07. Oktober 2006
Staatsoper Unter den Linden

Angriff der Killer-Diven

Karsten Wiegand inszeniert Maria Stuarda an der Staatsoper Berlin

Programm

Gaetano Donizetti
Maria Stuarda

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Alain Altinoglu
Inszenierung: Karsten Wiegand
Bühnenbild: Alain Rappaport
Kostüme: Britta Leonhardt
Licht: Andreas Fuchs, Diego Leetz
Chöre: Eberhard Friedrich

Elisabetta: Katarina Karnéus
Maria Stuarda: Elena Mosuc
Roberto: José Bros
Giorgio Talbot: Christof Fischesser
Lord Guglielmo Cecil: Arttu Kataja
Anna Kennedy: Constance Heller

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

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Angriff der Killer-Diven

Karsten Wiegand inszeniert Maria Stuarda an der Staatsoper Berlin

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus

Maria Stuarda: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Was hat die Oper nicht schon für gelungene und gescheiterte Frischzellenkuren hinter sich gebracht? Barockes wurde poppig, die Romantik psychologisch, das Zeitgenössische pervers. Und was passierte mit Belcanto? Mit dem Repertoire der Herren Rossini, Donizetti, Bellini und deren uritalienischem Musikempfinden? Hierzulande, an der Spree, nicht sehr viel, um nicht zu sagen: gar nix. Da hat der Liebhaber nur die Wahl zwischen baufälligem Kitsch (Lucia di Lammermoor, Deutsche Oper Berlin) oder belanglosen Albernheiten (Norma, L’elisir d’amore, beides Staatsoper). Auch die letzten Arbeiten von John Dew (I Puritani, La Sonnambula, beides DOB) boten statt einer bezwingend neuen Sicht auf die Werke eher die Rolle rückwärts ins Regiezeitalter der dekorativen Inhaltslosigkeit. Neue Impulse für die Gattung kamen allenfalls von außerhalb, wie etwa Christof Loys sanft modernisierter Roberto Devereux in München. Bis jetzt. Denn mit Karsten Wiegand stellt sich in Berlin ein Opernregisseur vor, der nicht mehr zur Generation der provokanten oder stilisierenden Theatermacher gehört. Vorbei die Zeit der schwarzen, leeren Bühne, der Primadonna als Putzfrau, dem szenischen Abbild der ach so emotionsgestörten heutigen Gesellschaft. Es ist wieder schick, eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die entführt, mit Kostümen, die komisch und tragisch zugleich erscheinen, und gespickt mit Bühnenbildern, die trotz Einheitskulisse immer in Bewegung bleiben und aufs Fantasievollste aufgehen.

Wiegand sucht in Donizettis Komposition, in Schillers Trauerspiel, findet die Seele zweier Königinnen, die um Macht, Leben und - viel wichtiger - einen Mann kämpfen und sieht darin ein Stück über Schwestern, die sich nur in einem gleichen: in ihrem hohen Grade gegenseitiger Hassliebe. Als Grundlage zur Inszenierung diente der Filmklassiker Whatever Happened to Baby Jane, in dem eine (Hollywood-)Aktrice die andere psychologisch terrorisiert. Elena Mosuc im Rollstuhl und eine fies dreinblickende Katarina Karnéus tragen dieses Konzept lustvoll mit und lassen - dank perfekter Maske - Joan Crawford und Bette Davis als konkurrierende Operndiven wieder auferstehen. Eine weitere Stärke des Abends: Wiegand weigert sich, immer exakt zu sein, lässt vieles lieber im Ungefähren und umschifft so Ungereimtheiten im Libretto. Was ist real oder Einbildung? Spielt es im Altenheim oder doch in der Geistervilla? Ist Maria Stuarda wirklich gelähmt oder markiert sie nur die Hilflose?

Maria Stuarda: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Wiegand muss sich in die Partitur gekniet haben, so tief hat er in sie hinein gehört. Er inszeniert aus ihr heraus Versteckspiele, Bösartigkeiten, göttliche Augenblicke. Zum Ende des ersten Aktes gibt es den ersten Showdown: Stuarda und Elisabetta verlieren die Beherrschung vor versammelter Gesellschaft und gehen sich an die Gurgel. Diese Momente, von Mosuc und Karnéus vortrefflich vorgetragen, lösen in ihrer Köstlichkeit Lachanfälle aus. Die Kunst dabei: Sie büßen nicht ihre Würde, den Wert der Charaktere ein. Zudem besagt eine Anekdote, dass es bei der Uraufführung des Werkes tatsächlich Handgreiflichkeiten zwischen den Sopranen gegeben haben soll. Im zweiten Akt verlagern sich die Gewichte vom rabiaten Kammerspiel übers bewegende Drama bis hin zum Gänsehaut-Finale: Elisabetta selbst entledigt sich der verabscheuten Rivalin und schneidet ihr mit einem Kruzifix die Kehle durch.

Während Elena Mosuc mit überwältigendem Messa di voce und den sicher geführten Koloraturen strahlende Glanzpunkte setzte, bezauberte Katarina Karnéus mit breitem, nachtschwarzem Mezzo und viel Mut zur stimmlichen Hässlichkeit. José Bros’ Tenor überzeugte mit Durchschlagskraft und satter Höhe – ein stürmischer, glanzvoller, voluminöser Roberto. Dies addiert mit einem kernigen Christof Fischesser, einem markanten Arttu Kataja und einer souveränen Constance Heller ließen ein wahres Sängerfest wahr werden. Die Staatsoper hatte sich mit dem in Deutschland noch relativ unbekannten Dirigenten Alain Altinoglu ein weiteres As im Ärmel gesichert. Stets ein wachsames Auge auf die Solisten habend, ließ Altinoglu die formvollendet spielende Staatskapelle ordentlich funkeln. Das Belcanto-Feuer loderte hoch; die Abstimmung mit dem Chor (von Eberhard Friedrich gewohnt meisterlich einstudiert) verlief glänzend. Diese Neuproduktion, wie aus einem Guss, ist in der Berliner Musiktheaterlandschaft die Gelungenste seit langem. Wir haben gelacht, fühlten mit, waren gespannt. Was will man mehr?



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