18. Januar 2006
Philharmonie

Heiter und tragisch

Yefim Bronfman und Alan Gilbert zu Gast beim DSO

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 22 Es-Dur KV 482

Gustav Mahler
Symphonie Nr. 6 a-Moll

Mitwirkende

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Alan Gilbert - Dirigent
Yefim Bronfman - Klavier

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Heiter und tragisch

Yefim Bronfman und Alan Gilbert zu Gast beim DSO

Von Katrin Kirsch

Yefim Bronfman, in der vergangenen Saison Pianist in Residence der Berliner Philharmoniker, gastierte am 18. und 19. Januar bereits zum dritten Mal mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, diesmal unter dem New Yorker Alan Gilbert, der damit sein Berlin-Debüt gab. Bronfman ist bekannt dafür, technisch heikle Werke mit unbezähmbarer Risikobereitschaft zu meistern und sich mit großer Leidenschaft vor allem auf dramatische Konzerte zu stürzen. Man denke z.B. an seine außergewöhnliche Technik im 2. Klavierkonzert von Prokofjew im Mai letzten Jahres in der Philharmonie oder seine ausgezeichnete Einspielung der drei Bartók-Klavierkonzerte, für die er den Grammy Award erhielt.

Yefim Bronfman

Bei Mozarts KV 482 jedoch ist mehr Delikatesse und Transparenz gefordert. Bronfmans Interpretation des ersten Satzes enttäuschte hier zu oft, da nicht jeder Ton klar herausgearbeitet war und perlende Skalen durch zu starken Pedalgebrauch verschleiert wurden. Die typischen ausladenden Es-Dur Fanfaren, die den Eingangssatz des 1785 entstandenen Konzerts prägen, bieten bei näherer Betrachtung wenig thematische Substanz. Diese — im Grunde geistreiche Unterhaltungs- — Musik verträgt keine großen Gesten; einmal mehr wird klar, wie schwierig das Simple und Heitere darzustellen ist.

Wesentlich erfreulicher war der langsame Variationssatz, schon der verhaltene c-moll Beginn der Streicher wirkte viel konzentrierter als der 1. Satz. Besondere Erwähnung verdienen an dieser Stelle die exzellenten Holzbläsersolisten des DSO, die sehr gut aufeinander eingespielt sind und in wahrhaft entrückter Schönheit dialogisieren. Auch im Rondo wurde keine Gelegenheit zum Brillieren verspielt, das Klavier stimmte mit perlenden Skalen und diesmal passend gesetzten Akzenten ein.

Der Kontrast zwischen diesem ersten Teil und Mahlers 6. Symphonie nach der Pause hätte kaum größer sein können. Es ist wenig verwunderlich, dass die 6. weniger populär ist als Mahlers andere Symphonien, wirkt sie doch meist sehr bedrückend und düster. Den Beinamen "Die Tragische" erhielt die 1906 in Essen uraufgeführte Symphonie schon auf dem Programmzettel der Wiener Erstaufführung. Die gewaltigen Ausmaße - 80 Minuten insgesamt, allein das Finale dauert eine halbe Stunde - machen das Werk nicht gerade publikumsfreundlich.

Der 1. Satz ist ein kriegerischer Marsch, dominiert von grellen Einwürfen, hämmernden Ostinati und aggressiver Rhythmik, unterbrochen von einem pastoralen Mittelteil, der geprägt ist von diskretem Einsatz von Celesta und Herdenglocken. Hier beeindruckte wieder der weiche Klang der Bläser, der die Fähigkeit der Solisten, mit der Musik zu atmen, demonstrierte. In der von Mahler revidierten und üblicherweise gespielten Fassung folgt das Scherzo, das direkt an den Gestus des Eingangssatzes anschließt. Ganz anders, befreiend und unwirklich nach diesem martialischen 1. Satz, wirkt das Andante, das sich nach der Reihenfolge der Essener Urfassung anschließt, die vom DSO bevorzugt wurde. Hier nahm sich Gilbert scheinbar unendlich viel Zeit, um auf fahlem Streicherteppich wunderschöne Bläsersoli sich entwickeln zu lassen, die sich bis zur höchsten Emphase am Ende steigerten.

Das Finale ist allgemein bekannt dafür, sich sehr in die Länge zu ziehen. Leider fiel es auch dem DSO unter Gilbert schwer, über diesen langen Zeitraum die Spannung zu halten. Das Orchester überzeugte am meisten in den eher nachlässig musizierten, entspannten Momenten. Die berühmt-berüchtigten Hammerschläge — vom versierten Konzertbesucher schon bei Anbruch des Finales mit Spannung erwartet — sind in der Urfassung noch drei an der Zahl, in der späteren Fassung wurden sie auf zwei reduziert. Der bedrohliche Effekt des Holzhammers ist allerdings mehr optischer denn akustischer Art, so dass Gong und Becken verstärkend mitwirken. Sehr ergreifend gelingt Gilbert das in sich zusammenbrechende, schockierend plötzliche Ende. Das Publikum bricht in jubelnden Beifall aus, vielleicht auch ein wenig, weil das Monumentalwerk einmal wieder überstanden ist.



©www.klassik-in-berlin.de