5. April 2006
Komische Oper Berlin

"DJ, spin that Opera"

Die Komische Oper Berlin präsentiert eine Cross-Culture-Version von Mozarts Oper Così fan tutte

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Hip H'Opera - Così fan tutti

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Chatschatur Kanajan
Idee und Konzeption: Markus Kosuch
Choreographie: Nadja Raszewski
Bühne und Kostüm: Sonja Albartus, Mirella Weingarten
Dramaturgie: Anne-Kathrin Ostrop
Musik Arrangement: Wolf Bender, Chatschatur Kanajan
Beat Produzent: kronstädta

Inspizient: Mario Nötzel
Fiordiligi: Nina von Möllendorff
Dorabella: Vanessa Barkowski
Guglielmo: FlowinImmO
Ferrando: BOBMALO
Despina: Jasmin Shakeri
Don Alfonso: Hans Griepentrog
Youth Crew: Starzinger 40 Berliner Jugendliche

Orchester: Carl-Philipp-Emanuel-Bach
DJ: DJ craft

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"DJ, spin that Opera"

Die Komische Oper Berlin präsentiert eine Cross-Culture-Version von Mozarts Oper Così fan tutte

Von Nora Mansmann / Fotos: Monika Ritterhaus

"Jugendliche sind das Publikum von heute", sagt Markus Kosuch, "sie bei der Entstehung einer Musiktheater-Produktion zu beteiligen, ist eine große Chance für das heutige Musiktheater." Gemeinsam mit seiner langjährigen Kollegin Anne-Kathrin Ostrop, derzeit Theaterpädagogin an der Komischen Oper Berlin, hat Kosuch ein hoch ambitioniertes und höchst riskantes Projekt verwirklicht: Es ist der Versuch, zwei völlig unterschiedliche Musikstile zusammenzubringen, und dabei Jugendliche ohne pädagogischen Zeigefinger an die Oper heranzuführen. Am 5. April hatte Hip H'Opera - Così fan tutti an der Komischen Oper Berlin Premiere.

Hip H'Opera: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Das von Kosuch entwickelte Konzept der Hip H'Opera soll die Oper eines alten Meisters mit den Mitteln des HipHop und des Originals neu erzählen - in diesem Fall Mozarts Così fan tutte. Die beiden jungen Männer, die um die Treue ihrer Frauen wetten, sind Rapper, ihre Verlobten singen Sopran und Mezzosopran. Dem Bass des Don Alfonso steht eine groovende Despina gegenüber. Aus dieser Personenkonstellation ergibt sich die musikalische Umsetzung des Abends: Kommen die Opernsänger zu Wort, werden sie vom Orchester des Musikgymnasiums Carl Philipp Emmanuel Bach begleitet. Gleich nebenan im Orchestergraben liefert Sil-Yan Bori (aka DJ craft) Sounds, Beats und Scratches für die Rapper.

Doch die beiden so unterschiedlichen Musikstile stehen nicht nur nebeneinander, sie werden hier auch ohne Berührungsängste vermischt. Das beginnt mit der Ouvertüre, die mit den bekannten Mozart-Takten startet, bis sich ein Beat einschleicht, erst leise, dann dominanter werdend, bis das Orchester schweigt und nur noch gelegentlich mit kurzen Crescendi den Beat akzentuiert. Noch näher zusammen kommen HipHop und Klassik in vielen Gesangspassagen, wenn etwa die rappenden jungen Männer auf ihre Verlobten oder Don Alfonso treffen.

Das funktioniert - bis auf Ausnahmen - erstaunlich gut. Es gibt einige recht schroffe Brüche und Übergänge zwischen langen Streicherbögen auf der einen und Up-Tempo-Beats auf der anderen Seite, insgesamt lässt sich die ungewöhnliche Mischung jedoch sehr gut hören. Hier wurde nicht mit Blick auf Spektakel und Neuheitswirkung Unvereinbares einfach zusammen geworfen, es ist spürbar eine intensive Auseinandersetzung mit dem musikalischen Material beider Stile vorausgegangen. Der Entscheidung, wo beide verbunden werden und wo sie getrennt bleiben, liegen musikalisch-inhaltliche Überlegungen zu Grunde. Oft steht klassische Musik auf der einen, HipHop auf der anderen Seite auch für sich allein.

