2. April 2006
Komische Oper Berlin

Umjubelte Premiere

Homoki inszeniert den Rosenkavalier an der Komischen Oper

Programm

Richard Strauss
Der Rosenkavalier

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Inszenierung: Andreas Homoki
Co-Regie: Werner Sauer
Bühnenbild: Frank Philipp Schlößmann
Chöre: Robert Heimann
Kinderchor: Christoph Rosiny

Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg: Geraldine McGreevy
Der Baron Ochs auf Lerchenau: Jens Larsen
Octavian: Stella Doufexis
Herr von Faninal: Klaus Kuttler
Sophie: Brigitte Geller
Jungfer Marianne Leitmetzerin: Miriam Meyer
Valzacchi: Christoph Späth
Annina: Caren van Oijen
Ein Polizeikommissar: Manfred Sabrowski
Der Haushofmeister bei der Feldmarschallin: Peter Renz
Der Haushofmeister bei Faninal: Thomas Ebenstein
Ein Notar: Hans-Martin Nau
Ein Wirt: Thomas Ebenstein
Ein Sänger: Timothy Richards
Modistin: Karen Rettinghaus

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Umjubelte Premiere

Homoki inszeniert den Rosenkavalier an der Komischen Oper

Von Katrin Kirsch / Fotos: Monika Ritterhaus

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Braucht Berlin derzeit noch einen Rosenkavalier? Das Premierenpublikum am vergangenen Sonntag in der Komischen Oper beantwortete die Frage positiv und bedachte die Neuinszenierung von Andreas Homoki zu Recht mit lang anhaltendem Beifall und unzähligen Bravorufen. Homoki gelang das Kunststück, einen wenig spektakulären, aber liebenswerten Rosenkavalier auf die Bühne zu stellen, der mit einfachen und altbewährten Mitteln starke Momente schuf und das Publikum mit viel Bewegung 4 ½ Stunden lang bei Laune hielt. So hat die Komische Oper, die in der Vergangenheit doch sehr an Besucherschwund krankte, tatsächlich eine reelle Chance, neue Publikumsschichten zu gewinnen - erklärtes Ziel und auch Pflicht des Intendanten, um die Auslastungszahlen zu verbessern und die Zukunft des Hauses zu sichern. Dass Homokis Inszenierung keine krampfhafte Aktualisierung des Stoffs versuchte, tut gut und beweist, dass es immer noch möglich ist, solides und effektvolles Musiktheater zu machen, wenn auch die von ihm geäußerte Idee, die sonst eher groß dimensionierte Oper als Kammerspiel in "moderner und luzider" Ästhetik zu inszenieren, nicht ganz aufging.

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Die ohnehin schon verhältnismäßig kleine Bühne der Komischen Oper war begrenzt auf ein ganz in crème-weiß gehaltenen Zimmer mit drei großen Flügeltüren (Bühne: Frank Philipp Schlößmann). Im zweiten Akt wurde das ebenfalls weiße Bett ersetzt und der Raum im Haus des neureichen Faninal mit lauter schwarz glänzenden Möbelstücken voll gestellt. Wenn dann der Chor auftrat, wirkte der weiße Guckkasten leider sofort winzig und überfüllt. Dieses Gefühl wurde verstärkt durch die übertrieben und überflüssig wirkende Rennerei - aus gut gemeinter Dynamik wurde ein einziges großes Gerangel. Umso stärker wirkte allerdings das Bild, als beim Auftritt des Rosenkavaliers die ganze Belegschaft in Bewegungslosigkeit erstarrte. Wie die mühsam noch zusammen gehaltene Alte Welt nach der Degenszene sprichwörtlich aus den Fugen gerät und sich dabei die Bühne neigte, war - obwohl so ein alter Trick - sehr wirkungsvoll. Im dritten Akt schließlich herrschte vollständige Anarchie - das ganze Zimmer wurde auf den Kopf gestellt, die Fenster waren jetzt der Auftritt und die Türen baumelten verloren an der Decke, alle Möbel waren umgeworfen und Ganoven machten sich am Silber zu schaffen. Dazu kam ein etwas penetranter und nach kurzer Zeit ermüdender Einsatz von Blitz, Donner und anderen plakativen Effekten gepaart mit wenig einfallsreichem Lichtdesign.

Musikalisch allerdings kann der Abend als überaus gelungen angesehen werden, wobei dem exzellenten Orchester der Komischen Oper unter Leitung seines begnadeten GMD Kirill Petrenko ein nicht geringer Anteil zukommt. Nach einem wenig verheißungsvollen Fehlstart war Petrenko stets präsent und unter seiner bewährten Leitung (zu Beginn des 3. Akts mit einem Sonderapplaus belohnt) gelangen besonders die lyrischen Passagen sehr konzentriert und spannungsvoll.

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Eine ebenfalls sehr beachtliche Leistung zeigten die fast durchweg aus dem Ensemble besetzten Sänger. Obwohl Ochs-Darsteller Jens Larsen vor Beginn der Vorstellung vom Intendanten in gewohnt charmanter Weise als an einer Luftröhrenentzündung erkrankt angesagt werden musste (und Ersatz bereit stand, um ggf. einzuspringen), brillierte er als ungelenker, ungehobelter Grapscher mit beachtlichem Stimmvolumen. Leider wurde er szenisch zum plumpen Tölpel degradiert, dem nichts Aristokratisches mehr anhaften konnte.

Die großartige Stella Doufexis (seit dieser Saison Ensemblemitglied an der Komischen Oper) beeindruckte als Octavian durch ihr sehr eigenes Gebaren, das - obwohl auffällig bis hin zu exzentrisch - niemals aufgesetzt wirkte. In der Verkleidung als Dienstmädchen Mariandel vollführte sie ein herrliches pantomimisches Spiel und war stimmlich immer auf der Höhe. Im grandiosen Terzett mit Geraldine McGreevy als Marschallin und Brigitte Geller als Sophie ließen die wundervoll harmonierenden Stimmen die Sinnlichkeit der Strauss'schen Musik ganz anschaulich werden und die Welt für einen kurzen Moment stillstehen. McGreevy schuf eine würdevolle, niemals überagierende Marschallin, deren resignative Einsicht in die Vergänglichkeit der Zeit eher melancholisch als verzweifelt transportiert wurde. Nach dem Abgang des frisch gebackenen Liebespaares sank sie zunächst weinend zu Boden, befreite sie sich dann jedoch mit einem Ruck aus dem einengenden spätbarocken Kostüm - das Ende einer Epoche und der Aufbruch in eine neue?



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