28. Februar 2006
Philharmonie

Die Vorspeisen als Hauptgang

Wagner, Schönberg und Brahms mit dem DSO

Programm

Richard Wagner
Vorspiel zur Oper Lohengrin

Arnold Schönberg
Fünf Orchesterstücke op. 16

Richard Wagner
Vorspiel und Isoldes Liebestod aus der Oper Tristan und Isolde

Johannes Brahms
Symphonie Nr. 4

Mitwirkende

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Kent Nagano - Dirigent
Waltraud Meier - Sopran

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Die Vorspeisen als Hauptgang

Wagner, Schönberg und Brahms mit dem DSO

Von Heiko Schon / Foto: Wilfried Hösl

Tja, schön wär's gewesen. Doch leider gab es für das Berliner Publikum nur den Appetizer. Das Vorspiel zu Wagners romantischem Lohengrin hinterließ ein mächtiges Hungergefühl. Die leise einsetzenden, süßlich flirrenden Streicher, die aus der Ferne zu kommen schienen, mischten sich mit Posaunenklängen, wie sie kraftvoller nicht sein könnten. Kent Nagano läutete den Frühling ein und kostete in entspannter Tempowahl die zehnminütige Vision vom Schönheitsideal des Dreiklangs aus. Neben dieser Ouvertüre darf sich zu Pfingsten der Besucher des Festspielhauses Baden-Baden auch über den Rest der Oper freuen, wenn das DSO Berlin anreist, um unter ihrem Noch-Chef dreimal den Lohengrin in der Regie von Nikolaus Lehnhoff erklingen zu lassen.

Deutlich straffer geriet danach Schönbergs Opus 16. Nagano zupfte an den expressionistischen Fäden der fragmentarischen Musik und ließ den intelligenten Schöngeist raushängen. Das passte besonders gut zu den Melodiefetzen des ersten und vierten Stückes. Durch seine unbeschwerte Interpretation wurden selbst geschärfte Klangbilder, die sonst beim Zuhörer ein hohes Maß an Konzentration erfordern, leicht konsumierbar. Cool.

Waltraud Meier

Wagners Prelude zu Tristan und Isolde stieg träumerisch und fein gegliedert empor. Eine metaphysische Wiedergabe, bei denen Nagano elegant die Töne verwischen und verhauchen ließ. Bis zum Tristan-Akkord herrschte ein fast schwebender Zustand. Dann schnellten die Motive nach vorn, das Sehnen nach Liebe wurde stärker, lauter. Der Damm riss. Das Vorspiel verschmolz nonchalant mit der Verklärungsszene. Wagner selbst hatte diese Version für eine Aufführung in St. Petersburg erstellt. Isolde war in Waltraud Meiers Kehle gut aufgehoben. Die gestalterisch stärksten Momente lagen bei Beginn und Ende des Liebestods. Nur im Mittelteil blieb Meier in Textdeutlichkeit und Ausformung etwas unter ihren Möglichkeiten. Eine leicht bellende Höhe fiel kaum negativ auf; Meier stellte ihren Ruf als Wagner-Sängerin von Weltformat erneut unter Beweis.

Nagano zog in höchster Lust den Vorhang zur Pause zu, um ihn danach in stürmerischer Lebensfreude wieder aufzureißen. Hell strahlte der Sonnenschein über dem Anfangsthema; nachdenkliche Idylle indes wurde nicht bemerkt. Wenn sich bei Brahms letzter Symphonie vieles im Verborgenen abspielen soll, dann war das an diesem Abend wortwörtlich zu nehmen. Zwar trat nicht das ganze Beziehungsgeflecht an der Oberfläche, aber die vier Sätze sind für ein einfaches Funktionsprinzip bekannt. Diesen Grundsatz griff Nagano mit verschärftem Rhythmus und lebhaftem Kontrast auf.

Die fast sechsjährige Chefdirigenten-Ära Nagano, die im Juni 2006 zu Ende geht, war sehr fruchtbar für das Deutsche Symphonieorchester Berlin. Der Übergang vom Rundfunk- zum Konzertorchester wurde erfolgreich vollendet, das Programmprofil geschärft, der Klang gewann an Harmonie und Flexibilität. Wenn Nagano mit der Saison 2006/07 das Amt des Generalmusikdirektors an der Bayerischen Staatsoper München übernimmt, bleibt er aber als erster Gastdirigent mit dem DSO in Verbindung. Zu seinem Nachfolger wurde Ingo Metzmacher berufen.

Wer selbst reinhören möchte: Das Konzert wurde vom rbb Kulturradio aufgezeichnet und wird am 15.04.2006 um 20.04 Uhr gesendet (UKW 92,4 Mhz / Kabel 95,35 Mhz).



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