10. September 2006
Staatsoper Unter den Linden

Viele stille Töne

Robert Wilson inszeniert sich selbst und Schönberg an der Staatsoper

Programm

Robert Wilson: The murder from »deafman glance« (Schauspiel)
Arnold Schönberg: Erwartung

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Eine Frau: Anja Silja

Regie, Bühne, Licht: Robert Wilson
Kostüme: Moidele Bickel
Mitarbeit Regie: Jörn Weisbrodt
Mitarbeit Bühne: Serge von Arx
Mitarbeit Kostüm: Yashi Tabassomi
Mitarbeit Licht: Urs Schönebaum
Dramaturgie: Holm Keller

Staatskapelle Berlin

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Viele stille Töne

Robert Wilson inszeniert sich selbst und Schönberg an der Staatsoper

Von Werner Friedrich / Fotos: Monika Rittershaus

Drei grandiose Abende boten Robert Wilson und Daniel Barenboim dem Publikum der Staatsoper Unter den Linden zum Beginn der neuen Saison: Darin war dem Monodram Erwartung, Schönbergs erstem Bühnenwerk aus dem Jahr 1909, ein Ausschnitt aus Wilsons eigenem Schauspiel Deafman Glance aus den späten 1960er Jahren vorangestellt. Die Kombination der beiden machte aus zwei höchst bemerkenswerten Produktionen einen wahrlich großen Abend.

Schönbergs recht kurzer Einakter lässt sich auf der Opernbühne ohne Ergänzung kaum sinnvoll aufführen, doch lässt er sich musikalisch genau so schwer mit einem anderen Werk kombinieren: Mag die Spieldauer der frühen atonalen Partitur auch nicht lang sein, ist doch mehr als genügend Musik darin vorhanden, um einen ganzen Abend auszufüllen. So war Wilsons Entscheidung, der Erwartung ein Stück von vollkommener Stille voranzustellen, schlichtweg genial zu nennen.

Deafman Glance/Erwartung: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Ob es an den beiden musikalischen Darstellern lag, dass in Deafman Glance die Stille scheinbar zum Klingen gebracht wurde? Immerhin stand da, stumm und wie in äußerster Zeitlupe sich bewegend nicht nur der Meisterregisseur Wilson selbst auf der Bühne, sondern er hatte die großartige Anja Silja als Gegenüber. In hochgeschlossenem Schwarz gekleidet und mit weißen, bleichen Köpfen demonstrierten sie in höchstem Maße stilisiert, wie elterliche Fürsorge und Aggression mitunter zwei Seiten einer Medaille sein können. Eigentlich passiert fast nichts auf der Bühne, und gleichzeitig geschieht alles: Kinder werden umsorgt und dann ermordet, Taten im Affekt offensichtlich, die in der Realität wohl nur wenige Augenblicke lang wären, hier aber lang ausgedehnt werden, um die schreckliche Zielgerichtetheit dieses Tuns sichtbar zu machen. Nur wenige inszenierte Zeichen erlaubt sich Wilson darin, etwa die Betonung der Täterhände, die schon auf dem Eingangstableau, das beim Öffnen des Zuschauerraums fertig dasteht, hervorstechen. Sie allein lassen noch eine gewisse innere Aufruhr der beiden Personen ahnen, die hier fast völlig parallel auf zwei getrennten Podien agieren. Die Stille demonstriert jedoch, dass diese Reste an Emotionalität keinen Ausweg bieten und auch zwischen den Parallelwelten keine Verständigung möglich ist.

Deafman Glance/Erwartung: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Die Sinnfälligkeit der Verbindung dieses Theaterausschnitts zu Schönbergs Erwartung ist schlagend: Auch diese Handlung kann man als Dehnung eines einzigen schrecklichen Erlebnisses sehen, aber wo zuvor eisiges Schweigen und Stille herrschte, wird nun die Gefühlswelt mit vielen, aber wenigsagenden Worten ausgedrückt, während gleichzeitig die mitreißende und aufwühlende Musik eine Ahnung davon gibt, worum es wirklich geht. Die Inszenierung, eine Neuauflage von Wilsons Salzburger Produktion aus dem Jahr 1995, vermeidet sämtliche Peinlichkeiten, die man dem Stück durch naturalistische Bebilderung antun kann.

Wilson geht sogar noch einen Schritt weiter: Er nimmt das Stück als konzertante Oper und inszeniert dann das Konzert, und zwar im Opernhaus. Das hat mit herkömmlicher Opernregie wahrhaft nichts mehr zu tun. Mit seinen minimalen Mitteln visualisiert er keine äußere Handlung mehr, ja nicht einmal eine innere Handlung, sondern, wie sich das für ein Konzert anbietet, die Musik, den eigentlichen Handlungsträger. Eine Verbindung zum davor gespielten Theaterstück mag in dem wiederum prononcierten Einsatz der Hände zu sehen sein, die nun keine Täterhände mehr sind, sondern nur mehr die Hände eines verwirrten und verzweifelten Menschen. Licht und ganz wenige kurz aufleuchtende stilisierte Objekte bestimmen die Bühne. Die Musik hat, wie in der konzertanten Aufführung, die man eigentlich für die Erwartung als einzig adäquat ansehen wollte, allen Raum, den sie benötigt. Und was musikalisch geleistet wurde, war großartig: Anja Silja, die diese Rolle schon seit vielen Jahren kennt, singt den schwierigen Part nach wie vor höchst präzise und füllt mit ihrer gänzlich stilisierten Präsenz die Bühne perfekt aus. Die Staatskapelle unter Daniel Barenboim setzte die Partitur mit hoher Intensität und großer Präzision um.



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