18. März 2006
Staatsoper Unter den Linden

Der Schürzenjäger von Sevilla

Wiederaufnahme von Don Giovanni an der Staatsoper Berlin

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Don Giovanni

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Thomas Langhoff
Bühnenbild: Herbert Kapplmüller
Kostüme: Yoshi'o Yabara
Licht: Franz Peter David
Chöre: Eberhard Friedrich
Choreographie: Torsten Händler

Don Giovanni: René Pape
Donna Anna: Anna Samuil
Don Ottavio: Charles Castronovo
Komtur / Masetto: Mikhail Petrenko
Donna Elvira: Dorothea Röschmann
Leporello: Hanno Müller-Brachmann
Zerlina: Sylvia Schwartz

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor
Komparserie der Staatsoper Unter den Linden

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Der Schürzenjäger von Sevilla

Wiederaufnahme von Don Giovanni an der Staatsoper Berlin

Von Heiko Schon

Es ist der 27. Januar. Am Kassenhäuschen baumelt das Schild "Heute ausverkauft". Der TV-Sender Arte ist im Haus und überträgt live. Alle begehen den Geburtstag unser aller Wolferl, nur Daniel Barenboim wird eine halbe Stunde vor Konzertbeginn mit einem Schwächeanfall ins Krankenhaus gebracht. Das muss bitter für den GMD gewesen sein. Nun aber konnte Barenboim dem Jubilar doch noch die Ehre erweisen und dirigierte die Wiederaufnahme von Don Giovanni. Mit derben Handbewegungen wickelte er in der Ouvertüre die dunkle Süßigkeit aus. Dumm nur, wenn bei diesem Regiekonzept keine Mozart- sondern eine Mottenkugel zum Vorschein kommt.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Dieser Abend war ein riesiges Ärgernis. Den Löwenanteil daran trägt zweifellos der Regisseur. Thomas Langhoff war für einen ganzen Mozart- / Da Ponte-Zyklus verpflichtet worden. Nach einem einschläfernden Figaro wurde er nach dieser Produktion für Cosi fan tutte wieder ausgeladen. Und dies vollkommen zurecht: Angefangen von einem reizlos hässlichen Bühnenbild (Herbert Kapplmüller), welches über die Funktion der Staffage nie hinauskommt bis hin zu einer planlos wirkenden Führung der Charaktere, die ohnehin eindimensional und vorsintflutlich gezeichnet sind, wirkt diese Umsetzung - und das erschreckt bei einem etablierten Theaterprofi wie Langhoff - einfach nur fantasielos, ja zum Teil sogar dilettantisch. Sänger werden armverschränkt an Seitenwände oder nebeneinander an die Rampe gestellt. Sie agieren zum Publikum hin, doch nur selten miteinander. Don Giovanni singt seine Champagnerarie ins Nichts, lacht, trippelt ins Parkett und zur Seitentür hinaus. Das kann man schon zu den kreativeren Einfällen zählen, ansonsten passiert einfach gar nichts. Der tot geglaubte Gesang im Kleid feiert seine Wiederauferstehung, noch dazu in ziemlich phantasielosen Kostümen (Yoshi'o Yabaras). Diese tragen ihren Anteil zur Monotonie der Personen bei: Aus Zerlina und Masetto machen sie ein spießbürgerliches Bauernpärchen, aus Don Ottavio einen Loser im staubgrauen Vertreteranzug. Beide Donnas kommen unerotisch und zugeknöpft daher - wohlbemerkt in einer Oper, wo es hauptsächlich um Verlockung und sexuelle Anziehungskraft geht. Dies alles addiert, macht es unmöglich, die Schicksale dem Zuschauer nahe zu bringen. Mit imaginärem Achselzucken sieht man der Höllenfahrt Don Giovannis zu. Endlich geschafft.

René Pape ist ein intelligenter Sängerdarsteller der jüngeren Generation, ein Juwel im Ensemble der Staatsoper. Sein Don Giovanni besaß jedoch nicht die Eigenschaften des großen Verführers. Im Spiel ruppig und eitel wie ein Vorstadtprolet, im Gesang zwar kernig und fest, aber zugleich unnatürlich und manchmal zu grobschlächtig. Warum solchem Machismo reihenweise Frauen erliegen, blieb leider unbeantwortet. Hanno Müller-Brachmann war indisponiert angesagt. Sein Leporello klang zu verhärtet, röhrte teils. Schade, denn er kann es wirklich besser. Anna Samuils Stimme war in der Führung unflexibel und unsicher; in der Farbgebung eintönig. Ein permanentes Vibrato fiel in gleichem Maße negativ auf wie das temperamentlose Spiel. Auch Charles Castronovo vermochte es nicht, aus seinem lustlos angelegten Don Ottavio auszubrechen. Souverän meisterte Sylvia Schwartz die Zerlina. Mikhail Petrenko konnte mehr als Masetto punkten, für einen Komtur fehlte es ihm deutlich an Schwärze. Einziger Lichtblick: Dorothea Röschmann. Sie schaffte es, die Bruchstücke der Regie zusammenzuhalten, zu profilieren, zu charakterisieren, zu bezirzen. Ihre Donna Elvira war komisch, launisch, traurig. Wenn Röschmann in ihrer Arie (2. Akt) erst zornig wird, Dampf ablässt, um dann dem geliebten Schwerenöter doch noch eine Chance zu geben, war das so einleuchtend, so fesselnd schön gesungen - das macht ihr kein Sopran so schnell nach.

Daniel Barenboim am Pult setzte auf gemäßigte Transparenz, ließ aber auch gern Blech und Pauke dröhnen. Die Partitur erklang zwar mit Liebe zum Detail, neue Wege beschritt Barenboim aber nicht. Zumindest aber hörte sich dieser Mozart wesentlich jünger an, als er beim Blick zur Bühne aussah.



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