7. Juli 2006
Waldbühne

...und keine Wünsche offen

Gipfeltreffen der Stars in der Waldbühne

Programm

Giuseppe Verdi: Ouvertüre aus "Nabucco"
Francesco Cilea: E la solita storia aus "L'Arlesiana"
Giacomo Puccini: O mio bambino caro aus "Gianni Schicci"
Jules Massenet: Ah! Parais! Parais, astre de mon ciel aus "Le Mage"
Giuseppe Verdi: Già nella notte densa aus "Otello"
Georges Bizet: Entr`acte aus "Carmen"
Georges Bizet: Au fond du temple saint aus "Les Pêcheurs de Perles"
Fran Lehar: Dein ist mein ganzes Herz aus "Das Land des Lächelns"
Giacchino Rossini: Ouvertüre aus "Semiramide"
Maria Grever: Júrame
Franz Lehar: Meine Lippen, sie küssen so heiß aus "Giuditta"
Furio Rendine: Vurría
Ernesto de Curtis: Non ti scordar di me
Giacomo Puccini: O soave fanciulla aus "La Bohème"
Pietro Mascagni: Intermezzo aus "Cavalleria Rusticana"
Leonard Bernstein: Tonight aus "West Side Story"
Mitchell Leigh: The Impossible Dream aus "Man of La Mancha"

Mitwirkende

Orchester der Deutsche Oper Berlin
Marco Armiliato - musikalische Leitung
Plácido Domingo - Tenor
Anna Netrebko - Sopran
Rolando Villazón - Tenor

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...und keine Wünsche offen

Gipfeltreffen der Stars in der Waldbühne

Von Heiko Schon / Foto: Henry Fair

Genauso stellt man sich eine kommerzielle Großveranstaltung in der Klassiksparte vor: Menschenmassen werden in Reisebusse angekarrt, am Merchandising-Stand sind neben CDs auch T-Shirts (u. a. mit Comics von Rolando Villazón) erhältlich, links, rechts, oben, unten lauern die Fernsehkameras und überall blubbern die Bläschen eines Mobilfunkanbieters dem Besucher entgegen. Peter Schwenkow hatte es geschafft: Er selbst begrüßte das aus allen Nähten platzende Waldbühnenrund. Die Stimmung von Anfang an gut, das Wetter hielt. Wegen des vorherigen Gewitters blieben zwar einige Picknickkörbe zu Hause, aber zumindest fand die Veranstaltung statt. Weniger Glück hatte da das Publikum der Konzerte auf Fanmeile und Gendarmenmarkt. Dort fiel beides buchstäblich ins Wasser. Schon bei der Bühne waren Profis am Werk gewesen. Musste Renée Fleming in der italienischen Nacht vom letzten Jahr noch zwischen Grünpflanzenkästen und Betonmauer singen, setzte man das Startrio in einen goldnen Kreis samt Sternchenwand und Stoffbahnen. Dazu tauchte man alles in stimmungsvolle Farben - und die Festtafel war angerichtet.

Villazón-Netrebko-Domingo: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Wurde dieses Konzert schon im Vorfeld als legitime Nachfolge der Drei Tenöre gehandelt, so lag es auch bei Plácido Domingo, die Staffelübergabe mit einer Arie aus L'Arlesiana zu beginnen. Zum Glück enthielt das Programm aber nicht nur "sichere" Nummern (O mio bambino caro) sondern - wahrscheinlich WM-bedingt - auch mexikanische (Júrame) und amerikanische (The Impossible Dream) Stücke mit Seltenheitswert. Aus Angst vor weiterem Niederschlag wurde auf eine große Pause verzichtet. Mit der "zweiminütigen Umbaupause" (O-Ton Schwenkow) war wohl Anna Netrebko gemeint, die ihren Lila-Bonbonniere-Fummel vom ersten Teil korrigierte und nun in schillerndem Rot erschien. Die Arie der Giuditta servierte die Russin bestechend wie glaubhaft - unübersehbar besitzt auch Netrebko heiße Lippen und schmiegsame Glieder. Und warum zwei Tenöre? Na warum denn nicht? Gerade das Duett der Perlenfischer zeigt doch, dass es wunderschöne Stücke für ein männliches Doppel gibt. Ob als Solist, im Duo, im Trio: Jeder wusste auf seine Art das Publikum in den Bann zu ziehen. Rolando Villazón war wieder der stimmathletische Spaßmacher, der schäkernde Lover, während Anna Netrebko als selbstsichere Femme fatale die Bühne enterte, um ihre Reize lustvoll auszuspielen. Und Plácido Domingo? Ist und bleibt Plácido Domingo. Jeder Blick eine ganze Welt, die Gesten emphatisch, die Stimme nach wie vor grandios.

Dschingerassa Bumm! Das Spiel des Klangkörpers von Berlins größtem Opernhaus erinnerte eher an das eines Kurorchesters. Mochte Fabio Armilliato am Pult noch so mit den Armen rudern, es schepperte arg an Ecken und Enden. Ein verbeulter Klang machte sich breit; auch die Abstimmung mit den Sängern klappte nicht immer. Doch das interessierte nur am Rande, denn - Entschuldigung - wegen des Orchesters war man ja nicht gekommen. Bei den Zugaben hielt es niemand mehr auf den Sitzen: Villazón durchflitzte Rossinis La Danza, Netrebko bewies bei Musettas Walzer, dass sie kein Mikro braucht, um 40.000 Ohren zu erreichen und Domingo zeigte mit der mustergültigen Romanze des Leandro, dass er fest im königlichen Tenor-Sattel sitzt. Als Rausschmeißer schier unvermeidlich ist bei solch einem Spektakel wohl das Trinklied aus Verdis Traviata. Aber bei zwei Alfredos - zumal in dieser Sängerklasse - hören wir es auch das hundertste Mal mit Begeisterung. Und weil alle so glücklich waren, sangen sie noch einmal Dein ist mein ganzes Herz. Wie wahr, wie wahr. Elektrisierend.



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