15. August 2006
Admiralspalast

So eine Pleite!

Brandauer inszeniert die Dreigroschenoper mit Starbesetzung

Programm

Kurt Weill / Bertolt Brecht
Die Dreigroschenoper


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Mitwirkende

Regie: Klaus Maria Brandauer
Musikalische Leitung: Jan Müller-Wieland
Bühne: Ronald Zecher
Ausstattung: Petra Reinhardt

Produktion: Lukas Leuenberger
Ari Benjamin Meyers - Leitung

Deutsches Filmorchester Babelsberg

Frau Peachum: Katrin Sass
Herr Peachum: Gottfried John
Polly: Birgit Minichmayr
Macheath: Campino
Polizeichef Brown: Michael Kind
Lucy: Jenny Deimling
Jenny: Maria Happel
Pastor Kimball: Walter Schmidinger
Smith: Romanus Fuhrmann
Filch: Paul Sigmund

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So eine Pleite!

Brandauer inszeniert die Dreigroschenoper mit Starbesetzung

Von Katrin Kirsch

Die Wiedereröffnung des Admiralspalast nach fast zehn Jahren mit einem der berühmtesten Werke der Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts - ein riesiger Hype im Vorfeld und was für eine Enttäuschung! Weder die Darsteller mit den ach so berühmten Namen wie Campino von den Toten Hosen, Gottfried John, Katrin Sass u.v.a. noch Regisseur Klaus Maria Brandauer konnten den Erwartungen, die durch die monatelange Vorberichterstattung geschürt worden waren, gerecht werden.

Dreigroschenoper: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Eine exzentrische Kombination von Partnern haben die Veranstalter vorzuweisen: die Deutsche Bank als Hauptsponsor und ein stadtbekanntes Obdachlosenmagazin als Medienpartner. Das Programmheft des Abends ist eine neue Ausgabe des Straßenfegers und die aus dem öffentlichen Nahverkehr vertrauten üblichen Verdächtigen verkaufen dieses nicht nur vor den Toren des Admiralspalast, sondern eben auch in den U-Bahnen. Genau die angestrebte Mischung aus Glamour und Gosse!

Schon vorab bestand kein Zweifel, dass der 1911 eröffnete Admiralspalast, einer der ersten Vergnügungspaläste, nicht als Glitzertheater sondern als Baustelle wieder eröffnet werden würde. Noch einen Tag vor der Premiere schien nicht sicher zu sein, ob diese tatsächlich stattfinden konnte, da die Bauaufsicht noch zahlreiche Mängel feststellte, die eine Genehmigung hätten gefährden können. Produzent Lukas Leuenberger tobte, Brandauer äußerte sich begeistert von der Baustellenatmosphäre - "besser geht's nicht" für die Dreigroschenoper.

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Statt mit dem weltberühmtesten Hit von Kurt Weill begann Brandauer seine Dreigroschenoper mit Elgars Pomp and Circumstance, vom Band wohlgemerkt. Der eiserne Vorhang hob sich und erst ganz langsam wurde der Zuschauerraum abgedunkelt. Eine aggressive Stimme beschallte den Saal, der samtene, leuchtend rote Vorhang öffnete sich und erlaubte den Blick auf Brechts Halbgardine mit dem berühmten Schriftzug "Die Dreigroschenoper" - ein vielversprechender Beginn.

Jedoch die Darsteller, mit deren berühmten Namen kräftig die Werbetrommel gerührt worden war, waren die erste Enttäuschung. Von Gottfried John, dessen Gesicht man aus Fassbinders Filmen und aus Golden Eye kennt, hätte man mehr erwartet. Wo ist seine Energie und Überzeugungskraft hin? Ausgelaugt von den zermürbenden Proben auf der Baustelle? Katrin Sass kam am Anfang etwas zu komödiantisch daher, konnte ihre Glaubwürdigkeit im Laufe der Vorstellung jedoch steigern. Einzig Birgit Minichmayr als Polly hatte Charakter und hob sich von dem sonst eher blass agierenden Ensemble ab. Mit rauer und kratziger Stimme gab sie den Song der Seeräuber-Jenny zum Besten. Aber warum musste sie dabei so unmotiviert auf dem Sessel in der Ecke herumlungern? Das will nun wirklich nicht einleuchten.

