24. Februar 2006
Staatsoper Unter den Linden

Die gesellschaftszerstörende Macht Amors

Monteverdis Poppea im Rahmen der Cadenza Barocktage

Programm

Claudio Monteverdi
L'Incoronazione di Poppea

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden

Musikalische Leitung: René Jacobs
Inszenierung: David McVicar
Bühnenbild: Robert Jones
Kostüme: Jenny Tiramani
Licht: Paule Constable
Choreographie: Andrew George

Fortuna | Poppea: Carmen Giannattasio
Virtù | Ottavia: Marie-Claude Chappuis
Amore | Valletto: Amel Brahim-Djelloul
Nerone: Malena Ernman
Ottone: Lawrence Zazzo
Seneca: Antonio Abete
Drusilla: Carla Di Censo
Nutrice: Marie-Nicole Lemieux
Arnalta | Mercurio: Thomas Michael Allen
Lucano: Daniele Zanfardino
Liberto: Fulvio Bettini
Consoli e Tribuni: Thomas Michael Allen, Daniele Zanfardino, Fulvio Bettini, Kai-Uwe Fahnert
Damigella | Pallade: Mariana Ortiz
Famigliari di Seneca: Marie-Nicole Lemieux, Daniele Zanfardino, Kai-Uwe Fahnert
Littore: Kai-Uwe Fahnert
Soldati: Daniele Zanfardino, Fulvio Bettini

Concerto Vocale

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Die gesellschaftszerstörende Macht Amors

Monteverdis Poppea im Rahmen der Cadenza Barocktage

Von Hans Becker / Fotos: Monika Ritterhaus

Es ist schon jede Menge kriminelle Energie versammelt im Personal von Monteverdis 1642/43 uraufgeführter Oper L'incoronazione di Poppea. Ein willkürlicher Despot (Nerone), dem die Gesetze nichts gelten und der seinen Mentor (Seneca) in den Selbstmord treibt, eine Kurtisane, die in ihrer Machtgier über Leichen geht (Poppea), eine betrogene Ehefrau (Ottavia), die zur Beseitigung der ihr erwachsenen Nebenbuhlerin einen Dritten (Ottone) erpresst, einen Mordanschlag zu verüben, obwohl der in sein potentielles Opfer unsterblich verliebt ist. Dazu gesellt sich ein Heer von Günstlingen und Speichelleckern, alle ausgezeichnet durch eine mehr oder weniger tief liegende moralische Hemmschwelle.

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Da sich daran seit dreieinhalb Jahrhunderten nicht viel geändert hat, ist es kein Wunder, dass der Regisseur David McVicar in seiner Inszenierung für die Cadenza Barocktage der Lindenoper (Koproduktion mit Straßburg, Brüssel und dem Théâtre des Champs-Élysées Paris) jede Menge zeitloses Geschehen aufspürt. Zwei Pfeiler nutzt er für seinen assoziativen Brückenschlag in die Gegenwart: zum einen das Gemälde des Florentiner Malers Agnolo Bronzino Allegorie des Triumphs der Venus, das im Hintergrund der exquisiten Bühne von Richard Jones immer wieder zwischen den sich öffnenden Lamellentüren sichtbar wird, in seiner inzestuösen Anspielung hier als Synonym für die Hemmungslosigkeit und Amoralität angeführt, zum anderen den heutigen Medienrummel um zweifelhaften Glamour und oberflächlichen Starkult.

Zusätzlich zu dem vom Textdichter Giovanni Busenello schon angelegten Wechselspiel zwischen Tragödie und Komödie verheißt das zunächst einmal jede Menge Abwechslung, ein Versprechen, dass McVicar über gut dreieinhalb Stunden Spielzeit mit unterschiedlicher Intensität einlöst. Anfangs haben die zunächst aufgeschreckten, später verdrossen Fast Food-mampfenden und im Männermagazin blätternden Bodyguards Nerones ebenso begrenztes Witzpotential wie die mit Shopping-Tüten beladene Amme Poppeas. Die gegen Seneca gerichtete Spottattacke des Pagen Valletto, einen Baseballcap und Schlabberdress tragenden jugendlichen Flegel hingegen hat Biss und Tempo. Für die Dramaturgie des ersten Aktes wäre es am Ende allerdings von Vorteil gewesen, wenn die Eskalation des Disputes zwischen Seneca und Nerone eine ähnliche körpersprachliche Zuspitzung erfahren hätte.