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Eine sehr lang Passage puren HipHops direkt nach der Pause gibt der Youth Crew Raum für einen Breakdance Battle. Die 40 Jugendlichen aus allen Teilen Berlins und mit den unterschiedlichsten sozialen und kulturellen Hintergründen haben viele Monate mit Choreografin Nadja Raszewski an ihren Figuren und Moves gearbeitet. Beim freundschaftlich-spielerischen Battle tanzt jeder eine kurze Solo-Sequenz. Im Verlauf des Abends sind durchgängig Mitglieder der Youth Crew auf der Bühne: sie stellen mit ihrer Version des Soldatenlieds ("Es ist schön beim Militär") den Chor, der in der Manier singender US-amerikanischer Rekruten auftritt, sie malen am Bühnenbild (allerdings ohne Spraydosen), und sie bebildern tanzend die Vorgänge zwischen den Solisten.

Höchst beeindruckend ist an diesem Abend das hervorragend funktionierende Zusammenspiel der vielen unterschiedlichen Elemente und vor allem die Arbeit der Jugendlichen: Da ist das großartige Orchester vom Musikgymnasium Carl Philipp Emmanuel Bach unter der Leitung von Chatschatur Kanajan, der auch die musikalische Bearbeitung der Oper vornahm und die neuen Passagen komponierte. Vom ersten Ton an spielen die jungen Musiker wie die Profis, und lassen sich weder durch rhythmisch gegenläufige Beats noch durch die komplizierten Wechsel zwischen Rap und Operngesang aus der Ruhe bringen. Und da sind die Tänzer und Tänzerinnen der Youth Crew, die sich mit sichtbarer Freude an der Bewegung sehr locker und unbefangen auf der großen Bühne bewegen und immer wieder beeindruckende Moves und Ensemble-Choreografien zeigen, ohne dass ihre Beiträge zu sehr in den Vordergrund rücken oder bemüht wirken.

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Markus Kosuchs Experiment ist gelungen: Es ist ein unterhaltsamer, sehr humorvoller, künstlerisch ansprechender und anspruchsvoller Abend herausgekommen, an dem Jugendliche an entscheidenden Stellen beteiligt sind - und der zur Premiere ein fast ausschließlich jugendliches Publikum anzog. Was auf der Bühne vielleicht nicht zu sehen ist, ist der große Umfang theaterpädagogisch-begleitender Arbeit: Die intensive Auseinandersetzung der Jugendlichen mit klassischer Musik und HipHop in Theorie und Praxis, ihre Gespräche mit Kirill Petrenko und Peter Konwitschny, die offenen Proben der Youth Crew hinter einem Schaufenster Unter den Linden, die immer wieder Neugierige anzogen und Gespräche über Oper und HipHop entstehen ließen. Auf der anderen Seite wurden und werden theaterpädagogische Workshops für interessierte (jugendliche) Zuschauer angeboten. Nur durch diese intensive Betreuung, durch solche Angebote kann es gelingen, Jugendliche wirklich an die ihnen meist fremde Kunstform der Oper heranzuführen.

Doch es geht hier beileibe nicht nur darum, der Komischen Oper neue Zuschauer zu verschaffen. Ein zentraler Begriff der HipHop-Kultur ist der des Respekts. Im Mittelpunkt der Arbeit an Così fan tutti stand für alle Beteiligten, eine fremde Kunstform kennenzulernen und Vorurteile abzubauen. Nur so ist eine solch enge Zusammenarbeit überhaupt möglich - und der entstandene Respekt ist auf der Bühne zu spüren in der Ernsthaftigkeit, mit der alle an die Arbeit gehen, in der großen Aufmerksamkeit für einander und für die Arbeit des anderen. Nur durch diese respektvolle gemeinsame Arbeit konnte ein Abend entstehen, der zwei Musikstile gleichberechtigt zusammenbringt und nicht den einen Stil nur zum "Aufpeppen" des anderen benutzt. Ebenso kommen alle Beteiligten zu ihrem Recht, werden die Jugendlichen fest eingebunden und nicht als Attraktion und Quotenbringer benutzt.

Ob die jugendlichen Akteure und vor allem die jugendlichen Zuschauer weiter in die Oper gehen werden, bleibt abzuwarten. Doch das ist sekundär. Viel wichtiger ist, dass viele von ihnen diese Kunstform hier überhaupt zum ersten Mal kennengelernt haben - auf eine Art und Weise, die sie nicht langweilt, und auf einer Ebene, die sie verstehen können - das zeigen die sehr positiven Reaktionen am Premierenabend. Viel wichtiger und pädagogisch mit Sicherheit wirksamer als jungen Menschen das bildungsbürgerliche Kulturgut Oper aufzuzwingen, ist es, ihnen Respekt und Spaß an der fremden und zunächst noch schwer verständlichen Kunstform zu vermitteln. Deshalb ist die Hip H'Opera ein extrem wichtiges Projekt, und sollte unbedingt öfter als nur in den drei vorgesehenen Vorstellungen gezeigt werden, nicht nur für junge Zuschauer. Respekt vor anderen Kunstformen können (und sollten!) auch Opernabonnenten noch erlernen.



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