17. März 2006
Staatsoper Unter den Linden

Im Rausch von Blut und Macht

Mussbachs Macbeth an der Staatsoper Berlin

Programm

Giuseppe Verdi
Macbeth

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Michael Gielen
Inszenierung: Peter Mussbach
Bühnenbild: Erich Wonder
Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
Licht: Franz Peter David
Chöre: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: Ilka Seifert

Macbeth: Lucio Gallo
Banquo: Christof Fischesser
Lady Macbeth: Sylvie Valayre
Kammerfrau: Magdalena Hajossyova
Macduff: Andrew Richards
Malcolm: Peter-Jürgen Schmidt
Ein Mörder / Erscheinung / Ein Arzt: Yi Yang
Ein Diener: Bernd Riedel
Fleance: Peter Müller
Erscheinungen: Moritz Breckwoldt, Manuel Nickert
Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor
Komparserie der Staatsoper Unter den Linden

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Im Rausch von Blut und Macht

Mussbachs Macbeth an der Staatsoper Berlin

Von Heiko Schon / Fotos: Ruth Walz


Macbeth - Staatsoper Berlin
Lucio Gallo (Macbeth)
Foto: Ruth Walz

Wie seine Berliner Kollegen Kirsten Harms und Andreas Homoki gehört auch Peter Mussbach zu den inszenierenden Intendanten, die vor der Platzierung auf dem Chefsessel Stücke im jeweiligen Haus erarbeitet haben. Die Regiehandschrift Mussbachs lässt sich immer wieder in den psychoanalytischen Ausleuchtungen erkennen. Angefangen von seiner ausgezeichneten Lulu (1997; Koproduktion mit den Salzburger Festspielen) bis hin zu Faustus, the last night (Januar 2006) steht die verquaste Seele Mensch im Zentrum der Geschichte. Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet sein Publikumsrenner davon eine Ausnahme macht. Diesmal also keine Rückblenden, Gesellschaftsproblematiken oder schlimme Kindheitserinnerungen. Die Büchse der Pandora bleibt geschlossen. Stattdessen feiert Mussbach eine Hommage an die Theatralik, das Entertainment, das Kino.


Macbeth - Staatsoper Berlin
Sylvie Valayre (Lady Macbeth)
Foto: Ruth Walz

Der ganze Bühnenraum, die Proszeniumslogen, ja sogar der Rand des Orchestergrabens sind in purpurnem Rot ausgeschlagen. Fast scheint es, als dränge der kolossale Einheitsraum Erich Wonders nach außen. Nein. Vielmehr zieht es den Zuschauer nach innen, zum Ort mörderischer Handlungen. Die Nacht beginnt wie ein düster-skurriler Film Tim Burtons: Die Hexen ziehen in drei Reihen über die Hügel und freuen sich in Masken und schwarzen Kunststoffkleidern ihrer Untaten. Sie prophezeien Macbeth (mit Dreadlocks und Zottelmantel) die Krone Schottlands und - husch - sind sie in Dreierformation wieder hinter dem Berg verschwunden. Ganze drei Auftritte in der Kategorie grand spectacle legt Mussbach seiner Lady Macbeth zu Füssen: In weißer, japanisch anmutender Robe verliest der blass geschminkte Dämon Macbeths Brief. Die feuerrote Wand im Hintergrund und die weit aufgerissenen Augen der Lady zitieren unübersehbar die Stummfilmära. Nachdem Macbeth selbst Banquo mit der Axt erschlagen hat, lädt Lady Macbeth zum Festbankett und steigt zu Si colmi il calice als goldene Revue-Diva empor. Umso bitterer, dass sie ihre Macht auf Macbeth schwinden sieht, als dieser zu halluzinieren beginnt und ihm langsam die Nerven durchgehen.

Zum Ende der Pause bevölkern erneut die Hexen das Szenarium. Ein kochender Kessel ist zunächst nicht auszumachen, bis die Damen Chorsolisten lustvoll ihren Dance macabre um den nebelzischenden Orchestergraben zelebrieren. Dem Volk verpasst Andrea Schmidt-Futterer (Kostüme) insektenkopfartige Helme - eine unterdrückte, rechtlose Masse. Die Chöre, von Mussbach wirkungsvoll geführt und von Eberhard Friedrich mustergültig einstudiert, klangen im Piano wie im Forte vorzüglich. Zur Nachtwandelszene bäumt sich die Lady ein letztes Mal in unschuldigem Weiß auf, dann zieht es sie ins dunkle Loch hinab. Macbeth ist von der Hölle betrogen worden, verliert sich im Wald von Birnam und wird dort von Macduff geschlagen. Zu Verdis patriotischer Schlussmusik fällt Mussbach nur eins ein: Das Volk wird auch unter seinem neuen Herrscher mit Gewalt und Unterdrückung regiert.


Macbeth - Staatsoper Berlin
Lucio Gallo (Macbeth), Sylvie Valayre (Lady Macbeth)
Foto: Ruth Walz

Dem szenischen Gesamtkunstwerk aus Bühne, Licht, Kostüme und Personenführung standen die Sänger in nichts nach. Mit ganz wenigen Ausnahmen liegen seit der Premiere (November 2000) die Hauptrollen bei Lucio Gallo und Sylvie Valayre. Beiden merkte man den Hang zu großen Gesten an; sie scheinen sich pudelwohl im Regiekonzept zu fühlen. Gallo zeigte auch stimmlich den Zwiespalt seiner Figur in vielerlei Stufen, beispielsweise wenn er die Höhen etwas heruntersetzte, um das Zaudern Macbeths deutlich zu machen oder wenn er melancholische Farben in seine Schlussarie mischte. Sylvie Valayre überzeugte mit einem verblüffend wandlungsfähigen Sopran. In der Cavatina des ersten Aktes offenbarte sie Mut zur Hässlichkeit. Wie von Verdi gefordert klang Valayre rau und schroff und streute sehr grelle Spitzen. In den Duetten mit Macbeth dagegen oder im Trinklied legte sie süße und strahlende Töne ihrer Lady in die Kehle. Hauchzart säuselnd und niedergeschmettert schloss ihr Porträt in der Nachtwandelszene. Soweit die Stimme, doch nicht weniger bezauberte Valayre auch szenisch: Sie genießt das Teuflische, Glamouröse und Manipulative in jeder Sekunde. Aus dem Ensemble stach der jugendlich-kräftige Banquo von Christof Fischesser und der Macduff von Andrew Richards (schluchzend und sehr höhensicher) hervor. Michael Gielen dirigierte kaum revolutionär, aber mit Elan und Kraft, manchmal zu gedehnt gegliedert, im Ganzen aber solide. Einige falsche Einsätze möchte man nicht übel nehmen.



©www.klassik-in-berlin.de