24. September 2006
Komische Oper Berlin

Sinnlosigkeit statt Sinnlichkeit

Homoki und Petrenko bringen den Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny auf die Bühne der Komischen Oper

Programm

Kurt Weill / Bertolt Brecht
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Inszenierung: Andreas Homoki
Bühnenbild: Hartmut Meyer
Kostüme: Mechthild Seipel
Lichtdesign: Franck Evin
Video: fettFilm (Torge Møller und Momme Hinrichs)
Chöre: Robert Heimann

Leokadija Begbick: Christiane Oertel
Fatty: Christoph Späth
Dreieinigkeitsmoses: Jens Larsen
Jenny: Tatjana Gazdik
Jim Mahoney: Kor-Jan Dusseljee
Jakob Schmidt: Thomas Ebenstein
Bill: Martin Winkler
Joe: Carsten Sabrowski
Tobby Higgins: Peter Renz

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Sinnlosigkeit statt Sinnlichkeit

Homoki und Petrenko bringen den Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny auf die Bühne der Komischen Oper

Von Katrin Kirsch / Fotos: Monika Ritterhaus

Mahagonny: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Mit Brecht und Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, immer noch eine der meist gespielten Opern des 20. Jahrhunderts, gelang Andreas Homoki und Kirill Petrenko ein durchaus interessanter letzter gemeinsamer Wurf zum Abschied des GMD von der Komischen Oper. Obwohl die Regieeinfälle im Einzelnen nicht immer überzeugten (eine historisierte Verwendung der Mittel des epischen Theater z.B. bedeutete, Brechts Regieanweisungen als Videoprojektion mitlaufen zu lassen, oft in bewusstem Kontrast zu den handelnden Personen), gelang ihm schließlich doch das Wunder, das den meisten Produktionen dieses Werks versagt bleibt: dass sich am Ende auf subtile Weise ein unaufdringlicher Aktualitätsbezug offenbarte. Mahagonny - bei der Uraufführung einer der größten Theaterskandale der Weimarer Republik - ist kein kommunistisches Pamphlet, sondern eine sehr gut auf das Heute übertragbare Parabel der menschlichen Zivilisation. Die Sehnsucht nach Frieden und einem Leben frei von Existenzangst steckt in jeder Gesellschaft, jedoch ist diese "Ruhe und Eintracht" dem Menschen im Grunde unerträglich.

In Mahagonny 1 ist diese Utopie verwirklicht, und lockt "die Unzufriedenen aller Länder" in die von den drei flüchtigen Verbrechern neu gegründete Stadt in der Wüste, so auch die vier Holzfäller aus Alaska, darunter der Protagonist Jim Mahoney (stimmlich akzeptabel, wenn auch nicht immer überzeugend dargestellt von Kor-Jan Dusseljee), der sich gleich mit der Hure Jenny (Tatjana Gazdik leider ohne wirklich charakteristisches Profil) den Freuden der Sinnlichkeit hingibt. Doch damit allein kann er sich nicht zufrieden geben, er rebelliert und bringt nach dem über die Stadt hinweg gefegten Hurrikan das alles entscheidende Credo ins Spiel: Du darfst! Alles ist erlaubt, es gibt keine Grenzen mehr. Homokis mit grellbunten Kostümen und Neonleuchtreklamen dargestellte Mahagonny 2 spielt in Las Vegas, wo alles möglich ist - solange man Geld hat. Hier verlieren sich die Menschen in der Sinnlosigkeit, frisst sich Jakob Schmidt aus reiner Lust an der Unvernunft zu Tode, denn "es gibt nichts, woran man sich halten kann" - das ist heute aktueller denn je.

Mahagonny: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Den größten Anteil am Erfolg der Inszenierung hatte jedoch das umwerfende Orchester der Komischen Oper, das unter Leitung von Petrenko eine glänzende Darbietung von Weills stark vom Jazz und der damaligen Popularmusik geprägter Partitur bot. So aufregend gespielt, so logisch und perfekt durchhörbar erlebt man diese Musik selten. Das gut harmonierende Solistenquintett war hauptsächlich mit Ensemblemitgliedern besetzt, stimmlich und darstellerisch hervorstechend war allerdings einzig Jens Larsen als Dreieinigkeitsmoses mit äußerst imponierendem Bass und Christiane Oertel als brutal berechnende Leokadja Begbick. Leider konnten sich die Stimmen besonders in der ersten Hälfte oft gegen das Orchester nicht durchsetzen, woran man zum Teil dem für die Akustik wenig förderlichen Bühnenbild die Schuld geben mag. Dass ein mit Packpapier bezogener Riesenquader im kompletten ersten Akt die Bühne blockierte und nur dazu diente, von Bühnenarbeitern mit Schlagworten wie Netzestadt, Hier darfst du, Verboten bemalt zu werden, wirkte auch optisch störend. Erst nach der Pause wurde der Raum voll ausgespielt und am Ende fiel das ganze Konstrukt in sich zusammen und wurde in Einzelteilen weggetragen.

Das hoch konzentrierte Publikum dankte am Ende allen Beteiligten, aber ganz besonders Kirill Petrenko, mit lang anhaltendem Applaus.



©www.klassik-in-berlin.de