23. September 2006
Komische Oper Berlin

Ein Flügel voller Blumen für Gisela May oder
Warum Geld doch nicht sinnlich macht

Eine ganz besondere Einführung zu Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny an der Komischen Oper

Programm

Kurt Weill / Bertolt Brecht
Das Lied der Seeräuberjenny, Das Lied vom Wasserrad, Der Mandelay-Song, Das Lied von der belebenden Wirkung des Geldes, Das Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens, Surabaya-Johnny, Das Lied von der Harten Nuss

Hanns Eisler
Das Kuppellied

Bertolt Brecht
Eine Geschichte vom Herrn Keuner

Mitwirkende

Gisela May - Gesang
Manfred Schmitz - Klavier

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Ein Flügel voller Blumen für Gisela May oder
Warum Geld doch nicht sinnlich macht

Eine ganz besondere Einführung zu Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny an der Komischen Oper

Von Katrin Kirsch

Gisela May

Was für eine schöne Idee, die letzte lebende Grande Dame des Brecht-Gesangs einzuladen, im Großen Saal der Komischen Oper am Vorabend der Premiere eine Einführung zu Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny zu geben - wenn auch die Information über die 1931 erstmals in Berlin im Theater am Kurfürstendamm gespielte Oper mit dem berühmt gewordenen Statement "Geld macht sinnlich" dabei eher von peripherem Interesse war. Als Gisela May durch eine Seitentür ins Parkett trat, ging ihr ins Mikrofon gehauchtes "und der Haifisch…" im jubelnden Beifall unter. Kaum auf der Bühne platzierte sie gleich einen bösen Seitenhieb auf die desaströse Brandauersche Dreigroschenoper mit "Jetzt denken Sie, da hätten Sie ja gleich in den Admiralspalast gehen können, aber ich sage Ihnen: hier sind Sie wesentlich besser aufgehoben!"

Alle Bedenken ob der Bühnentauglichkeit der 82-Jährigen wurden gleich in den ersten Minuten vollständig zerstreut und es wurde ein äußerst vergnüglicher und erquicklicher Abend. Im intimen und lebendigen Plauderton gewann die Schauspielerin, die dreißig Jahre lang Mitglied des Berliner Ensembles war und später in der Serie Adelheid und ihre Mörder Fernsehberühmtheit erlangte, das Publikum für sich und sprach mal belehrend, mal gefällig, aber durchweg sehr klug und gewandt über Brecht, Weill, die Dreigroschenoper und Mahagonny.

Dazwischen interpretierte sie mit viel Feingefühl, spannend und ohne Routine, die Songs von Hanns Eisler und Kurt Weill, mit denen sie als Diseuse durch unzählige Plattenaufnahmen und Konzertauftritte in der ganzen Welt berühmt geworden ist, wie z.B. die legendäre Seeräuber-Jenny. Dass kein Stück aus der eigentlichen Oper dabei war, tat dem Vergnügen keinen Abbruch; schließlich hatte Weill die Musik von Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny im Gegensatz zur Dreigroschenoper und Happy End explizit für ausgebildete Sänger und nicht für Schauspieler konzipiert.

Musikalischer Höhepunkt des Programms war eindeutig der umwerfende "Surabaya-Johnny", mit dem Gisela May bewies, dass sie trotz ihres Alters und damit einher gehend der nicht mehr ganz taufrischen Stimme immer noch genug Charisma hat, um einen ganzen Saal in ihren Bann zu ziehen. Irritierend war jedoch, dass ihr langjähriger Begleiter am Flügel, DDR-Jazzpapst Manfred Schmitz, ihr anfangs ganz und gar nicht gut folgen konnte, seine nicht auf den Punkt gesetzten Akkorde wirkten auf ärgerliche Weise störend.

Geradezu rührend war das Schlussbild, als zahlreiche treue Fans, mit Blumensträußen und Karten bewaffnet an die Rampe traten und die May - überwältigt und erleichtert - alles zu fassen versuchte. Schließlich legte sie sämtliche Blumen auf den Flügel und ließ sich durch die wohlwollenden Standing Ovations zu vier Zugaben hinreißen.



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