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Und Campino? Er schlug sich wacker in seiner ersten Schauspielrolle neben all den erfahrenen Theaterschauspielern. Positiv zu bemerken ist, dass er tatsächlich als Mitglied des Ensembles, ohne Starallüren, auftrat, und sein Erscheinen nicht besonders hervorgehoben wurde. Und das, obwohl der Medienrummel sich ja vor allem auf seine Person und die Kombination mit Brandauer konzentrierte. In einem Interview meinte er: "Ich kämpfe mich schon durch, man braucht sich um meinen Gesang keine Sorgen machen. Und wenn das Orchester mal in eine ganz andere Richtung läuft als ich, dann werde ich es zum Ende des Liedes wieder eingeholt haben." Für eine so ambitionierte Produktion reicht diese Attitüde aber nicht aus. Und leider war er auch nicht der Einzige, bei dem sich genau dieses Gefühl einstellte. So fiel Campino allerdings auch nicht unangenehm auf neben seinen Kollegen.

Musikalisch war die ganze Aufführung eine ziemliche Katastrophe. Zu keinem Zeitpunkt entstand das Gefühl, dass Orchester und singende Schauspieler an einem Strang ziehen. Das Filmorchester Babelsberg spielte unter der Leitung von Jan Müller-Wieland - meist viel zu schnell - im Graben vor sich hin; selten waren Sänger und Orchester synchron, wobei das tatsächlich mehr den Darstellern als dem Filmorchester anzulasten ist. Man könnte dagegen halten, dass es einen gewissen Verfremdungseffekt in musikalischer Hinsicht auch bei der Uraufführung gegeben hat, da die Kapelle nicht im Orchestergraben, sondern im hinteren Teil der Bühne aufgebaut war und Dirigent und Schauspieler sich gegenseitig den Rücken zuwandten. Leider ließ sich dieses unmusikalische Auseinanderdriften von Solisten und Musikern nicht als V-Effekt wahrnehmen, sondern einfach nur als unsensibel. Hört das denn niemand? Oder war es ihnen egal?

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Die größte Enttäuschung jedoch war die Inszenierung, die bei der Premiere auch gründlich ausgebuht wurde. Brandauer hat nach eigenen Angaben versucht, eine klassische Inszenierung ohne großes Spektakel auf die Bühne zu bringen. Diese ist aber einfach nur langweilig. Nun muss man eingestehen, dass - so berühmt und immer noch packend die Songs der Dreigroschenoper sind - das Stück nicht gerade ein großer Wurf ist und einige Tücken und Schwachstellen bereithält, die von guten Regisseuren seit nunmehr bald 80 Jahren mehr oder weniger geschickt überbrückt werden. Das konventionelle Bühnenbild von Ronald Zechner wäre in Ordnung gewesen, wenn es gelungen wäre, den Raum mit etwas mehr Leben zu füllen. Aber Brandauer hatte nicht nur keine originellen Einfälle, sondern offensichtlich gar keine. Vom angeblichen Schwung und Glanz der Zwanziger Jahre war hier jedenfalls nichts zu spüren. Was komplett fehlt, ist Humor. Ohne den funktioniert aber das Stück nicht und in unserem 21. Jahrhundert sowieso nicht.

"Heutig" bedeutet für Brandauer nur "heute inszeniert", die aktuelle Legitimierung sollte die Produktion über die Konstellation der populären Namen erhalten. Etwas unbefriedigend. Zwischenzeitlich tat es einem Leid um die vielen verschenkten Gelegenheiten: Die Schauspieler standen größtenteils unmotiviert im Raum herum und sagten brav ihren Text auf. Keine Bewegung, keine Dynamik, keinerlei Personenregie. Ein "rauschender, interessanter, unterhaltsamer Abend, an dem die Leute gezwickt, gebissen und umarmt werden" (Brandauer in einem Interview) war das jedenfalls nicht.

Die Gesamtdauer der Vorstellung stellte mit 2 ½ Stunden ohne Pause gehörige Anforderungen an das Sitzfleisch der Zuschauer. Manch einer hätte sich vielleicht eine zweite Hälfte auch gar nicht mehr angetan. Aber auch die 4. Veranstaltung war ausverkauft und das bei den nicht gerade moderaten Kartenpreisen - was will man mehr?

Bis zum 1. Oktober ist die Dreigroschenoper noch täglich außer montags im Admiralspalast zu erleben.



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