12. Februar 2006
Staatsoper Unter den Linden

Keine Angst vor schönen Klängen

Pascal Dusapins Faustus an der Staatsoper Berlin

Programm

Pascal Dusapin
Faustus, the last night

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Michael Boder
Inszenierung: Peter Mussbach
Bühnenbild: Elmgreen & Dragset
Kostüme: Andreas Schmidt-Futterer
Licht: Sven Hogrefe
Dramaturgie: Ilka Seifert

Faustus: Georg Nigl
Mephistopheles: Hanno Müller-Brachmann
Sly: Robert Wörle
Togod: Jaco Huijpen
Angel: Caroline Stein

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

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Keine Angst vor schönen Klängen

Pascal Dusapins Faustus an der Staatsoper Berlin

Von Katrin Kirsch / Fotos: Ruth Waltz

Faustus, the last night: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Eine so gelungene Uraufführung wie Pascal Dusapins Faustus, the last night hat man in der Staatsoper lange nicht gesehen. Trotz des schweren Stoffs (es geht immerhin um die existentiellen Fragen nach Sinn und Ursprung in Faustus' letzter Nacht vor seinem Untergang) war das ein durchaus sinnlicher Genuss, den Peter Mussbachs Inszenierung von Dusapins Oper in komprimierten 90 Minuten ohne Pause bot. Glücklicherweise ließ sich die Musik auch goutieren, ohne alle Verwicklungen und Anspielungen des vom Komponisten verfassten Librettos nachzuvollziehen. Für seine ‚Oper in Zitaten' bediente er sich nach eigenen Angaben bei literarischen und philosophischen Texten von Augustinus über William Blake und Shakespeare bis hin zu Beckett, doch durch diese vielen - oft kleinsten - Bausteine wirkt der Text verworren und intellektuell verschraubt, wenig stringent und etwas zu konstruiert. Dass die Oper dennoch kein kopflastiges Übergewicht aufweist, liegt an der gut nachvollziehbaren Dynamik der Musik, mit der Dusapin, durch seine vier vorangegangenen Opern mittlerweile auch außerhalb Frankreichs renommiert, einmal mehr beweist, dass er keine Angst vor schönen Klängen hat.

Faustus, the last night: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Die Staatskapelle unter Leitung von Michael Boder, erweitert durch Tonband und eine Perkussionsgruppe, setzte die weite Amplitude an Ausdrucksmöglichkeiten sehr plastisch um - ein ausgewogenes Zusammenspiel aus instrumentalen Passagen von intensiver Schönheit und fast romantischer Ergriffenheit und sehr sängerfreundlichen Melodien der Solisten, gebettet auf einen schwebenden, von Chromatik und Mikrointervallen durchzogenen orchestralen Klangteppich. Der Umgang mit extremen dynamischen Kontrasten und die Wirksamkeit der Pausen belebte das kommunikative Geschehen auf der Bühne, das als Gespräch zwischen Faust und Mephisto über den Ursprung und Sinn des Lebens beginnt. In elf Stationen spielt Dusapin die letzte Nacht vor der Apokalypse durch, wobei er sich v.a. auf die Textvorlage von Christopher Marlowe beruft, bei der Fausts Verdammnis von Anfang an unausweichlich ist. "Von Anfang an ist alles schon vorbei" umriss er selbst den der Oper innewohnenden Pessimismus.

Die Beschränkung des Bühnenraums auf die kreisförmige Fläche des schräg gestellten Ziffernblatts einer riesigen Uhr erwies sich als sehr wirkungsvoll. Die sich vor- und rückwärts bewegenden Zeiger der Uhr stellten die verrinnende Zeit keinesfalls plump symbolisch dar. Der Aktionsradius des geschlossenen Kreises wurde nur selten nach vorne hin aufgebrochen, als nach und nach alle Zahlmarkierungen des Ziffernblatts wie Bauklötze herausgehoben und scheinbar ohne System auf der Vorbühne aufgebaut wurden.

Faustus, the last night: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Zu den beiden Hauptfiguren, die als ähnlich kostümiertes Paar und dadurch eher als Dopplung denn als Antagonisten erschienen (großartig: Hanno Müller-Brachmann als dämonischer Mephistopheles und Georg Nigl als ständig zwischen Angst und Schalk schwankender Faustus) tritt ein Engel, der verzweifelte Versuche unternimmt, Faustus zu retten. Die Einführung dieser außerhalb des Geschehens stehenden allegorischen Figur erweist sich als exzellenter Einfall von Dusapin, der ursprünglich vorgehabt hatte, die Oper nur mit Männerrollen zu besetzen. Dank des wundervollen Soprans von Caroline Stein, der sich fast durchgängig in extremen Höhen bewegen muss, wirkte dies nie penetrant, sondern mischte sich gut mit den Männerstimmen. Im zweiten Teil lässt Dusapin ein weiteres Figurenpaar dazu treten: Sly, ein unschuldiger "clochard céleste" nach dem Vorbild des stets betrunkenen Narren bei Shakespeare, und Togod, der direkt Becketts Warten auf Godot entsprungen sein könnte und bizarrerweise in einem etwas albernen Schneehasenkostüm auftrat.

Auf die große Steigerung zur Apokalypse folgt Stille, Bewegungslosigkeit. Der Engel ist tot. Ganz zum Schluss tauchte ein weißer Luftballon aus dem Boden auf, der von Sly mit den letzten Worten der Oper "There is nothing" zerstochen wurde - eine etwas platte Symbolik der totalen Negation, die den insgesamt sehr positiven Eindruck von Konzept, Bühne und Musik doch etwas minderte.

Eine Koproduktion mit der Opéra de Lyon, Gastspiel am Théâtre du Châtelet, Paris
In Zusammenarbeit mit UltraSchall - Das Festival für neue Musik



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