19. Februar 2006
Komische Oper Berlin

Gegen die Wand

Piazozollas Tango-Operita an der Komischen Oper

Programm

Astor Pantaleón Piazzolla
Maria de Buenos Aires

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Per Arne Glorvigen
Inszenierung: Katja Czellnik
Bühnenbild und Kostüme: Bernd Damovsky
Lichtgestaltung: Franck Evin

Maria: Julia Zenko
El Cantor: Matthias Klein
El Duende: Daniel Bonilla-Torres
Tanzduo Stravaganza: Ulrike Schladebach-Schmid

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Gegen die Wand

Piazozollas Tango-Operita an der Komischen Oper

Von Fabienne Krause / Fotos: Monika Ritterhaus

Maria de Buenos Aires: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Die ersten Töne eines Tangos erklingen zu einem Standbild bestehend aus 30 Menschen in einer Art weißen `Black Box´. Sie tragen alle ein mit den Händen verwachsenes Bandoneon, das ihnen ihre jeweilige Körperhaltung vorschreibt. Einer trägt es als seelische Last auf den Schulter, andere benutzen es als Kopfstütze, Sockel, was auch immer. Plötzlich schreitet ein Mann durch die Gruppe, seine Unruhe durch den schnaufenden Atem seines Bandoneons symbolisiert. Es ist Duende (Daniel Bonilla-Torres, Sprecher), der die zwischen den Menschen liegende Maria (Julia Zenko) im Lunfardo (eine Art spanischer Argot) anfaucht und sie zu neuem Leben erweckt.

Schon hier wird klar, welche Inszenierungsidee Katja Czellnik - nach Peter Grimes für sie die zweite Chance an der Komischen Oper - bei Astor Piazzollas Operita Maria de Buenos Aires hatte: eine Tangowelt reduziert auf das Bandoneon mit Funktion der psychischen und physischen Triebfeder, das den Darstellern die Choreografie einzuhauchen scheint. Starre Bilder werden unterbrochen durch panikartiges Gerenne, bei dem die Akteure mit ihren Instrumenten gegen die Wände prasseln. Ein anderes Mal dient das Bandoneon als Klammer der sich umarmenden Paare. Aber immer beherrscht es als Symbol für den Tango die Personen.

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Wirkte die Inszenierung zwar nicht gerade frisch, gab es doch Neuerungen: Zunächst wurde das Werk in Originalsprache mit deutschen Untertiteln aufgeführt, die leider ab der Hälfte des Abends versagten, was ein großes Fragezeichen über den Köpfen des Publikums hinterließ. Als hätte die Komische Oper schon mit dieser Panne gerechnet, wurde auch gleich der komplette Text im Programmheft abgedruckt (leider nur auf deutsch), so dass andere erwähnenswerte Informationen zu Darstellern, Regie etc. weichen mussten. Der Grund der Aufführung in Originalsprache liegt in der Dichtung bzw. dem Libretto von Horacio Ferrer, die mit der Musik so verschmolzen ist, dass eine Übersetzung wenig Sinn gemacht hätte. Ferrer schuf mit seiner symbolisch geladenen Sprache eine halluzinatorische Metapher des Lebens in Buenos Aires und gleichsam die Geschichte des Tangos, verkörpert in der Figur der Maria. Die zweite Neuerung waren die Laiendarsteller, da es kein Tanztheater mehr an der Komischen Oper gibt. Czellnik äußerte dazu, dass sie diese auf Grund der individuellen und bewegten Biographien ausgesucht hätte. Sie wollte mit der aus unterschiedlichen Schichten und Altersstufen bestehenden Gruppe eine möglichst authentische, tangogerechte Darstellung erreichen.

Durch das stark durchchoreographierte Agieren der Laiendarsteller wurde allerdings eher der Eindruck eines erfahrungsreichen Wochenendworkshops vermittelt. Schon nach einigen der aus acht Bildern bestehenden Operita wirkte das Konzept der Inszenierung abgegriffen. Es blieb daher bei einer netten Unterhaltung, die wenig mit der überaus poetisch-bizarren Welt des Librettos noch mit dem aufreibend-kunstvollen Tango Piazzollas gemein hatte. Dieser hatte den traditionellen Tango Ende der 50er mit seinem tango nuevo revolutioniert, indem er ihn in den Konzertsaal holte und mit Elementen verschiedenster musikalischer Traditionen verband. Das neunköpfige Orchester ließ unter der Leitung von Per Arne Glorvigen, der nebenbei überzeugend Bandoneon spielte, die eigentlich kunstvoll-aufreibende Musik eher lau dahinplätschern. Ebenso glatt aber ohne Feuer blieb der Gesang von Julia Zenko, die von Matthias Klein als Cantor gesanglich übertroffen wurde.



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