27. April 2006
Philharmonie

Mit Karacho in den Frühling

Barenboim und Bartoli zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Symphonie Nr. 35 "Haffner"
Klavierkonzert Nr. 22
"Ch`io mi scordi di te?" - "Non temer amato bene" - Rezitativ und Rondo für Sopran, obligates Klavier und Orchester
"Parto, ma tu ben mio" - Arie des Sesto aus der Oper La clemenza di Tito
Symphonie Nr. 36 "Linzer"

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Daniel Barenboim - Dirigent und Pianist
Cecilia Bartoli - Mezzosopran

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Mit Karacho in den Frühling

Barenboim und Bartoli zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Heiko Schon

Es war einer dieser Abende, an denen man nur in freudige Gesichter blickt, aufgekratzt die Kulturstätte verlässt und sich im Anschluss beim gemeinsamen Gläschen Mosel seines Glückes freut. Euphorische Momente, deren nachklingende Wirkung man unbedingt festhalten möchte. Ein Begriff wie "Abokonzert" wirkt da wie pure Untertreibung. Vielmehr läuteten Daniel Barenboim, Cecilia Bartoli und die Berliner Philharmoniker den lang ersehnten Wechsel der Jahreszeiten ein. Wie das geht? Man setzt mit Mozarts Musik Endorphine frei. Bereits in der Haffner-Symphonie sprudelten die Frühlingsgefühle durch den Saal: Von ersten zarten Knospen bis zum strahlenden Blumenmeer durchquerte Barenboim die vier Sätze in ungewohnt flotter Tempowahl. Feuriges Allegro, hurtiges Presto. Das darauf folgende Klavierkonzert Nr. 22 erwies sich als logische Schlussfolge. Barenboim schlenderte mit leisen, weichen, verspielten und auch ironischen Anschlägen durch blühende Landschaften. Der Pianist blieb seiner spontan wirkenden Art treu - mit jeder Note im Kopf.

Cecilia Bartoli

Mit Cecilia Bartoli findet Mozart schließlich sein gesangliches Pendant: virtuose Musikalität gepaart mit praller Lebenslust. Ihren Auftritt bewältigte das römische Energiebündel mit Aplomb und jeder Menge Charme. Das Rondo und Rezitativ der ersten Konzertarie, in der es - mal wieder - um Liebeskummer geht, schien Bartoli auf den Leib geschrieben: Zarte, unter der Klavierbegleitung fast liedhafte Klänge zu denen Bartoli die Kulleraugen weit aufriss, ihr bezauberndes Piano in die Waagschale warf und zwischen Schwermut und Fröhlichkeit genau den richtigen Ton traf. In der Sesto-Arie aus der Oper Titus brillierte Bartoli mit ihrer berühmten Koloraturtechnik, virtuosem Legato und einem herzlichen Lachen in die finalen Akkorde hinein. Einige Applausminuten und Blumengeschenke später servierte Bartoli mit Un moto di gioia noch eine wundervolle Zugabe und hinterließ ein Publikum in höchster Ekstase.

Wer jetzt dachte, dass sich die Linzer-Symphonie nun als Bremsklotz erweisen würde, musste sich von Barenboim eines Besseren belehren lassen. Es ist ein Werk mit durchaus zweifelnden Momenten, mit klitzekleinen Tränchen. Für Barenboim und die Philharmoniker (welche zum Dahinschmelzen spielten) sind es Tränen der Freude. Auf dem Podium steht ein Maestro, der dieser Bezeichnung vollauf gerecht wird: Charismatisch, mit großen Gesten und Taktstockschlägen, die bald an einen lassoschwingenden Cowboy erinnern, galoppiert er durch den letzten Satz. Barenboim steckt die Zuhörer in seine Tasche und Mozart - der ewig jugendliche Schelm - grinst mehrmals um die Ecke.



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