23. März 2006
Deutsche Oper Berlin

Des Lebens tödlicher Verlauf

Verdis Messa da Requiem szenisch an der Deutschen Oper

Programm

Giuseppe Verdi
Messa da Requiem

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Roberto Rizzi Brignoli
Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht: Achim Freyer
Spielleitung: Aniara Amos
Dramaturgie: Gerd Rienäcker
Lichtgestaltung: Ulrich Niepel
Chöre: Ulrich Paetzholdt

Der Weiße Engel (Sopran): Iano Tamar
Der Tod-ist-die-Frau (Mezzosopran): Ekaterina Semenchuk
Einsam (Tenor): Felipe Rojas Velozo
Der Beladene (Bass): Reinhard Hagen

Chor, Orchester & Statisterie der Deutschen Oper Berlin

Freyer-Ensemble

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Des Lebens tödlicher Verlauf

Verdis Messa da Requiem szenisch an der Deutschen Oper

Von Heiko Schon

Giuseppe Verdi war ein zutiefst religiöser Mensch. Doch musste er als Kind jeden Sonntag viele Kilometer zur Kirche laufen, um seiner Pflicht als Organist nachzukommen, war er als berühmter Komponist nur noch selten dort. Gelegentlich fuhr er seine Frau zum Gottesdienst, er selbst blieb fern. Verdi war nie Atheist. Er war jedoch der Kirche gegenüber sehr skeptisch eingestellt. Messa da Reqiuem, welches Verdi im Gedenken an die großen Italiener Gioacchino Rossini und Alessandro Manzoni komponierte, ist ein eindringliches Werk eines Zweiflers über den Glauben.

Zwiespalt ist auch eines der Motive in Achim Freyers Inszenierung, selbst wenn Religion nur noch als Teil in seiner szenischen Umsetzung thematisiert wird. Ein vorbeiziehender Kosmos illustriert die Menschheit, ihre Gefühle wie Angst, Schmerz und Hass, ihre Träume nach Erlösung oder Unsterblichkeit und ihren Tod, sei er nun natürlich oder durch Gewalt. Ein Kreislauf, ein Tanz, ein roter Faden um vergehende Zeit, um das Lebenslicht der Welt und wie es verlischt. Und Freyer wäre nicht Freyer, wenn er keine Bilder fände, die in ihrer malerisch bestechenden Optik auch Raum für Kontroverse übrig ließen.

Die vier Gesangssolisten werden personifiziert, die Bühne horizontal in drei Ebenen geteilt. Unterhalb stehen "Die Gegangenen" (Chor) hinter einem Gazevorhang, glimmen in ihren Fugen und Szenen in grellem Rot oder Weiß auf. Davor steht "Einsam" (Tenor) in einem Schornstein, der sich - über die Zeit hindurch unmerklich - von links nach rechts schiebt. Eine einzelne Seele, die wie der Rauch aufsteigt? Oberirdisch thront "Der weiße Engel" (Sopran) im blutbefleckten Kleid und mit Leuchtstoffröhre ausstaffiert. Sein hintergründiges Symbol - eine Kombination aus erhobenem Arm und spitzem Flügel - wirft er ab, als zum Libera me alles in Dunkelheit getaucht wird. In der mittleren der drei Tafeln startet der lineare Zug des Lebens und sein tödlicher Verlauf. Einzelne Charaktere der "Gehenden" besitzen durch ihre immer fortwährenden Bewegungs- und Ausdruckstechniken hohen Wiedererkennungswert. Sie springen einbeinig, laufen kopflos, zucken ängstlich, werden frech, stürzen hin. Dazu gesellen sich Fantasiegeschöpfe, Wesen in bizarren Kostümen, geometrische Requisiten tragend. Außerhalb dieses Flusses betreten "Der Tod-ist-die-Frau" (Mezzosopran) und "Der Beladene" (Bass) denselben Bühnenteil. Letzterem sitzt der "Tod" direkt im Nacken. Ein eindrucksvoller Abend mit poetischer Wucht, der nie die Moralkeule schwingt oder platt schockieren möchte, sondern mit ästhetischen Mitteln das Wunderbare im Furchtbaren zeigt.

Gesanglich bogen die Damen mit leichtem Vorsprung in die Zielgerade: Reinhard Hagens Bass konnte mit punktgenauer Phrasierung und glänzender Textverständlichkeit punkten. Leichte Konditionsprobleme und eine wacklige Mittellage waren beim Confutatis zu bemerken. Rojas Velozo besitzt einen Tenor mit ordentlich Schmelz und strahlender Höhe. Die Arien im Ingemisco-Satz trug der Chilene gefühl- und gehaltvoll vor. Ekaterina Semenchuk, die zuletzt als Preziosilla (La forza del destino) an der Staatsoper bezauberte, begeisterte mit ihren stimmlichen Mitteln in sowohl emotionaler als auch kraftvoller Hinsicht. Ihr Mezzo war reich an satten wie herben Farben. Obwohl das Domine Jesu Christe von den vier Gesangssolisten bestritten wird, bleibt dem Solo-Sopran der wohl atemberaubendste Moment in der Mitte des Satzes vorbehalten. Allein diese Stelle meisterte Iano Tamar ohne Abstriche, mit glühend timbrierten Tönen und bombensicherer Intonation. Das Finale sang Tamar als eindringliche, bewegende Bitte.

Der von Ulrich Paetzholdt einstudierte Chor machte einen so positiven Eindruck wie schon lang nicht mehr. Kräftig, homogen, mit sehr viel Feingefühl und Ausdruckswillen überzeugte er besonders beim Dialog Rex tremendae sowie im Abschlusssatz. Himmelwärts ging es diesmal auch mit dem Orchester der Deutschen Oper. Roberto Rizzi Brignoli leitete die Aufführung lebendig leuchtend, straff im Tempo und ohne starke Einschnitte zwischen den Sätzen. Das Dies irae zersprang fast vor Energie und Raserei. Rundum gelungen? Ja, bis auf die Übertitelung. Bedauerlicherweise war die Anzeige den ganzen Abend über schwarz.



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