23. Februar 2006
Philharmonie

Nebeneinander

Die Philharmoniker mit Gästen

Programm

Johannes Brahms
Violinkonzert D-Dur op. 77

Alexander von Zemlinsky
Lyrische Symphonie op. 18

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Donald Runnicles - Dirigent
Leonidas Kavakos - Violine
Christine Brewer - Sopran
Bo Skovhus - Bariton

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Nebeneinander

Die Philharmoniker mit Gästen

Von Hans Beckers / Fotos: Ken Howard (Drewer), Sabine Hauswirth (Skovhus)

Nimmt man die Interpretation zum Maßstab, die der griechische Geiger Leonidas Kavakos bei seinem Auftritt im vierten Konzert der Abo-Reihe der Berliner Philharmoniker dem Violinkonzert von Brahms zuteil werden ließ, so besteht der erste Satz dieses Werkes vorwiegend aus einer Fülle von melancholischen und nachdenklichen Abschnitten. Kavakos versenkt sich in die Details, hört dem Verklingen der Töne nach, besitzt Geschmack und Stil und hat technische Probleme, abgesehen von ein paar winzigen Unebenheiten im Schlusssatz, längst hinter sich gelassen.

Gewicht, Sinn und Funktion gewinnen diese Episoden allerdings nur, wenn sie unter ein überspannendes Allegro-Tempo gezwungen werden. Daran aber fehlte es doch schmerzlich. So erlahmte etwa der Schwung, den Kavakos in der souverän gemeisterten Nonen-Stelle aufnahm, schon nach wenigen Takten. Im Vergleich zu einer der Referenzaufnahmen des Brahms-Konzertes, der ungleich dramatischeren Lesart Ginette Neveus (1946), benötigte Kavakos nicht von ungefähr für den Kopfsatz runde zweieinhalb Minuten mehr.

Im zweiten Satz findet sich bei più largamente eine Art Rezitativ, schwärmerisch, ja leidenschaftlich, dass Henryk Szeryng in seiner äußersten Steigerung als einen menschlichen Schrei empfand. Kavakos blieb hier zu neutral, scheute vor impulsiver Akzentuierung zurück. Die versuchte der Dirigent Donald Runnicles, dem dabei aber manche rein orchestrale Passagen im Vergleich zum kontemplativ vorgehenden Solisten allzu massiv gerieten. So musizierte man auf hohem Niveau eher neben- als miteinander. Wenn im dritten Satz das Thema der Violine vom Orchester aufgegriffen und gesteigert wird, müsste zudem den Philharmonikern einiges an Eleganz und federndem Schwung mehr abverlangt werden.

Christine Brewer Christine Brewer

Von der Lyrischen Symphonie bemerkte der Zemlinsky-Biograph und Werk-Herausgeber Antony Beaumont, die Musik offenbare ihre wahre Schönheit und Kraft nur, wenn sie mit Disziplin und besonnener Zurückhaltung dargeboten werde. In der Aufführung erfordere die Partitur mozartsche Anmut und Präzision. Weil Donald Runnicles bis in den dritten Gesang hinein die Klangfluten kaum hinreichend eindämmte, nahm man den Orchestersatz als aufgetrieben und undurchdringlich wahr. Erst wenn in Rabindranath Tagores Gedichten das leidenschaftliche Verlangen dem Überdruss und der Desillusionierung weicht, erscheint es offensichtlich leichter, den filigranen Orchesterstimmen nachzugehen. Zum unschätzbaren Vorteil gereichte der Aufführung das Aufgebot zweier Gesangssolisten, die sich einhellig demselben Qualitätsstandard verpflichtet wussten. Weder Bo Skovhus, den seine klanglich bestechende obere Mittellage insbesondere im dritten Gesang zu intensivem, bewegendem Ausdruck befähigte, noch Christine Brewer, die samtweiche Oktavsprünge und schärfenlose Spitzentöne präsentierte, ließen sich zu unangemessenem Forcieren verleiten. Damit erwiesen sie Zemlinsky den denkbar besten Dienst. Kurzer, nicht allzu heftiger Beifall.



©www.klassik-in-berlin.de