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8. Januar 2006 Deutsche Oper Berlin Puccini zwischen Nonnen und NonsensWagners Urenkelin inszeniert Il Trittico an der Deutschen Oper |
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ProgrammGiacomo PucciniIl Trittico (Il Tabarro, Suor Angelica, Gianni Schicci) |
MitwirkendeDeutsche Oper BerlinMusikalische Leitung: Stefano Ranzani Inszenierung: Katharina Wagner Bühne und Kostüme: Alexander Dodge Dramaturgie: Robert Sollich Chöre: Ulrich Paetzholdt Suor Angelica: Cristina Gallardo-Domas La Zia Principessa: Marina Prudenskaja La Badessa: Ute Walther La Suora Zelatrice: Ulrike Helzel La Maestra delle Novizie: Ceri Williams Suor Genovieffa: Melissa Shippen Suor Osmina: Fionnuala McCarthy Suor Dolcina: Lucy Peacock La Suora infermiera: Cheri Rose Katz Le Cercatrici: Tina Scherer / Marianne Doren La Novizie: Stefanie Weiss Le Converse: Irene Maas / Saskia Klumpp Gianni Schicchi: Alberto Rinaldi Lauretta: Fionnuala McCarthy Zita: Marina Prudenskaja Rinuccio: Kenneth Tarver Gherardo: Clemens Bieber Nella: Melissa Shippen Gherardino: Alessandro Pajkovic Betto di Signa: Harold Wilson Simone: Piér Dalàs Marco: Bernd Valentin Ciesca: Cheri Rose Katz Maestro Spinelloccio: Tadeusz Milewski Amantio di Nicolao: Hyung-Wook Lee Pinellino: Imma Nagne Jun Guccio: Miomir Nikolic Michele: Paolo Gavanelli Luigi: Vincenzo La Scola Tinca: Jörg Schörner Talpa: Harold Wilson Giorgetta: Chiara Taigi Frugola: Ceri Williams Un venditore di canzonette: Yosep Kang Due amanti: Angelika Vilkama, Olli Juhani Rantaseppä Soprano: Andrea Schwarzbach Tenore: Yosep Kang Das Orchester der Deutschen Oper Berlin Der Chor der Deutschen Oper Berlin |
Puccini zwischen Nonnen und NonsensWagners Urenkelin inszeniert Il Trittico an der Deutschen OperVon Heiko Schon / Fotos: Bernd Uhlig Selbst in heutiger Gegenwart, wo die Regierung heimlich, still und leise die Kunst- und Kultursubventionen herunterschraubt, sind die Opernhäuser auf das Wohlwollen der Machthaber angewiesen. Man schmückt sich gern in der hauseigenen Zeitung oder auf der Premierenfeier mit einem so schillernden Bürgermeister wie Klaus Wowereit. Die Deutsche Oper Berlin steht jetzt, wo mit der Neuproduktion Il Trittico die Festtage für den italienischen Komponisten begannen, sicher in höchster Gunst des geouteten Puccini-Fans. Hoffen wir, dass unser Stadtoberhaupt bis Anfang Februar noch mindestens einmal Zeit finden wird, um den Klängen seines Lieblings zu lauschen. Natürlich ist Wowereit nicht die Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet jetzt diese Festtage stattfinden. Da das aber scheinbar niemand richtig weiß, beantworten wir lieber die Frage, warum Katharina Wagner als Regisseurin eingeladen wurde: Weil es auch im Opernbusiness Vetternwirtschaft gibt. Weil es darum geht, die Urenkelin eines begnadeten Genies als Künstlerin zu etablieren. Auf Teufel komm raus, damit sie bis zu ihrer ersten Arbeit bei den Bayreuther Festspielen (2007: Die Meistersinger von Nürnberg) und erst recht zur Amtsübernahme auf dem grünen Hügel in der Szene einen Namen hat. Katharina Wagner, Jahrgang 1978, studierte an der Freien Universität Berlin Theaterwissenschaften, absolvierte Regieassistenzen bei Keith Warner und Harry Kupfer (beides Bayreuth-Regisseure) und inszenierte bereits zwei Werke ihres Urgroßvaters in Würzburg und Budapest. Nach ihrer dritten Produktion am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz (Lortzings Waffenschmied) ist Katharina Wagner nun mit den drei italienischen Einaktern in Berlin gelandet. Ursprünglich waren auch drei Regisseurinnen verpflichtet worden, aber Kirsten Harms soll von Wagners Arbeit so begeistert gewesen sein, dass sie die beiden anderen wieder auslud. Mal im Ernst: Würde man ihre Deutungen im Stadttheater sehen, wären sie sensationell. Aber an einem Opernhaus, an dem bereits moderne Akteure wie Konwitschny, Freyer und Neuenfels gewütet haben, sieht es ein wenig anders aus.
