23. April 2006
Philharmonie

Melancholie in tausend Farben

Pelléas et Mélisande konzertant mit den Berliner Philharmonikern

Programm

Claude Debussy
Pelléas et Mélisande

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Rundfunkchor Berlin
Simon Rattle - Dirigent

Mélisande: Angelika Kirchschlager
Arkel: Robert Lloyd
Pelléas: Simon Kennlyside
Golaud: Laurent Naouri
Geneviève: Anna Larsson
Yniold: Solist des Tölzer Knabenchores
Arzt: Guillaume Antoine
Schäfer: Michael Timm
Seeleute: Mitglieder des Rundfunkchors Berlin

Chris Moulds - Choreinstudierung

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Melancholie in tausend Farben

Pelléas et Mélisande konzertant mit den Berliner Philharmonikern

Von Heiko Schon

Einmal Salzburg und zurück. Kaum sind die Osterfeiertage vorbei, verlassen die Berliner Philharmoniker die österreichische Festspielhochburg, um der hiesigen Zuhörerschaft ihre diesjährige Oper - Debussys Meisterwerk Pelléas et Mélisande - vorzustellen. Da sich die Begeisterung zur abstrakt-sterilen Regie von Stanislas Nordey sowieso in Grenzen hielt, sollte man es sicher verschmerzen können, wenn auf die szenische Umsetzung - wie jedes Jahr - verzichtet wurde. Es lässt sich schwer beantworten, wie viel weniger mehr sein kann, aber eins lässt sich dreieinhalb Stunden später mit Gewissheit sagen: Mehr ist weder nötig noch möglich. Es reicht schon, wenn Angelika Kirchschlager ihr rotes Seidenkleid von Kostümbildner Raoul Fernandez im Köfferchen nach Berlin verstaut, die Solisten ihre Rollen mit viel beseeltem Spiel und ohne Textbuch übers Podium führen, das Orchester weder dem Psychodrama noch dem Seelenschicksal etwas schuldig bleibt, Sir Simon Rattle die Ernte seiner Arbeit genussvoll einfährt, um den symbolistischen Zauber des Fünftakters ans Licht zu bringen.

Angelika Kirchschlager

Angelika Kirchschlager war als zartziselierte, silbrig leuchtende Mélisande ein Hochgenuss. Ihr Mezzo - samtig timbriert und sicher geführt - ragte mit lyrischer Eleganz und brennendem Espressivo heraus. Egal ob in somnambuler Versunkenheit oder engelsgleicher Leichtfüßigkeit: Kirchschlager untermauerte ihren Ruf als eindringliche Singschauspielerin. Der tadellos singende Simon Keenlyside besaß ohne jeden Zweifel die stimmlichen Voraussetzungen für die Titelrolle. Er servierte einen hingebungsvoll hellen und schüchternen Pelléas, der dennoch eine Spur zu anständig und resonanzarm klang. Ähnlich erging es Laurent Naouri. Nouri bot zwar genügend Aggressivität, Volumen und baritonale Kraft, konnte aber in puncto Stimmfarbe auf keine große Palette zurückgreifen. Oftmals fehlte es an genügend (schwarzen) Schattierungen für den innerlich kranken, von Neid zerfressenen Golaud. Dem gegenüber entschädigte jedoch die darstellerische Seite: Die Befragung Yniolds geriet durch Nouri zu einem bewegenden wie spannenden Kammerspiel. Yniold selbst war in der leuchtenden und präsenten Kehle eines Solisten des Tölzer Knabenchors allerbestens aufgehoben. Aus dem restlichen Ensemble stach Robert Lloyd als durchdringender, respektvoll-stolzer König Arkel heraus. Die übrigen Solisten (Anna Larsson, Guillaume Antoine und Michael Timm) bewiesen solides Mittelmaß.

Alle Sänger teilten das gleiche Schicksal: Egal wie viel Hingabe, Stimmakrobatik und spielerische Sinnlichkeit geboten wurde, sie kamen gegen einen solchen Klangkörper wie die Berliner Philharmoniker nicht an. Rattle sträubte sich gegen eine subtile, fließende Wiedergabe und suchte vielmehr nach Wohlklang in der Zerbrechlichkeit, nach einem Klangbild, welches in seiner Zartheit schimmerte und in der Zuspitzung zu Zerbersten drohte. Immer auf geheimnis-, auf spannungsvollem Wege mit der Melancholie im Nacken, die Emotion verfolgend. Ein zarter, orchestraler Kuss, kaum zu spüren, fast illusorisch und dann die Eruption. Musik, überirdisch schön, die nicht von dieser Welt zu kommen scheint. Wem fehlt da der Brunnen? Wer braucht Requisiten? Für die Opernstiftung mit ihren drei Häusern bleibt zu hoffen, dass Rattles Leidenschaft für Bühnenstücke Episode bleibt, sonst droht hier ernsthaft Konkurrenz und der Überlauf eines Publikums, welches die Nase von abgenudeltem oder platt provokantem Regietheater gestrichen voll hat. Der Schluss nicht anders als erwartet: Ein ausverkaufter Saal im Freudentaumel.



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