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Der Beginn des zweiten Aktes, wo Seneca seine Eleven mit seinem bevorstehenden Selbstmord auf Nerones Befehl hin konfrontiert, gerät zum Glanzstück des Abends. McVicar inszeniert ihn wie das Literarische Quartett (Seneca gibt MRR, die links außen sitzende Schülerin trägt logischerweise Sigrid-Löffler-Perücke!), kopiert dabei exemplarisch das Gestenrepertoire alteingesessener Talkshowbewohner. Die Runde wird solange im Fernsehen übertragen, bis es Ernst wird. Seneca exekutiert sich hinter der Bühne mit einem Revolver, über Monitore flimmert nur noch sein blutüberströmtes Gesicht. Nerone, der als sexuell nicht lokalisierbarer Michael-Jackson-Verschnitt daherkommt, und sein Freund Lucano feiern den Tod des lästigen Mahners auf seinem Sarg. Dann scheitert auch noch der Mordversuch Ottones an Poppea: Der brav gescheitelte Musterbürger, mit dem die zur Kaisergeliebten Aufgestiegene bereits per Handy-Konferenz Schluss gemacht hat, bringt die Bluttat an seiner Ex nicht übers Herz.

Nun wird der Wille des Despoten erst recht Gesetz: Hinter der verbannten Ottavia schließen sich die Tore Roms. Die des Mordversuchs verdächtige Drusilla (Ottone zuliebe hatte sie einem tarnenden Kleidertausch zugestimmt) wird von den Lustknaben Nerones bei einem Saufgelage nebenbei missbraucht. Im Windschatten Poppeas steigt auch deren Amme in der gesellschaftlichen Hierarchie auf. Sie präsentiert ihr neues Outfit: einen roten Glitzerfummel mit Federboa. Das neue Paar wiegt sich im ungetrübten Glück. Die Unmoral triumphiert. Die Regie enthält sich aller Hinweise auf Poppeas späteres grausames Schicksal.

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Insgesamt gelingt McVicar eine ansprechende Mixtur aus verschwenderischer Barockoper und entlarvend-spitzer Aktualisierung. Die Sänger vertreten dieses Konzept mit Verve und mit beeindruckender Stilsicherheit im Wechsel vom singenden Sprechen zum sprechenden Singen. Malena Ernman trägt als Nerone die Hauptlast des Abends. Ihr dunkel timbrierter Mezzo durchglüht die Liebesszenen mit Leidenschaft und behält doch stets einen Rest undefinierbaren Drohpotentials. Einzig im Schlußduett mit der sehr präsenten Poppea von Carmen Giannattasio vermisst man beiderseits die letzte Entgrenzung, sozusagen die Aufhebung der gesanglichen Schwerkraft. Marie-Claude Chappuis (Ottavia) überzeugt in ihrer tragischen Betroffenheit mehr denn als Mordanstifterin. Quicklebendig, pointiert und glasklar präsentiert sich Amel Brahim-Djelloul sowohl als Amor, wie auch in der Pagenrolle. Antonio Abete verkörpert in Seneca einen Intellektuellen der eher nüchternen Art, der seine Lehren mit schlankem Bass verkündet. Lawrence Zazzo bringt die Biederkeit Ottones zuverlässig auf den Punkt. Den beträchtlichen komödiantischen Fähigkeiten von Marie-Nicole Lemieux und Thomas Michael Allen in den beiden Ammenrollen steht in beiden Fällen auch die gesangliche Ausformung nicht nach. Carla di Censo (Drusilla) komplettiert mit metallisch angehauchtem Sopran ein prächtiges Ensemble.

Die Klangwelt der Poppea basierte zu Monteverdis Zeit auf einer Streichergruppe mit wenigen Blasinstrumenten und einigen Akkordinstrumenten für die Rezitativ- und Arienbegleitung. René Jacobs hat aus der schütteren Quellenlage eine Fassung erarbeitet, die dem Staatsopernraum wie angepasst sitzt. Die 21 Musiker des Concerto Vocale, allesamt Spezialisten der historischen Aufführungspraxis, setzen die Delikatesse und den farblichen Reichtum der Partitur mit Hingebung um. Das begeisterte Auditorium ließ sich nur allzu gerne von der aufregenden Vielfalt an Klängen in den Bann schlagen.



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