Ein Prosit im Walzerrausch

Die Konzerte zum Jahreswechsel der Berliner Philharmoniker und der Komischen Oper Berlin
29. Dezember 2006
Philharmonie

Programm

Richard Strauss
Don Juan op. 20
Wolfgang Amadeus Mozart
Klavierkonzert Nr. 20 d-Moll
Richard Strauss
Der Rosenkavalier op. 59, Walzer, Terzett und Finale des 3. Aufzuges

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Simon Rattle - Dirigent
Mitsuko Uchida - Klavier
Camilla Nylund - Sopran
Laura Aikin - Sopran
Stella Doufexis - Mezzosopran
Dale Duesing - Bariton
1. Januar 2007
Komische Oper Berlin

Programm

Stücke von:
Georgi Siridow, John Barry, Jerzy Peterburgski, Dmitri Schostakowitsch, Isaak Dunajewski, Pjotr I. Tschaikowski, Aram Chatschaturjan, Nikolai Rimski-Korsakow, Andrej Petrow, Jewgeni Doga, Paul Lincke, Rudolf Nelson, Friedrich Hollaender, Alexander Tzfasman

Mitwirkende

Orchester der Komischen Oper Berlin
Kirill Petrenko - Dirigent
Dagmar Manzel - Sopran
Jochen Kowalski - Altus
Hagen Matzeit - Bass
Malte Krasting - Moderation

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Ein Prosit im Walzerrausch

Die Konzerte zum Jahreswechsel der Berliner Philharmoniker und der Komischen Oper Berlin

Von Heiko Schon

Wie singt die Marschallin so schön melancholisch im ersten Akt Rosenkavalier? "Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding." Sie hat Recht. Wieder ist das gefühlte Jahr schneller rum, als das kalendarische, wieder ist es Zeit für Karpfen blau, Sekt in Strömen, Feuerwerk. Und kein Orchester der Stadt möchte auf ein eigenes (weil ausverkauftes) Neujahrskonzert verzichten. Daher verwundert es wenig, wenn diese prestigeträchtigen Programme - wie hier - zur Chefsache erklärt werden.

Die Berliner Philharmoniker begannen unter Simon Rattle mit einem Frauenheld. Don Juan erklang als träumerisch berauschter Eros, dem in seinen leidenschaftlichen Ausbrüchen aber einiges der breit orchestrierten Hitzköpfigkeit verloren ging. Doch kleine, brave Spießigkeiten seien erlaubt, denn unter Liebemachen versteht wohl jeder etwas anderes. Spektakulärer ging es mit Mitsuko Uchidas triumphaler Wiedergabe von Mozarts Klavierkonzert Nr. 20 weiter. Für die Pianistin ist ein Moment DAS künstlerische Ausdrucksmittel. Wie im zweiten Satz jeder einzelne Laut anfängt und wieder aufhört zu existieren, welche Zerbrechlichkeit der Partitur innewohnt, wie wichtig Tempi für Stimmungen, für Gefühle sind - all das macht Uchida hörbar. Sie schlägt einen sanften, durch und durch elegischen Ton an. Musik, so zeigt sie uns, ist auch ein Zustand von Leib und Leben. Uchida musiziert mit dem ganzen Körper, auch eine Spur theatralisch, aber sie verfällt dabei nie in eine effektheischende oder aufgesetzt wirkende Darbietung. Auch Rattle nahm lieber die kleinen Farbpinsel, so dass man sich aufs Vortrefflichste ergänzte. Chapeau!

Und nun also Rosenkavalier! Mag man's kaum glauben, aber das Wienerische, das Zuckrige, das Walzerselige, all das, was man dem Rosenkavalier schon längst ausgetrieben glaubte, wurde an diesem Abend in großen Bögen offeriert. Auf der Bühne standen Sängerinnen der Luxusklasse: eine moderne, elegante, unverbrauchte Camilla Nylund als Marschallin, eine schwärmerische, höhensichere, wunderbar Phrasen aussingende Laura Aikin als Sophie und eine dem Hosenrollen-Typus nicht schuldig bleibende, einfühlsame Stella Doufexis. Mit der letztgenannten Dame hatte man sich als Ersatz für Magdalena Kožená den sowieso besten Octavian weit und breit gesichert. Kurzum: Es gelang eine kleine Sternstunde, die im positiven Sinne als einfach nur makellos zu beschreiben ist. Als "kleinen Nachtisch" (Zitat Rattle) gab's noch Johann Strauss und auf einmal schien es fast so, als ob sich etwas wie britischer Übermut breit machen würde. We are amused.

Deutlich alberner gab sich da Kirill Petrenko. Er blieb außer einem Bond-Song und etwas Berliner Schnauze vor allem beim Motto "Rrrussisch, echt Rrrussisch! Hei, Hei!" Das Orchester der Komischen Oper folgte - wie immer - bereitwillig, mit viel Schmiss und guter Laune. Wie sein Kollege Rattle ist auch Petrenko dem Walzerrausch erlegen: Wann hat man den Blumenwalzer aus Tschaikowskis Nussknacker zuletzt so mitreißend dynamisch und detailfreudig gehört? Doch den temperamentvollen Galopp, den unverwüstlichen Hummelflug und die vielen Filmmusiken - das hatten wir doch letztes Jahr schon.

Hagen Matzeit, ganz samtweich mit From Russia with Love gestartet, verfiel bei I Am Walking In Moscow zu stark ins Dandyhafte und konnte auch mit seiner Version von Hollaenders Stroganoff nicht punkten. Gerade im Vergleich mit modernen Chansonniers wie etwa Tim Fischer blieb Matzeit auf diesem Terrain zu blass. Ganz im Gegensatz zum gutgelaunten Energiebündel Dagmar Manzel: Der quirligen Berlinerin reichen Film (Deutscher Fernsehpreis 2006 als beste Schauspielerin) und Sprechtheater (zuletzt Totentanz im Berliner Ensemble) längst nicht mehr: Zur Musik zieht es Manzel hin. Und, wie die Produktionen Die Großherzogin von Gerolstein (Deutsches Theater) und Sweeney Todd (Komische Oper) zeigen, auch zu Recht. Zwar steht ihr die Operettenqueen deutlich besser zu Gehör als die Sopranistin, aber sie verfügt über eine sehr wandlungsfähige, in ihrer Tiefe beeindruckende Stimme. Was dieser an Volumen fehlte, was deren Höhe auch manchmal schrill klingen ließ, glich Manzel durch ihre kokettierende und frech frivole Art aus. Jochen Kowalski hörte sich ein wenig verschnupft an, landete aber mit Linckes Glühwürmchen-Idyll einen Volltreffer.



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