15. Oktober 2006
Neuköllner Oper

Schöne Neuköllnerin

Schuberts Liederzyklus in einer Inszenierung an der Neuköllner Oper

Programm

Schöne Müllerin
Liederzyklus von Franz Schubert
Neu gefasst von Cordula Däuper und Oliver Müller

Mitwirkende

Neuköllner Oper
Inszenierung / Fassung: Cordula Däuper
Fassung: Oliver Müller
Musikalische Leitung und Klavier: Markus Zugehör
Ausstattung / Video: Jan Müller

Sie: Cathrin Romeis
Er: Benedikt S. Zeitner

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Schöne Neuköllnerin

Schuberts Liederzyklus in einer Inszenierung an der Neuköllner Oper

Von Katrin Kirsch / Fotos: Matthias Heyde

Schöne Müllerin

Ein modernes Beziehungsdrama, angesiedelt im Berliner Bezirk Neukölln und einer der bekanntesten romantischen Liederzyklen - wie kann das zusammen passen? Doch in der neuesten Produktion der Neuköllner Oper, die bekannt ist für ihre teils radikalen Bearbeitungen des klassischen Repertoires, passte es und heraus kam ein darstellerisch, musikalisch und konzeptionell überaus überzeugendes Musiktheatererlebnis.

Den größten Anteil daran hatte die bis in Details stimmige Inszenierung von Cordula Däuper, die mit unzähligen wunderbaren Einfälle stets neue Assoziationen präsentierte, die trotz der Direktheit kein bisschen plakativ wirkten. Zum Beispiel: Während Er davon singt, wie viel für ihn davon abhängt, ob sie "das eine Wörtchen nein" äußert, spielt sie mit einer Pflanze, der sie nicht nur einzelne Blätter, sondern ganze Blüten und schließlich voller Aggression die Stängel ausreißt.

Schöne Müllerin

Die 20 Lieder der Schönen Müllerin von Franz Schubert bleiben musikalisch unangetastet, die Geschichte vom Entstehen und Scheitern einer romantischen Liebe wird jedoch in den Kontext des 21. Jahrhunderts gesetzt und die ursprünglich monologische Fassung wird durch eine "Müllerin" aus Fleisch und Blut ergänzt. Dieser pragmatischen, leicht neurotischen Singlefrau, die auch dem Film "Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit" entsprungen sein könnte, werden nun Worte in den Mund gelegt, die einschlägigen Frauenzeitschriften und Beziehungsratgebern entnommen sind (Fassung: Oliver Müller). Sätze wie "Ich bin eine, die an der Seele des Anderen stranden wird" oder die Überlegung "aus psycho-hygienischen Gründen die Liebe sein zu lassen" korrelieren auf ganz überraschende Weise mit den Texten von Wilhelm Müller.

Die Schauspielerin Cathrin Romeis ist die perfekte Verkörperung der selbstbewussten und emanzipierten Frau, die aktiv die Initiative ergreift und ganz klare Vorstellungen von der "großen Liebe" hat. Ohne eiskalt oder berechnend zu sein, werden ganz klar Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen in dem Wunsch, etwas ganz Besonderes zu erleben gepaart mit dem Zwang, eine perfekte Beziehung und ein perfektes Leben zu haben. Die wohlwollend schmunzelnden Reaktionen der Zuschauer zeigen, wie groß der Wiedererkennungseffekt ist.

Schöne Müllerin

Der zaghafte blonde Jüngling wurde von Benedikt S. Zeitner sehr glaubhaft und eindringlich dargestellt. Der erst 23-jährige Bariton zeigte eine erstaunliche Ausdrucksfähigkeit voller romantischer Überzeugung mit einem sehr schönen Timbre in der Mittellage, jedoch deutlichen Schwächen und Intonationsunsicherheiten in der Höhe. Was ihm an Stimmsicherheit fehlte, macht er durch seine darstellerische Energie wieder wett, er wirkte fast wie eine Karikatur auf den sensiblen Jüngling, der im modernen Beziehungskampf untergeht, weil er zu sensibel, zu wenig belastbar und sowieso zu uncool ist.

Am Klavier begleitete Marcus Zugehör sehr sensibel und unaufdringlich. Der ebenfalls noch sehr junge Pianist meisterte den zum Teil sehr virtuosen Klavierpart souverän und traf stets den richtigen Ton. Zum Schluss musste er sogar noch als "Jäger" herhalten. In dieser Fassung ist der Rivale allerdings ein Popmusikproduzent, unter dessen Protektion "Sie" mit dem Lied "Ich will doch nur spielen" groß raus kommt.

Eine stets stimmige Folie für die Geschichte bildete die Videokulisse von Jan Müller, die einerseits das "Bühnenbild" lieferte (die Straßen von Neukölln, eine großstädtische Dachterrasse), andererseits die Technik sehr gewinnbringend als interaktiven Kommentar einsetzte. So wurde im Moment höchster Glückseligkeit der beiden Liebenden die Ekstase ironisch gebrochen durch die sukzessive Ergänzung des Videobilds mit witzigen Animationsfiguren aus diversen Disney- oder Dreamworks-Filmen. Ein zauberhafter Abend!



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