. Am und um den Tisch haben nicht nur einfach Komponisten, Pianisten oder deren Weggefährten Platz genommen, sondern auch das Alter Ego, das Ebenbild (Bär), die Muse (Trissenaar) von Hans Neuenfels. Wir erfahren, dass Clara Schumann mit ihrem Klavier verheiratet war, dass Robert Schumann aus Einsamkeit Suizidversuche unternahm und dass Franz Schubert gern junge Männer um sich herum hatte. Geschickt platziert Neuenfels die Lieder, streut Dialogfetzen wie Mosaiksteinchen ein, die einmal mehr, meist weniger ein klares Bild entstehen lassen. Gesetzt den Fall, dass die Wirkung fesselt, ist Deutlichkeit auch kein Muss. Doch der sonst so aggressive Regisseur Neuenfels schlägt leider nicht das gleiche Potenzial aus der fiktiven Begegnung wie sein eigener Librettist. Da wird über Karrieretiefs, Geschlechtskrankheiten und abgehakte Finger geredet / gesungen und bekommt dies in kreuzbraven Bildern präsentiert. Mehr und mehr fällt die Spannungskurve und was anfangs weder Ohr noch Auge stört, fängt in der zweiten Hälfte an, doch deutlich zu nerven: Sänger, die nicht schauspielern und Schauspieler, die nicht singen können. Einige, die in den Schneeschnipseln herum tollten, beherrschen weder das eine noch das andere.

Olaf Bär legte all seine gestalterische Kraft in die Stimme, mischte einsame, gebrochene Züge seinem Porträt bei, kam jedoch nie über eine statische Ausstrahlung hinaus. Xavier Moreno hätte man (als recht edel singenden Schubert) gern ohne dieses übertriebene Gebärden genossen. Wirklich gekonnt verweigerte sich nur Ludwig Blochberger der gestelzten Gestik. Doch es gab auch eine, der der Theatertod wirklich gut stand: Elisabeth Trissenaar. Sieht man sich die Besetzung der neuen Zauberflöte an (Premiere in der Komischen Oper: 25.11.06), so kann sich der Zuschauer auch bei Mozart auf die mimischen Qualitäten der neuenfelsschen Ehefrau freuen. Ein Erfolg, der viele Spielzeiten andauern wird, scheint vorprogrammiert. Anders als bei diesem Abend. Ob Versenkung oder Etablierung: Es wird wohl der Schnee einiger Jahre schmelzen, bis wir wissen, wo dieses Werk seinen Platz finden wird.



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