Der Abend beginnt in abgeänderter, nicht ganz nachvollziehbarer Form mit Schwester Angelica. Wenn die Nonnen - grau in grau - nicht dem stupiden Klosteralltag nachgehen, verdrängen sie mit einer Tüte Chips ihre Wünsche. Diesen Moment nutzt dann auch die heilige Madonna für eine Zigarettenpause. Bevor Jesus blinkend über Betten läuft, um die Schwester höchstpersönlich zu erlösen, weiß wenigstens Marina Prudenskaja ihren Bombenauftritt als selbstgefällige Tante zu nutzen. Ihr kühl-erotischer Mezzo war hier ideal besetzt; die szenischen Kabinettstückchen (auch Zita in Gianni Schicchi) stahlen dem restlichen Ensemble eindeutig die Show. Cristina Gallardo-Domas besitzt eine schlanke, dennoch sicher geführte Stimme. Sie zeichnete die Angelica mit warmen, seidigen Farbstrichen.
Gianni Schicchi stellte sich im Anschluss als größter Missgriff des Abends heraus, weil Wagner partout keine Komödie erzählen will. Die Figuren werden belanglos geführt und lächerlich skizziert (allen voran die Lauretta von Fionnuala McCarthy als eine Art Paris Hilton von Neukölln), das Tempo der flotten Buffo-Oper verschleppt. Der tote Buoso Donati bleibt gleich im Bett, weil heutzutage gar kein Schauspiel zum Rechtsbruch mehr notwendig ist. Gianni Schicchi hat jedenfalls das Gesetzbuch und deren Hüter auf seiner Seite. Ein zynischer Seitenhieb, dessen Potenzial leider total verschenkt wird. Alberto Rinaldi gab einen Schicchi, dem die Komik und Kaltschnäuzigkeit seiner Rolle vollkommen ab ging.
Der Mantel startet ebenfalls mit angezogener Handbremse, die sich dann doch noch löst und einen Lichtblick darauf gibt, was aus diesem Abend hätte werden können. Wagner schält den Kern der Handlung - den Kindstod - heraus, wirft die Rahmengeschichte über Bord und versenkt den Schleppkahn gleich mit. Die Szenen der Großstadt-Ehe von Giorgetta und Michele spielen sich zwischen Einbauküche, Ledersofa und Designerbett ab. Fremdgehen beginnt im Kopf: Giorgetta träumt sich ihren wilden Stier Luigi herbei, während Michele noch wichtige Telefonate erledigt. Vorwurfsvoll sieht sich die eine als Rabenmutter, der andere stürzt sich in die Arbeit. Leergebrannte Partner, die den Verlust des Sohnes nebeneinander verdrängen, statt gemeinsam zu überwinden. Die Besetzung war auf prachtvollstem Niveau: Die seelenwunde Chiara Taigi, der volltönende Paolo Gavanelli und ein robuster Vincenzo La Scola boten ein beglückendes Sängerfest. Stefano Ranzani setzte auf Hochleistungsdruck, der sich auszahlte. Aus dem tief abgesengten Graben erklang leuchtend helle, kräftige Musik; erstaunlich sicher schlug sich das Orchester der Deutschen Oper durch alle drei Werke. Was immer wieder verblüfft, ist, wie schnell sich die Gemüter eines Publikum erhitzen lassen: Wütende Orkane und ein paar Bravos für eine Regisseurin, die solche Reaktionen jetzt als Erfolg verkaufen kann. |